Bildmontage mit Colin Kaepernick und Donald Trump

Herber im Interview: "Die vielen Gespräche haben mich ermutigt"

Johannes Herber

Der Ex-Basketballprofi Johannes Herber im Interview

Herber im Interview: "Die vielen Gespräche haben mich ermutigt"

Für Johannes Herber war die Recherchereise durch die USA eine Reise in die Vergangenheit. Im Interview spricht der Ex-Basketballprofi über seine intensive College-Zeit, aktuelle Konflikte - und seinen eigenen "zaghaften Protestversuch".

Sportschau: Sie sind mit einem Dokumentarfilmer durch Amerika gereist, um etwas über die Zusammenhänge von Sport und Politik zu erfahren. Warum denn die USA? Was sind Ihre Berührungspunkte?

Johannes Herber: Als Basketballspieler waren die USA immer ein Fixpunkt für mich. Ich bin als 19-Jähriger für vier Jahre ans College gegangen, habe in West Virginia studiert und Basketball auf einem sehr hohen Niveau gespielt. Ich habe dort die USA ganz anders kennengelernt, als ich sie mir vorgestellt hatte. West Virginia ist ein Hinterland, eine abgehängte Region. Die Menschen leben dort ganz anders, als ich es aus den Sitcoms und Filmen kannte. Insofern war es eine sehr interessante Erfahrung, in der ich Amerika ganz vielfältig kennengelernt habe, auch weil ich Mitspieler hatte, die aus ganz anderen Milieus kamen. Ich habe Politik studiert und mich so immer mit Amerika und seinen Widersprüchen auseinandergesetzt.

Diese Widersprüche zeigen sich jetzt auch im Sport. Seit 2016 nutzen vorrangig schwarze Athleten den Sport als Bühne, um zu protestieren, knien etwa bei der Hymne. Warum machen sie das?

Herber: Es begann mit Colin Kaepernick. 2016 hat er während der Hymne gekniet, weil er auf Polizeigewalt und insgesamt auf die strukturelle Ungleichheit in Amerika zwischen Schwarz und Weiß aufmerksam machen wollte. Dann gab es viele Athleten, die Kaepernick nachgeahmt haben. Es gab auch Athletinnen, die sich sogar schon vor Kaepernick mit dem Black-Lives-Matter-Movement solidarisiert hatten, vor allem schwarze Basketballerinnen. Wir wollten einfach herausfinden: Wie ist es dazu gekommen? Was befeuert die Athleten, sich auf einmal in der Öffentlichkeit für diese Themen starkzumachen? Und wie reagiert die Politik? Da hat natürlich Donald Trump eine große Rolle gespielt, der interveniert und die Situation zum Eskalieren gebracht hat.

Johannes Herber im Interview: "Die vielen Gespräche haben mich ermutigt"

Sportschau 22.03.2019 Verfügbar bis 22.03.2020 ARD

Jetzt heißt es ja immer: Sport ist etwas, das die Menschen zusammenbringt. Können Sie jetzt nach der Reise sagen: Ja, der Sport hat eine gewisse Kraft? Oder ist es eher auch nur ein Feld, in dem sich die Zerrissenheit in der Gesellschaft zeigt?

Herber: Das ist eine gute Frage, mit der ich auch während der Reise immer wieder gerungen habe. Natürlich hat Sport eine integrative Kraft und bringt Menschen zusammen. Das habe ich selbst erlebt: Ich komme in den Umkleideraum und lerne Spieler aus ganz verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Hintergründen kennen, entwickele ein großes Verständnis für sie. Gleichzeitig ist das Argument, dass Sport so positiv in die Gesellschaft wirkt, kein Automatismus. Man geht nicht ins Stadion, klatscht jemanden ab und versteht ihn und seine Probleme sofort. Sondern man geht danach nach Hause und manchmal ändert sich gar nichts.

Diese Frage hat Sie durch das Land geführt. Wo waren Sie überall?

Herber: Wir haben das ganze Land abgeklappert. Wir waren an der Ostküste in Washington, in Nashville, Tennessee, beim NASCAR-Rennen, an der Westküste in LA, sogar in Mexiko an der Grenze in Tijuana, weil es dort ein Fußballteam namens "El Equipo Sin Fronteras" gibt, also "Die Mannschaft ohne Grenzen". Wir waren in Washington State im Hinterland an einer Uni und haben mit einem Coach gesprochen, der ein Trump-Supporter ist. Wir haben ziemlich viel mitgenommen und der Film versucht, ein ganz breites Spektrum der Gesellschaft und der Sportnation abzubilden.

Gibt es Stellen, Menschen oder Situationen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Herber: Es fällt mir ganz schwer zu sagen, dass es eine bestimmte Sache gab. Die Reisen, die ich für den Film unternehmen durfte, waren auf ihre Art alle ganz besonders. Was ich am meisten geschätzt habe und woran ich mich erinnern werde, sind die Gespräche mit den Fans und den Menschen auf der Straße, an Tankstellen, in der Kneipe. Diese persönliche Ebene zu finden und zu hören, was diese Menschen darüber denken, was anders ist von dem, was wir auf Social Media oder in Medien sehen, was nicht so hochgepitcht und einfach eine ehrliche Meinung ist. Was auch subtil und durchdacht ist. Dass man klüger herausgeht, wenn man sich mit den Leuten ins Gespräch begibt, fand ich ermutigend.

Das wäre ein schönes Fazit oder ein Plädoyer für einen Dialog in der Gesellschaft. Haben Sie den Eindruck, dass dieser Dialog im Sport noch geführt wird? Oder gibt es auch Sportarten, die sich vielleicht schon eher in eine der politischen Richtungen orientiert haben? Seien es Fans oder die Strukturen dahinter: Spieler, Trainer, Besitzer.

Herber: Man erkennt schon klare Unterschiede zwischen den Sportarten. In der Football-Liga NFL gab es eine sehr heftige Reaktion auf den Quaterback Kaepernick, der gekniet hat. Man hat ihm keinen Job mehr gegeben und den anderen Spielern gesagt, sie dürften nicht knien während der Hymne, es sollte Strafen geben. Dahinter steht, dass die Besitzer dieser Teams sehr konservativ sind und unter anderem für Trump spenden. Dann gibt es aber auch Ligen wie die WNBA, also die Liga der Basketballerinnen, die die Haltung der Spielerinnen, sich für politische Themen einzusetzen, befürwortet, unterstütz und sofort den Dialog sucht - unter anderem auch, weil ihre Fanbasis eine demokratischere ist als die der NFL.

Der Film erzählt auch Ihre eigene Protestgeschichte, beziehungsweise die versuchte Protestgeschichte. Was hat es damit auf sich?

Herber: Ein zaghaftes Protestchen, ein Protestversuchchen. Ich habe für die West Virginia University gespielt, wo wie überall in den USA die Hymne vor dem Spiel gespielt wurde. Das war 2003, die USA waren gerade in den Irak einmarschiert. Deutschland unterstützte damals die Koalition der Willigen nicht. Ich fand das richtig, mich hat das Argument Donald Rumsfelds, dass es Massenvernichtungswaffen gäbe im Irak, damals auch nicht überzeugt. Deswegen wollte ich ein Zeichen setzen und habe mir überlegt, mich während der Hymne von der Flagge wegzudrehen. Die stand immer an der Mittellinie, dort hat man hingeguckt. Ich wollte mich also umdrehen - und habe es dann nicht getan, weil ich mich nicht getraut habe. Ich stand da sehr einsam unten auf dem Feld und habe auch einen Coach gedacht und überlegt: Was wird der bloß mit mir machen? Was passiert mit meinem Stipendium, wenn ich mich jetzt umdrehe? Und dann habe ich es nicht getan.

Stand: 23.03.2019, 19:00

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