Game on - die Australian Open laufen

G'day Melbourne, Tag 1

Australian Open 2020 Tagebuch

Game on - die Australian Open laufen

Von David Vorholt, Melbourne

Die Voraussetzungen in diesem Jahr sind schwierig: Buschbrände im gesamten Südosten Australiens, dichter Rauch über Melbourne, kollabierende Sportler - lange standen große Fragezeichen über den Australian Open. Doch das Turnier ist gestartet, und ab heute heißt es hier täglich: G’day Melbourne!

G’day Melbourne, oder besser gesagt: G’day from Melbourne. Ab heute begrüße ich Sie täglich mit meiner Kolumne von den Australian Open 2020 auf sportschau.de. Ich freue mich darauf, kleine und große, schöne und weniger schöne Geschichten in kurzen Kapiteln zu erzählen und über alles rund um das Turnier und Gesprächswertiges aus Australiens zweitgrößter Stadt, die seit 1988 das Zuhause der Australian Open ist, zu berichten. Von heute an heißt es also immer frühmorgens deutscher Zeit: G’day Melbourne! 

Was heißt eigentlich "G'day"?

"Guten Morgen!" oder auch "G'day!" - so hört man es nämlich in Melbourne, dem Austragungsort der Australian Open. Im australischen Slang wird das morgendliche "Good Day" etwas verschluckt. In diesem Sinne: G'day und viel Spaß bei unserer täglichen Kolumne!

Kapitel 1: It’s on - das Warten hat ein Ende 

 “G’day, welcome to this lovely day”, schreit ein stämmiger Mann, dessen Alter hinter verspiegelter Sonnenbrille und gelbem Cape nicht so wirklich zu erahnen ist, bestens gelaunt in typisch australischer Manier, als ich um kurz vor neun am Morgen vom Federation Square im Herzen Melbournes Richtung Australian-Open-Turniergelände laufe. Zuschauer rechts entlang, Medienvertreter links, bei aller Heiterkeit: Hier versteht der Mann seinen Job und macht ernst, Ausnahmen - nicht mit ihm. Ein kurzes “G’day” als Antwort im Vorbeigehen, dann wieder in den Stechschritt-Modus. Erster Turniertag, tausend Dinge zu erledigen, mindestens genauso viele, an die man sonst noch so denken muss: Bei einem Mega-Event wie den Australian Open mit all seinem Gewusel, tausenden Besuchern und hunderten Medienschaffenden muss man sich erstmal zurechtfinden - sogar, wenn man schon einmal auf dem Gelände war. 

Bei meinem ersten Besuch hier war das Turnier allerdings einen Monat zuvor zu Ende gegangen. Dieses Mal ist die Schlagzahl da, erstmal in den Turniermodus reinkommen, dann läuft schon alles. Ich gebe mein Bestes, ein lauwarmer, löslicher Kaffee im TV-Compound hilft nach meiner Ankunft nicht viel, aber eben auch nicht gar nicht. 

Bei Julia Görges scheint die Sonne

Sportschau 20.01.2020 01:39 Min. Verfügbar bis 20.01.2021 ARD Von Ina Kast

Kapitel 2: Nasskühl aber rauchfrei zum Auftakt 

Gar nicht hätten dagegen möglicherweise die Australian Open stattgefunden. Die seit Wochen im Südosten des Landes wütenden Buschbrände hatten erst Sydney und dann Melbourne in dichte und vor allem giftige Rauchschwaden gehüllt. In Melbourne, wo die Qualifikationsrunden für die Australian Open schon eine Woche vor dem regulären Turnierstart angefangen haben, beklagten sich reihenweise Spieler darüber, dass die Organisatoren unter diesen Bedingungen überhaupt spielen lassen. Mein persönliches Gefühl vor dem Abflug nach Melbourne war unter dem Eindruck der damaligen Bilder: Tendenz Turnier absagen.

Nach den heftigen Regenfällen, die dem Rauch folgten, war bei meiner Ankunft am Freitag von der vermeintlichen Apokalypse aber nichts mehr zu spüren. Mein Taxifahrer wollte das alles auch nicht überbewerten: Es sei schon heftig gewesen, überall in der Stadt habe man gleich den Rauch beim Atmen feststellen können, aber das sei auch keine so große Sache. Australische Lässigkeit oder überspielte Situation, die Taxifahrt zum Apartment war genauso sicher wie die aktuelle Lage bezüglich der Luftqualität. Hoffen wir, dass es so bleibt. Sicher ist das aber nicht, wenn man sich die Brandsituation in Australien anschaut.

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Dem heiter bis wolkigen Wetter am Morgen des Turnierbeginns folgen im Laufe des Tages immer dichtere Wolken, die sich schließlich in amtlichen Regengüssen entladen. Um 14:39 Uhr prasseln die ersten dicken Tropfen auf den Platz in der Rod Laver Arena, wo gerade Roger Federer den ersten Satz seines Auftaktmatches gegen Steve Johnson aus den USA bestreitet. Kurze Unterbrechung, Dach schließen, weiterspielen. Der Regen ist kein Problem - weder für das Turnier noch für Federer. Lediglich die Matches und Trainingssessions auf den Außenplätzen müssen für längere Zeit unterbrochen werden. Und die Zuschauer auf der Anlage bekommen eine kostenlose Dusche. Fazit zu Wetter und äußeren Bedingungen: nasskühl, hier und da unangenehm, aber alles besser als der giftige Rauch - so kann es weitergehen. 

Kapitel 3: Ein besonderes Ass  

Rod Laver Arena, das erste Match des ersten Tages hat gerade begonnen: Titelverteidigerin Naomi Osaka schlägt beim Stand von 15:40 in ihrem ersten Aufschlagsspiel auf dem Center Court auf: Der Ball fliegt hoch, perfekt getroffen, Ass, 30:40. Schön anzusehen und ein besonderes Ass, denn: Es ist zum einen das erste der diesjährigen Australian Open auf dem Center Court und eines, das wie viele andere zuvor und die, die noch folgen werden, Geld bringt.

Denn der australische Tennisverband “Tennis Australia” hat eine Spende von 100 australischen Dollar für jedes Ass, das während der Tennis-Saison in Australien geschlagen wird, ausgelobt. Laut der Website der Australian Open war Osakas Ass das insgesamt 5.724. seit Beginn der Aktion, deren Erlös Menschen, die von den verheerenden Feuern betroffen sind, zugutekommen wird. Gezählt werden alle Asse, die im Januar bei den internationalen Turnieren in Brisbane, Canberra, Hobart und Adelaide, beim ATP Cup und eben bei den Australian Open geschlagen werden. Stand der Spendenaktion inklusive des ersten Australian-Open-Asses: Gut 5,18 Millionen australische Dollar. Da wird in den nächsten zwei Wochen noch einiges dazukommen. Aus Sicht von Osaka auch weitere Asse von ihr - im Idealfall bis zum 1. Februar. Da steigt das Finale der Damen in der Rod Laver Arena und Osaka könnte dort die erste Spielerin seit Viktoria Asarenka 2013 werden, die ihren Titel in Melbourne verteidigen kann. Wie bei so vielen Themen darf man auch hier gespannt sein. 

Tennis - Philipp Kohlschreiber bei Australian Open jetzt gegen Tsitsipas

Sportschau 20.01.2020 02:52 Min. Verfügbar bis 20.01.2021 ARD Von ARD-Reporterin Ina Kast

Kapitel 4: Spitzentennis en masse, Regen en masse  

Weniger spannend, aber dennoch bemerkenswert war das Match der Spanierin Paula Badosa Gibert: Denn die Qualifikantin legt gegen Johanna Larsson aus Schweden den Turbo ein und schickt ihre Kontrahentin mit 6:1 und 6:0 nach Hause. 57 Minuten nach dem ersten Aufschlag des Matches heißt es: Game, Set, Match Badosa - es ist kurz vor 12 Uhr Mittag in Melbourne, die erste Siegerin der Australian Open 2020 steht fest.

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Es folgt Grand-Slam-Feeling pur mit Spitzentennis unter anderem von Roger Federer, Serena Williams, Caroline Wozniacki, Julia Görges, Petra Martic etc., die ihre Erstrundenaufgaben allesamt glatt in zwei, bzw. drei Sätzen lösen. Während sich in der Margaret Court Arena die 39-jährige Venus Williams und die 15-jährige Coco Gauff ein hochklassiges Duell der Generationen amerikanischer Tennisspielerinnen liefern, passiert auf den anderen Plätzen nichts, denn in der Rod Laver Arena und der Melbourne Arena sind die Matches der Day Session am späten Nachmittag bereits durch und alle anderen Courts sind aufgrund von starkem Regen nicht bespielbar. Der Regen, normalerweise ein Stimmungs- und Terminplan-Killer bei Tennis-Grand-Slams, wird hier angesichts der Brände im ganzen Land von allen wohlwollend begrüßt. Es ist eben alles anders als sonst in diesem Sommer in Australien. 

5. Kapitel: Und dann waren da noch...

Grigor Dimitrov: Der Bulgare gilt als Spieler, der die feine Klinge beherrscht. Sein eleganter Spielstil erzeugt natürlich Aufmerksamkeit. Aber heute geht Dimitrov auf Nummer sicher und legt noch mindestens acht Stufen drauf. Sein extravaganter Trainingsanzug, mit dem er zum Match gegen Juan Ignacio Londero in die Melbourne Arena einläuft, ist Klamotte.

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Dennis Shapovalov: Der Kanadier, beim ATP Cup noch erfolgreich gegen Deutschlands Nummer eins, Alexander Zverev, erwischt zum Turnierstart einen schlechten Tag und unterliegt recht überraschend dem Ungarn Marin Fucsovics. Überrascht und überhaupt nicht einverstanden ist auch Shapovalov nach der Ermahnung durch den Stuhlschiedsrichter. Der Kanadier hatte seinen Schläger weggeschmissen und war dafür verwarnt worden, meinte aber, dass die Ermahnung nur gerechtfertigt sei, wenn man den Schläger dabei auch zerstört. Das “muss” man aber nicht, Teil der Aufarbeitung der Niederlage könnte also auch nochmal ein Blick in die Regelkunde sein. 

Serena Williams: Die US-Amerikanerin peilt den 24. Grand-Slam-Titel ihrer Karriere an. Zwei Tatsachen machen dabei Hoffnung: Williams gewann im Vorfeld der Australian Open in Auckland, Neuseeland ihr erstes Turnier auf der Tour seit 2017 und nebenbei den ersten Titel als Mutter von Tochter Olympia. Und: Sie fegte in schlanken 58 Minuten mit 6:3, 6:0 über Erstrundengegnerin Potapova hinweg - Auftakt gelungen. 

Frances Tiafoe: Der US-Amerikaner feiert zum Auftakt seinen 22. Geburtstag. Erst gab es eine Trainingssession mit dem Australier Nick Kyrgios, dann einen Geburtstagskuchen vom Turnier-Ausrichter. Ein gelungener Tag für Tiafoe. Was er sonst noch so geschenkt bekam, weiß ich natürlich nicht, aber ich kann versichern, dass die Zeit der Geschenke morgen vorbei ist. Denn da startet Tiafoe ins Turnier und zwar gegen den an Vier gesetzten US-Open-Finalisten Daniil Medwedew - alles andere als ein Geschenk zum Auftakt! 

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Morgen geht es weiter

Ich freue mich auf die Night Session, die in der Rod Laver Arena von Australiens großer Titelhoffnung Ashleigh Barty eröffnet werden wird. Ich wünsche Ihnen allen in Deutschland viel Spaß beim Schauen dieses Matches und beim folgenden Match zwischen Jan-Lennard Struff und Titelverteidiger Novak Djokovic. 

Morgen früh gibt es die zweite Ausgabe von G’day Melbourne und dann wissen Sie und ich, ob die Barty-Party in Australien weiter-, bzw. losgeht, und ob die deutsche Nummer zwei den an Zwei gesetzten Topfavoriten, der hier in Melbourne bereits sieben Mal den Titel gewinnen konnte, bezwingen konnte. Ich hoffe ja, aber ich glaube nein. In diesem Sinne: Bis morgen! 

Stand: 20.01.2020, 08:05

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