Stefanos Tsitsipas - vom Sparringspartner zum Titelträger

Stefanos Tsitsipas

Grieche gewinnt ATP Finals

Stefanos Tsitsipas - vom Sparringspartner zum Titelträger

Von Jannik Schneider (London)

Tennisprofi Stefanos Tsitsipas ist der jüngste Sieger der ATP Finals seit 18 Jahren. Mehr noch als durch seinen rasanten Aufstieg und sein attraktives Offensivsspiel begeistert der Grieche mit Ausstrahlung und Art, die im Tennis-Business selten sind.

Im November 2016 postete Stefanos Tsitsipas ein Foto von Trainingsplatz eins im VIP-Bereich der ATP Finals in der Londoner Arena. Darauf strahlt er mit kürzeren Haaren als heutzutage. An seiner Seite: Dominic Thiem. "Atemberaubende Woche hier bei den Finals. Jetzt durfte ich mit fast allen Teilnehmern trainieren", schrieb Tsitsipas.

Rasanter Aufstieg nach Plan

Damals war Tsitsipas nur ein Sparringspartner für die besten Tennisspieler der Welt in London. Nur drei Jahre später gewann der mittlerweile 21-Jährige am Sonntagabend (17.11.2019) ausgerechnet gegen Thiem in einem packenden Endspiel mit 6:7, 6:2 und 7:6 das Jahresendturnier der besten acht Spieler der Saison. Längst ist Tsitsipas Griechenlands bester Tennisspieler, seinen Aufstieg kann man leicht nachvollziehen.

Sparring bei den ATP Finals 2016, Nachrücker beim ATP-Finale der besten U21-Spieler der Welt 2017, 2018 Sieger eben jenes Nachwuchsevents – und jetzt der erste große Titel in der Weltklasse. Mit der nötigen Extraportion Talent und einem professionellen Funktionsteam ausgestattet, das zeigt das Beispiel des jungen Himmelstürmers, ist Erfolg im Welttennis gewissermaßen planbar.

Früher Umzug nach Nizza

Da der weltweit bekannteste Rückschlagsport in seiner Heimat hinter Fußball und Basketball keinerlei Rolle spielt und es kaum professionelle Strukturen gab und gibt, entschied Tsitsipas sich schon im frühen Jugendalter, ein Angebot der renommierten Mouratoglou-Akademie in Nizza anzunehmen. Immer an seiner Seite: sein Vater, der zuvor in der Nähe von Athen als Tennistrainer gearbeitet hatte.

Wie sich der Teenager einst für Tennis entschied? Dazu ist eine Anekdote überliefert, die er auf einer seiner ersten Pressekonferenzen preisgab: "Es war nach einem meiner ersten Turniere. Dieser Kampf alleine, Mann gegen Mann, es war so aufregend. Ich bin mitten in der Nacht aufgesprungen und zu meinen Eltern ins Schlafzimmer gerannt. Da habe ich ihnen gesagt: Das ist genau das, was ich tun möchte."

Halbfinalist bei den Australian Open

Das tat er dann auch. In Nizza begleitete ihn rasch ein professionelles Funktionsteam, bestehend aus einem weiteren Coach, einem Fitnesstrainer und einem Physiotherapeuthen. Der griechische Verband unterstützt ihn bis heute im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten. Zum Davis-Cup-Trainer besteht regelmäßiger Austausch. Zudem hat Tsitsipas Kontakt zu einem Mentaltrainer in der Heimat. Als er im Gegenzug im September dieses Jahres für sein Land in der untere Europa-Gruppe III des Davis Cups gegen Lettland antrat, so behaupten Augenzeugen, reichte die Autogramm- und Selfieschlange für den neuen Nationalhelden bis weit vor den Ausgang.

Der Bekanntheitsgrad dürfte sich nach dem größten Titel der noch jungen Karriere nochmals steigern. Bisher hatte der Teenager kein Event oberhalb der ATP 250er-Serie gewonnen, sich aber mit konstant guten Leistungen in den Top 10 der Welt festgesetzt. Herausragend war etwa sein Lauf bis ins Halbfinale gleich zu Beginn des Jahres bei den Australian Open, bei dem er Roger Federer besiegte und erst von Rafael Nadal gestoppt wurde. Angefeuert wurde er dabei von der großen griechischen Gemeinde in Australien. Szenen, die Fans und Beobachter an den Finaleinzug des Zyprers Marcos Baghdatis erinnerten, der dieses Jahr zurücktrat.

Starke Präsenz in den sozialen Medien

Der in Griechenland ebenfalls bekannte Exprofi, ein Lebemann, tickt allerdings ganz anders als Tsitsipas. Der neue Superstar ist nicht nur bekannt geworden für seine einhändige Rückhand und seine überdurchschnittlichen Qualitäten am Netz; Tsitispas fotografiert gerne und führt einen hochprofessionellen Youtube-Kanal. In seiner Reisetasche führt er stets hochwertige Kamerautensilien mit. Ein Freund hilft ihm bei der Umsetzung.

Tsitsipas war früh besonders präsent in den sozialen Medien. Im Spätsommer entschied er sich für eine Auszeit. Auf der Sieger-Pressekonferenz am Sonntag sagte er, er sei quasi süchtig gewesen und wolle auch in Zukunft Abstand vor diesen Plattformen halten.

Kaum Freunde auf der Tour

Doch wenn Tsitsipas zu einer Pressekonferenz bittet, wird es mitunter erstaunlich tiefsinnig. Nach seinem Halbfinalsieg über Federer in London ging es schnell weniger um taktische Variationen. Stattdessen erklärte der Rechtshänder einen Reifeprozess der vergangenen Monate. Ausführlich gab er zu Protokoll, als Kind und Jugendlicher wahnsinnige Angst vor Zurückweisung gehabt zu haben. "Das hat mich bis zuletzt im Profizirkus auch daran gehindert, Kontakte zu knüpfen. Aber da habe ich mich in den vergangenen Monaten geöffnet."

Marketingtechnisch scheint bei Tsitsipas das Gesamtbild dennoch zu stimmen: die lange Mähne, die an den jungen Andre Agassi erinnert; die Rückhand und das Netzspiel, die dem Spiel des jungen Federers nahekommt. Und seine besondere Art sich auszudrücken – für die es im Tennis bisher keinen Vergleich gibt. Doch diese Ader verbunden mit einem Hang zum Emotionalen kommt nicht bei allen Konkurrenten gut an. Spricht man mit Tsitsipas' Umfeld, hört man von Sorgen, dass sich der Grieche noch immer zu sehr zurückziehe – trotz seiner jüngsten Aussagen. Er habe außerhalb seiner Familie, die drei Geschwister und die Eltern leben ebenfalls in Nizza, kaum Freunde – auf der Tour schon gar nicht. Noch habe er den Hang zum und die Attitüde eines Außenseiters.

Lob von Finalgegner Thiem

Ausgerechnet Thiem, der nach der Niederlage am Sonntag allen Grund gehabt hätte, den Griesgram zu mimen, lobte seinen Finalgegner für dessen spielerische Qualitäten und auch für seine menschlichen. Thiem sagte, Tsitsipas sei mit ihm, Alexander Zverev und dem Russen Daniil Medvedev nicht nur der erste Herausforderer der großen drei Federer, Nadal und Djokovic bei den Grand Slams 2020. "Stefanos ist auch einfach ein guter Typ, der dem Tennis sehr gut tut."

Am Sonntag, drei Jahre nach dem ersten gemeinsamen Bild, ging eine weitere Aufnahme um die Tenniswelt. Die der fairen und innigen Umarmung der beiden Kontrahenten nach einem der packendsten Finalspiele der Turniergeschichte.

Stand: 18.11.2019, 12:32

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