G'Day Melbourne - Crowded House, "Leiharbeiter" & Fußball-Fans

Zuschauer im Melbourne Park

Australian Open 2020 Tagebuch

G'Day Melbourne - Crowded House, "Leiharbeiter" & Fußball-Fans

Von David Vorholt, Melbourne

Der Zuschauerzuspruch am zweiten Turniertag ist riesig. Der Zuspruch eines Top-Ten-Spielers für Teile seiner eigenen Anhänger nicht. Ich mache Bekanntschaft mit einem der vielen “Australian-Open-Leiharbeiter” und erneut mit dem unbeständigen Wetter in Melbourne - G’day!

Was heißt eigentlich "G'day"?

"Guten Morgen!" oder auch "G'day!" - so hört man es nämlich in Melbourne, dem Austragungsort der Australian Open. Im australischen Slang wird das morgendliche "Good Day" etwas verschluckt. In diesem Sinne: G'day und viel Spaß bei unserer täglichen Kolumne!

Kapitel 1: Grand! Slam! Boom! 

Die Nummer hier boomt. Day session Tag zwei lockte 58.637 Zuschauer auf die Anlage. Crowded House. Rekord für den ersten Turnier-Dienstag. Zur Einordnung: 45.518 bei Day session an Tag zwei im Vorjahr. Aktueller Stand: 83.015 Zuschauer insgesamt. Rekord-Kurs. Der Veranstalter plakatiert die Zuschauerentwicklung täglich groß im Pressezentrum. Tennis ist Business. Steigende Zuschauerzahlen, steigende Einnahmen, steigende Aufmerksamkeit usw. 

Vor dem Abflug nach Melbourne erreichte mich eine Pressemitteilung des Turniers. Verkündet wurde ein neuer Preisgeld-Rekord. Nichts Ungewöhnliches eigentlich. Die PM schloss jedoch mit dem Hinweis, um wieviel Prozent das Preisgeld seit Amtsantritt von Tennis-Australia-Boss Craig Tiley gestiegen ist. Offenbar die Kennziffer, die als Indikator seines Schaffens am wichtigsten ist. Höher, schneller, weiter. Aber wie lange geht das?

Kapitel 2: “Leiharbeiter” für drei Wochen   

Hugh ist ein großgewachsener Mann mit einer Stimme, die sich im Gemurmel hunderter Menschen problemlos durchsetzt. Kein Nachteil in seinem Job als Ordner beim Tennis-Spektakel. Hunderte Menschen sind auch in seinem Team beim Australian-Open-Staff erzählt der 26-Jährige. “Jung, alt, Frauen, Männer.” Zählt man Ballkinder, Security-Personal etc. mit, sind es “weit über tausend”, sagt Hugh. 

Er selbst arbeitet eigentlich für Verband “Australian Rules Football Victoria”, kurz AFL Victoria oder auch Football Victoria. Die australische, für englische und amerikanische Verhältnisse rüde, fast anarchische Variante des Football stammt aus dem Bundesstaat Victoria, dessen Hauptstadt Melbourne ist. Der Sport lebt hier mit Klubs in allen Stadtteilen. Australian Football zieht regelmäßig riesige Zuschauermassen in den nur einen Steinwurf von der Rod Laver Arena entfernten Melbourne Cricket Ground. Der hier nur MCG genannte Cricket- und Football-Tempel ist das größte Stadion der südlichen Hemisphäre und hat einen festen Platz im Herzen von Hugh. 

“Mein Job ist es, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, die Kinder und Jugendliche dazu bewegt, mit dem Australian Football anzufangen”, erzählt er. Doch für drei Wochen im Jahr, während der Australian Open, wird er zum “Leiharbeiter”. Mit seinem Arbeitgeber gibt es dafür eine Vereinbarung, Hugh wird für die Zeit vom Verband frei- und von Tennis Australia angestellt. “So machen das viele. Ich mag diese Abwechslung”, sagt Hugh. “Aber nach den drei Wochen freue ich mich auch immer, in meinen eigentlichen Job zurückzukehren.” Handshake, “G’day”, die Sonne scheint. 

Kapitel 3: Tsitsipas und seine “Fußball-Fans” 

Kurze Notiz aus der “Herald Sun” - einer von zwei großen Tageszeitungen hier: Vorjahres-Halbfinalist Stefanos Tsitsipas kann sich eigentlich nicht über mangelnden Support beschweren. Er ist Down Under per se schonmal beliebt, dazu kommt eine treue Fangemeinde aus Griechen und griechischstämmigen Australiern, von denen es im Schmelztiegel der Nationen Melbourne ca. 150.000 und damit eine der größten griechischen Diasporas der Welt gibt. Alles gut also? Nein! 

Der Support der blau-weiß gekleideten Fanschar überschreitet mitunter das im Tennis übliche Niveau deutlich. Tsitsipas hat damit persönlich kein Problem, wie es heißt, ist aber dennoch der Meinung, dass derlei Fan-Kultur eher im Fußball-Stadion als auf dem Tennis-Court zu Hause ist. Mit dieser Meinung steht er sicher nicht alleine da. 

Kapitel 4: 32 Grad, aber trotzdem "four seasons" 

Pressezentrum am Nachmittag. Blick nach draußen: Wolken. Wind. Angesagt sind heute bis zu 32 Grad. Tageszeitung “The Age” schreibt: “Sunny morning. Chance of a shower or storm with gusty winds in the afternoon. Likely rain in the evening.” Four seasons in day in Reinkultur, aber die 32 Grad werden bei weitem nicht erreicht. Morgen soll es kalt werden. Die Tage danach durchwachsen. Hitze also nicht in Sicht. Rauch aktuell zum Glück auch nicht. Es ist 15.15 Uhr. Tosender Applaus in der Rod Laver Arena. Der Japaner Tatsuma Ito dominiert einen Ballwechsel gegen Novak Djokovic. Schließt mit Winner ab. Inside-out. Toller Punkt. Bis morgen. 

Stand: 22.01.2020, 10:30

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