G’day Melbourne - Finale überall

Fans von Novak Djokovic vor der Rod Laver Arena

Australian Open 2020 Tagebuch

G’day Melbourne - Finale überall

Von David Vorholt (Melbourne)

Vor Djokovic und Thiem hat ein Tram-Fahrer seinen ganz großen Auftritt. Wird wie vieles andere, das in zwei Wochen Australian Open hier passiert, ist in Erinnerung blieben. Das Finale ist hochklassig und spannend - wie erwartet. Zum letzten Mal heißt es G’day und anschließend G’night und G’bye Melbourne.

Kapitel 1: Tram-Fahrt mit Bruce  

Zwei Wochen jeden Tag Tram. Apartment - Turnier, Turnier - Apartment. Heute mal einen anderen Weg genommen und in Linie 72 umgestiegen. Fahrer fragt quer durch den Waggon: "Zum Tennis?" "Ja." Er hat die Akkreditierung gesehen. Hier sagt übrigens niemand "zu den Australian Open". Man geht immer nur "zum Tennis". "Gestern waren die Junioren-Finals. Bei den Damen hat Sofia Kenin gewonnen, die ist fast auch noch Juniorin", sagt der Tram-Fahrer durch. 

Dann wieder Frage an mich. "Wo kommst du her?" "Deutschland." "Schönen guten Tag." "Danke." "Wie geht es?" "Gut." Interview quer durch den Waggon, ausnahmsweise Mal selbst befragte Person. Gang durch die Tram, Fahrer wird sichtbar. Schätze Anfang 60. Schnurrbart, markante Brille, freundliches Lächeln. "Ich bin Bruce, Melbournes lustigster Tram-Fahrer", sagt der Entertainer. "Angenehm." Bruce dreht sich um und fängt an zu plaudern. Mitten im Verkehr. Keinen störts. Sicher schon bekannt auf dieser Linie. 

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"Ich habe mal eine Weile in München gelebt und kann ein klein bisschen deutsch", sagt Bruce (auf englisch): "Das schönste war das Schlittschuhfahren auf zugefrorenen Flüssen und Seen im Winter", sagt er. Weiter geht’s. Bruce begrüßt Gäste in acht Sprachen. Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Griechisch, Italienisch und auf "Bruce-Style", wie er es nennt: "Aye, welcome on Board", sagt er und rollt das "r": "Ich bin ihr Captain. Es klingt zwar so, als hätte ich einen Pagagei auf der Schulter, aber das ist nicht so." Verrückter Typ.

Tram hält. Frage nach Foto. "Klar", sagt Bruce und kommt raus. Will gerade abdrücken. "Warte." Bruce huscht in die Kabine und kommt mit Tennis-Schläger und -Ball wieder raus. "Google nach Melbournes lustigem Tramfahrer", sagt er zum Abschied: "Es gibt Artikel und Youtube-Videos über mich. Und ich habe einen Instagram-Kanal." Stimmt alles. Profi halt. Was für ein Tram-Finale! 

Kapitel 2: Advantage Djokovic 

Finale auch in Rod Laver. Kenin gestern bei den Damen gewonnen - Stadion war nicht ganz voll. Heute Djokovic - Thiem. Siebenfacher Aus-Open-Sieger aus Serbien der klare Favorit. Thiem allerdings bärenstark. Dreimal gesehen, dreimal voll überzeugt. Djokovic auch Favorit bei den Fans an der großen Leinwand am Garden Square. Serbische Flaggen und Klamotten wo man nur hinschaut. Österreich: Fehlanzeige. Vielleicht alles schon im Stadion. Unter den serbischen Fans hier draußen sind viele junge und offensichtlich spontane dabei, die das nötige Kleingeld für ein Finalticket wohl auch nicht haben. Hier draußen schlagen die Djokovic-Anhänger die von Thiem um Welten - Vorteil Djokovic. Match geht los. 

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Kontrahenten stehen in Katakomben der Arena. Thiem ist als Erster da. Dann kommt "Nole". Österreicher wirft nicht einen Blick zum Gegner rüber. Djokovic relaxter. Fängt an, in Thiems Sichtfeld Dehnübungen zu machen. Psychologische Kriegsführung. Im Kopf hat das Match begonnen, ehe die beiden auf dem Platz sind. Einlauf. Thiem lässt den Blick einmal am Pokal entlangschweifen. Dann wieder Fokus. Aufschlag Djokovic. Bringt er problemlos durch. Aufschlag Thiem. Djokovic mit dem Break. Spätestens jetzt sind die letzten Zweifel daran, wer Favorit ist beseitigt. Und dass obwohl dem Österreicher im ersten Spiel gleich zwei Asse gelingen. "Aces for Bushfire relief" stand vor Finale bei 11.082 während der Tennis-Saison Down Under. Gut 5,8 Mio. australische Dollar. Es werden sicher einige Asse folgen. 

Kapitel 3: Unschlagbar in Melbourne 

In rund vier Stunden hochklassigem Tennis gibt es auf beiden Seiten einige Asse. Besseres Ende allerdings für Djokovic. Thiem war dran, aber am Ende "Djoker" nervenstark wie eh und je. Scharmützel mit Schiedsrichter. Schwacher zweiter und dritter Satz. Kann ihn am Ende alles nicht aufhalten. Achter Titel in Melbourne. Acht Mal hier im Endspiel gestanden, achtmal anschließend Pokal entgegengenommen. 

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In Rod Laver Arena viele für Thiem an diesem Abend gehalten. Djokovic ist nicht "Everybodys Darling" wie zum Beispiel Federer. Doch alle haben am Ende Respekt vor der enormen Steigerung des Serben, nachdem ihm das Match schon entglitten schien. Applaus der knapp 15.000 Zuschauer. Tennis-Legende Rod Laver unter ihnen. Djokovic mit achtem Titel hier auch Legende. Melbourne kann er einfach. 

Kapitel 4: G’night & G’bye Melbourne 

Augen brennen. Alle Interviews sind gemacht. Mitten in der Nacht. Tram fährt, weil Wochenende ist. Tür auf, Treppchen rauf. Kein Bruce. Kaum ein Gast. Ein letztes Mal ruckelt mich eines der alten aber zuverlässigen Schätzchen nach Hause. Halbschlaf. Next stop: Orrong Road. Gerade noch gemerkt. Dank der Ansage. Hat nicht jede Tram. Nur die alten. Die ganz alten nicht. Glück gehabt.

Zehn Minuten Fußweg. Vorbei am wunderschönen creme-weißen Holden-Kombi mit Ledersitzen. Hersteller baute seit 1856 Autos in Australien. Bis 2017. Alles Geschichte. Australian Open 2020 auch Geschichte. Holden-Kombi während der zwei Wochen nicht einmal bewegt. Kleinen Stein auf Reifen gelegt. Liegt noch da. Wer so alt ist, muss nicht mehr schuften. G’night Melbourne.

Stand: 02.02.2020, 14:45

ATP | Weltrangliste

Name P
1. Novak Djokovic 10220
2. Rafael Nadal 9850
3. Dominic Thiem 7045
4. Roger Federer 6630
5. Daniil Medwedew 5890
6. Stefanos Tsitsipas 4745
7. Alexander Zverev 3630
8. Matteo Berrettini 2860
9. Gael Monfils 2860
10. David Goffin 2555

WTA | Weltrangliste

Name P
1. Ashleigh Barty 8717
2. Simona Halep 6076
3. Karolina Pliskova 5205
4. Sofia Kenin 4590
5. Jelina Switolina 4580
6. Bianca Andreescu 4555
7. Kiki Bertens 4335
8. Belinda Bencic 4010
9. Serena Williams 3915
10. Naomi Osaka 3625
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