Alles im Flow - ein perfekter Turniertag

Craig (18 Jahre, rechts) und Harry (17 Jahre) bei den Australian Open

Australian Open 2020 Tagebuch

Alles im Flow - ein perfekter Turniertag

Von David Vorholt, Melbourne

Angenehme Temperaturen, keine Hitze, kein Regen, weit und breit kein Rauch. Ein rundum perfekter Turniertag lädt zum ausgiebigen Rundgang über das Gelände ein. Nach einem verregneten Auftakt komme ich heute so richtig in den Australian-Open-Flow

Was heißt eigentlich "G'day"?

"Guten Morgen!" oder auch "G'day!" - so hört man es nämlich in Melbourne, dem Austragungsort der Australian Open. Im australischen Slang wird das morgendliche "Good Day" etwas verschluckt. In diesem Sinne: G'day und viel Spaß bei unserer täglichen Kolumne!

Kapitel 1: Alles dabei, nur keinen Regenschirm 

G’day Melbourne - auf ein neues. Ein wirklicher "G’day" war der erste Tag nicht. Stundenlang strömender Regen, Turnierplan schon im Hintertreffen. Schreiben, Pressekonferenzen, zwischendurch immer wieder Blick nach draußen: Regen. Kein Ende und irgendwann auch keine Skyline mehr in Sicht. Rucksack voller Equipment. Habe an alles gedacht. Im Apartment liegen sogar Atemmasken für den Fall der Fälle bereit. Was ich nicht habe, ist ein Regenschirm. Der Weg dorthin, wo ich einen kriegen kann, ist genauso weit wie der zur Tram. Patt. 

Keine der beiden Linien, die ich nehmen kann, kommt. Umweg über Melbournes Stadtstrand St. Kilda. Es gießt, die Scheiben der Tram sind vollkommen beschlagen. Irritiert durch die schlechte Sicht verpasse ich meine Haltestelle. Wegen des starken Regens entscheide ich mich für einen spontanen Querfeldeinlauf und spekuliere auf eine Abkürzung. Stattdessen verirre ich mich. Zu Hause angekommen. Nur noch raus aus den Klamotten. Schlafen. Denke noch an den Tweet von Petra Kvitova: "We are all grateful for the rain today." Recht hat sie.

Kapitel 2: Tennis-Show, alles im Flow 

6.30 Uhr: Wecker klingelt. Graue Wolkendecke im Morgengrauen. Blick auf den Wetterbericht: Schauer heute möglich, Temperaturen um 21 Grad. "Four seasons in a day" heißt es hier. Melbournes schnelle Wetterumschläge sind berüchtigt. Gestern war nur Regen. Mal schauen, wie es heute wird. 

Die Sonne scheint auf die Anlage. Kostümierte Fans lassen sich mit Polizisten abbilden. Heiterkeit. So kennt man den "Happy Slam". Bahne mir den Weg durch Menschenmassen. Geschäftiger Staff, aufgebrezelter Jetset, Casuals, legere Normalos, bunte Vögel. Ich bin auf dem Weg zu den Trainingscourts, da stehen sie vor mir: grün-gelbe Aussie-Montur von oben bis unten. Sogar die Gesichter in den Nationalfarben angemalt. Dazu ein lustiger Hut mit kleinen Bommeln. Craig und Harry sind 18 und 17 Jahre alt und kommen aus dem Norden von Queensland. Gar nicht so leicht zu verstehen bei ihrem Akzent - "Kuainsländ"

Die zwei sind unterwegs im Namen des Tennis. Seit zwei Wochen. Gold Coast, Adelaide und so weiter. Kleine Turniere im Süden und Südosten. Jetzt das große Ding in Melbourne. Haben sicher vorher gejobbt, Taschengeld bezahlt das nicht. Craig hat die Route auf das T-Shirt, das er trägt, drucken lassen. Dazu in großen Lettern "Southern Tour 2020". "Weil wir Freaks sind", lautet die Antwort auf meine Frage nach dem Grund ihres Outfits. "Tennis- oder Australien-Freaks", frage ich. "Beides", antworten sie einstimmig. Überzeugt, keine weiteren Fragen.  

Ein anderer, "echter" bunter Vogel im Baum macht Geräusche, die kein Vogel in unseren Gefilden macht. Für Aussies normal, für Europäer exotisch. Auf dem Court nebenan hat Cedrik-Marcel Stebe gerade den ersten Satz gegen den Franzosen Benoit Paire abgegeben. Könnte besser laufen für ihn. Für mich gerade kaum. Alles im Flow im Melbourne Park.

Das erste Fußballtrikot, das mir über den Weg läuft, entgeht dem geschulten Auge nicht. Arsenal. Nicht mein Ding. Zwei Sekunden später kommt einer im Inter-Trikot um die Ecke. Mehr Sympathie. Aber zu spät ist zu spät. Egal, wo ich unterwegs bin: Ein Fußballtrikot entgeht mir nicht. Vorgestern in der Tram einen im Ajax-Trikot gesehen. Saß zufällig auf dem einzigen mit orangenem Stoff bezogenen Sitzplatz in der Tram. Schöner Meta-Humor. Kurz gelacht, dann zurück zum Pressezentrum. Es ist kurz nach 12 Uhr. High Noon. Gefühlt jeder Dritte trinkt Aperol Spritz. Alles im Flow. 

Kapitel 3: Endlich mal in Ruhe Tennis schauen 

Mittagspause. Aperol Spritz gibt es keinen. Nur einen kleinen Snack und einen Kaffee. Ein leicht unaufgeräumter Boris Becker ist auch auf der Suche nach Kaffee, entscheidet sich aber nicht für die Espresso-Bar hier, sondern fürs Weitersuchen. Pause vorbei. Interview mit einem Kollegen vom britischen "Telegraph". Der ist seit drei Wochen in Australien, war beim ATP Cup in Sydney. Jetzt hier. Beide Städte komplett eingeraucht erlebt. Interessante Erzählungen. Muss kurz auf ihn warten. Der Brite Kyle Edmund hat Matchball gegen sich. Der Serbe Lajovic nutzt ihn. "God" und "Common Kyle" seufzen die alten Reporterhasen in unnachahmlicher britischer Art. Anspannung verfliegt, Ernüchterung macht sich breit. 

Gael Monfils spielt. Will den ersten Auftritt dieses außergewöhnlichen Spielers unbedingt sehen. Gestern nur gelesen, er sei gehandicapt wegen einer Verletzung, die er sich beim Videospielen zugezogen hat. Ich bin trotzdem oder gerade wegen solcher Geschichten Fan. Monfils ist anders, Monfils est magnifique. Alles im Flow heute. Perfekter Turniertag. Weitere werden folgen.

Stand: 21.01.2020, 07:47

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