Tennis-Rüpel Kyrgios will ein besserer Mensch werden

Australiens Nick Kyrgios bejubelt seinen Sieg gegen den Franzosen Gilles Simon

Australier äfft Nadal nach, schlägt aber auch demütige Töne an

Tennis-Rüpel Kyrgios will ein besserer Mensch werden

Von Jannik Schneider (Melbourne)

Nick Kyrgios ist nicht erst seit seinen beiden Auftaktsiegen bei den Australian Open der Hoffnungsträger des Gastgeberlandes. Dabei spielt Profi-Tennis bei ihm oft nur eine untergeordnete Rolle - und noch öfter steht sich das Enfant terrible der ATP-Tour auch selbst im Weg.

Beim Spielstand von 6:2, 5:4 und 15:15 im Zweitrundenspiel gegen den Franzosen Gilles Simon lies sich der Hauptprotagonist in der nahezu ausverkauften Melbourne Arena nach dem Ermessen des Schiedsrichters bei der Vorbereitung für den nächsten Aufschlag zu lange Zeit. Über 24 Sekunden verfügt ein Spieler zwischen den Ballwechseln. Kyrgios kassierte dafür am Donnerstag (23.01.2020) eine Verwarnung.

Ein Ass als Antwort - aber nicht nur

Nach ein paar bösen Worten in Richtung des Unparteiischen, die vom heimischen Publikum mit lauten Pfiffen begleitet wurden, fokussierte sich der Australier wieder auf die gelbe Filzkugel und hämmerte wenige Sekunden später ein Ass mit deutlich mehr als 200 Stundenkilometern in das schräg gegenüberliegende T-Feld seines Gegners. Die Zuschauer standen Kopf.

Doch der Rechtshänder hatte sich noch nicht beruhigt, nahm die Argumentationskette mit dem Stuhlschiedsrichter wieder auf. Dann folgte der Höhepunkt: Der 24-Jährige imitierte wie aus heiterem Himmel Sandplatzkönig Rafael Nadal und dessen bekannte Routinen vor einem Aufschlag. Kernaussage der Einlage: Dieser Typ braucht noch viel länger als ich.

Mann für die große Show

Das alles ist Nick Kyrgios: nicht immer aufmerksam, rüpelhaft, mit körperlich herausragenden Fähigkeiten und allen voran ein Mann für die große Show. Sein bestes Tennis hat der Weltranglisten-26. aus der Hauptstadt Canberra in den vergangenen Jahren nur sehr unregelmäßig aufblitzen lassen. 2014 und 2015 erlangte er mit zwei Viertelfinaleinzügen in Wimbledon und in Melbourne große Bekanntheit. Seitdem folgen auf eher kurze sportliche Hochs auch viele Tiefs.

Geradlinig ist aber auch sein Einstieg in den Tenniszirkus nie verlaufen. Der Sohn von Einwanderern aus Griechenland (Papa) und Malaysia (Mama) war als Kind "fett", wie Kyrgios selbst sagt. Es gibt viele Berichte, die dennoch früh vom herausragenden Balltalent des Teenagers im Basketball und Tennis erzählen. Auf Tennis spezialisierte er sich, als sich im Juniorenbereich die ersten Erfolge einstellten. Er gewann ausgerechnet die Australian Open im Einzel. Verbandstrainer von damals bescheinigen ihm eine gute Arbeitseinstellung.

Immer wieder Aussetzer und Ausraster

Das verwundert, weil er nun, da er es ins gutbezahlte Profitennis geschafft hat, oft den Anschein erweckt, als wolle er dieses Leben gar nicht führen. Nach ersten sportlichen Ausrufezeichen mehrten sich in der Folge die Aussetzer und Ausraster auf den Tenniscourts dieser Welt. Einmal erklärte er Grand-Slam-Champion Stan Wawrinka während eines Matches gut hörbar über die Außenmikrofone unliebsame Details über private Angelegenheiten seiner Freundin, viele andere Male verlor er einfach seinen Kopf. 2019 zertrümmerte er beim Turnier in Cincinnati zwei Schläger, beleidigte den Schiedsrichter und spuckte auch noch in dessen Richtung. Die Folge: eine Rekordstrafe von 113.000 Dollar.

Seitdem ist Kyrgios offiziell nur noch auf Bewährung auf der ATP-Tour unterwegs. Die Spielervereinigung verurteilte ihn sogar dazu, regelmäßig einen Psychologen aufzusuchen, was er nun mehr oder minder freiwillig tut. Soweit so negativ. Doch Kyrgios ist nicht nur einer der besten und talentiertesten Tennisspieler, der, so wenn er denn will und in der körperlichen Verfassung dazu ist, über ein herausragendes Repertoire an Tenniswaffen und Zauberschlägen verfügt, die jeden Gegner vor gewaltige Probleme stellen können. Das hat ihn bereits zu sechs Turniersiegen, acht Millionen Dollar Preisgeld und Siegen über Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic geführt.

Großes Herz für Kinder und die Opfer der Buschbrände

Darüber hinaus setzt er sich mit seinem Management und einer nach ihm benannten Stiftung für unterpriviligierte Kinder in Canberra ein und packt dort auch selbst mit an. Zuletzt war es Kyrgios, der den mittlerweile großen Spendenmarathon für die Opfer der verheerenden Waldbrände in seinem Land mit einem Tweet mitinitiierte. Dutzende Spieler spenden wie Kyrgios seitdem mehrere hundert Dollar pro Ass.

Ist Kyrgios nun einer von den Guten oder von den Bösen? Wie so oft bietet das Leben nicht immer nur schwarze und weiße Farben. Das Tourleben scheint nichts für Kyrgios zu sein, das gibt er auch selbst zu. Vor allem die lange Zeit in Europa sei für ihn oftmals kaum auszuhalten. Ginge es nach ihm, wolle er lieber das Gros des Jahres zu Hause verbringen, "chillen mit den Jungs, Basketball spielen, Videospiele zocken."

Zu viel Basketball, zu wenig Tennis

Ende 2018 hatte der Fan der Boston Celtics in der Vorbereitung so viel Basketball und so wenig Tennis gespielt, dass er nach eigenen Angaben auf genau einen Tennistag vor den Australian Open kam. Er verlor in Runde eins, verfügt aber über so viel Talent, dass er Ende Februar ein Turnier in Mexiko gewann. 2020 scheint sich Kyrgios dem australischen Tennissommer etwas mehr verschrieben zu haben. Und er gilt trotz aller Macken als Teamplayer: Beim neugeschaffenen ATP Cup ging er in seiner Rolle auf. Laune und Form hat er nach Melbourne retten können.

2020, so betont er, spiele er nicht für sich, sondern für die Opfer der Brände. Er wirkt körperlich und mental stabiler. Daran änderte auch eine kleine Auszeit im dritten Satz am Donnerstag gegen Simon, einem der wegen seiner langsamen, verwinkelten und taktisch cleveren Spielart am unangehmensten zu spielenden Kontrahenten, nichts. Trotz der Schwächephase gewann er unter tosendem Applaus mit 3:1.

Noch kein Gedanke an den Turniersieg

Ob dieses Jahr bei den Australian Open endlich sein großer Durchbruch folge? Kyrgios schaute den Reporter später mit hochgezogenen Augenbrauen an: "Dude, ich bin erst in Runde drei. Ich denke im Moment nicht mal daran, einen Grand Slam zu gewinnen." Es gebe so viele Dinge, die er lieber erreichen würde. "Von Tag zu Tag ein besserer Mensch zu werden, zum Beispiel. Heute habe ich mich im dritten Satz meiner Box gegenüber wie ein Idiot aufgeführt. Ich habe mich nach dem Match sofort entschuldigt. Sie tun so viel für mich."

Das sind ungewohnt demütige Töne von Kyrios. Vielleicht ist dieses Mal ja wirklich alles anders. Nächster Gegner ist der Russe Karen Khachanov, mit 1,98 Metern ein Aufschlagriese und aktuell 17. der Weltrangliste. Im Achtelfinale könnte dann ausgerechnet Rafael Nadal warten, den er am Donnerstag so unvorteilhaft imitierte.

Australian Open: Kerber und Zverev erreichen Runde drei

Sportschau 23.01.2020 01:41 Min. Verfügbar bis 23.01.2021 ARD Von Ina Kast

Stand: 23.01.2020, 20:03

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