Vorwürfe gegen Bundestrainer Lurz - "Schlimmer als gedacht"

Der ehemalige deutsche Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz

Sexuelle Belästigung

Vorwürfe gegen Bundestrainer Lurz - "Schlimmer als gedacht"

Von Andrea Schültke

Der Bundestrainer Freiwasserschwimmen, Stefan Lurz, ist am Freitag (19.02.21) zurückgetreten. Zuvor hatten mehrere Athletinnen in einem Artikel dem Zurückgetretenen sexuelle Belästigung vorgeworfen. Lurz bestreitet die Vorwürfe.

"Jeder Fall ist einer zu viel", "eine Kultur des Hinsehens schaffen", "Betroffene zum Sprechen ermutigen". Aussagen wie diese fallen im Sport häufig dann, wenn sich ein Verband mit Vorwürfen sexualisierter Gewalt konfrontiert sieht. Auch der Deutsche Schwimmverband (DSV) benutzt diese Sätze in seiner Stellungnahme zur Veröffentlichung des Spiegel.

Genau wie diesen: "Der DSV verurteilt jegliche Form von Missbrauch und Gewalt, gleich, ob körperlicher, seelischer oder sexueller Art." So lautet auch ein Passus in der Satzung des Deutschen Schwimmverbandes, mit knapp 600.000 Mitgliedern der zehntgrößte Sportverband in Deutschland. Vorderstes Ziel: Den Menschen das Schwimmen beibringen, Bäder erhalten, Kulturaustausch fördern. Internationale Medaillen gewinnen, steht nicht in der Satzung - versteht sich aber von selbst. Vor allem in den olympischen Disziplinen, eine davon: Langstreckenschwimmen.

Wenn es über fünf und zehn Kilometer im offenen Wasser geht, war der SV Würzburg 05 mit seinem Aushängeschild Thomas Lurz ein verlässlicher Partner für den DSV. Der Würzburger gewann allein 12 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften, holte - trainiert von seinem Bruder Stefan Lurz - zahlreiche EM-Titel und olympische Medaillen. Vor knapp sechs Jahren beendete Thomas Lurz seine aktive Karriere, ein Jahr später wurde er Präsident des SV Würzburg 05. Die Vorwürfe gegen seinen Bruder Stefan dürften auch den ehemaligen Weltklasseschwimmer Thomas Lurz belasten.

Gegenüber dem Spiegel berichten mehrere Schwimmerinnen über sexuelle Belästigung via Handynachrichten, sexistische Sprüche bis hin zu körperlichen Übergriffen durch Stefan Lurz.

Ermittlungen nach Vorwürfen von 2010 eingestellt

Ähnliches hatte eine Schwimmerin gegenüber dieser Redaktion bereits vor einer Weile thematisiert, wollte damals aber nicht an die Öffentlichkeit gehen. Da lagen die ersten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Stefan Lurz schon Jahre zurück. 2010 hatte ihm eine Athletin vorgeworfen, sie unter anderem während eines Trainingslagers vergewaltigt zu haben. Sie nahm später die Anschuldigungen zurück, die Staatsanwalt stellte die Ermittlungen ein.

Damals hatte Stefan Lurz die Vorwürfe bestritten und laut Spiegel tut er das auch aktuell. Eine Olympiakandidatin hat den Trainer laut dem Nachrichtenmagazin entlastet.

Der Deutsche Schwimmverband hat den Bundestrainer sofort beurlaubt, betonte aber in seiner Stellungnahme am Freitag (19.02.21), damit sei keine Vorverurteilung verbunden.

Umgang mit Verdachtsfall: Neues Regelwerk des Verbandes

Ein Umgang mit einem Verdachtsfall sexualisierter Gewalt, wie es das Regelwerk vorschreibt. Vor fünf Monaten hat der Verband auf mehr als 30 Seiten aufgelistet, was er gegen solche Übergriffe tun und wie er sie verhindern will. Etwa durch eine Ansprechperson für das Thema, erweiterte Führungszeugnisse oder Regeln für Umkleidesituationen, Wettkampffahrten, Hotelübernachtungen und Einzeltrainings.

Dieses Papier ist vorbildlich. Der Deutsche Schwimmverband erfüllt damit Vorgaben des Deutschen Olympischen Sportbundes. Der hat gerade beschlossen: Alle Fachverbände müssen in den kommenden vier Jahren unter anderem oben beschriebene Maßnahmen installiert haben – sonst dreht der DOSB ihnen den Geldhahn zu.

Das Konzept des DSV ist schon viel früher fertig. Aber Papier ist geduldig. Ob und wie es in der Praxis funktioniert, wird sich jetzt zeigen.

In den vergangenen Jahren soll der Verband untätig gewesen sein, was Vorwürfe gegen Bundestrainer Stefan Lurz angeht. Nach Sportschau-Informationen war der DSV bereits seit längerem über weitere Vorfälle sexualisierter Gewalt durch den Bundestrainer informiert, geschehen sei nichts. Die damals verantwortlichen Personen sind nicht mehr im Amt.

In seiner aktuellen Stellungnahme betont der DSV auch explizit die "für den amtierenden Vorstand neuen Informationen" und klingt, als wolle er mit möglichen Versäumnissen der Vergangenheit nichts zu tun haben. Dabei müsste dem amtierenden Vorstand nach unseren Informationen ein rascher Blick ins Archiv ausreichen um sich von den Vorwürfen ein Bild zu machen.

Scham, sich selbst die Schuld geben für die Übergriffe, Druck und Drohungen, die Angst aus dem Kader geworfen zu werden - von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Trainer und Athletin oder Athlet berichten Betroffene immer wieder. Nicht nur im Schwimmen.

Athleten sprechen oft erst nach Jahren über Übergriffe

Den Mut über das zu sprechen, was ihnen widerfahren ist, finden sie häufig erst Jahre, nachdem sie ihre Karriere beendet und den nötigen Abstand zum System haben.

"Ich hatte ein komisches Bauchgefühl, wollte mir aber nicht eingestehen, dass das sexualisierte Gewalt ist. Alle wussten es, niemand hat etwas gesagt, also dachte ich: "Das ist normal" und habe geschweigen." So oder ähnlich beschreiben Athletinnen aus unterschiedlichsten Sportarten im Nachhinein die Situationen und Übergriffe. Depressionen, Alpträume, Suizidgedanken können die Folge sein.

Häufig wussten die Betroffenen nichts voneinander. Erst wenn die Vorwürfe ans Licht kommen erkennen einige, dass es anderen ähnlich ergangen ist. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung, auch im Fall Stefan Lurz. Nur Belege für strafbare Handlungen, die noch nicht verjährt sind, könnten nach Ermittlungen zu einem Prozess führen.

"Es ist noch viel schlimmer, als ich gedacht habe", sagt uns eine Athletin, nachdem sie den Artikel im Spiegel gelesen hat. Und: "Ich hoffe, dass er nicht wieder Trainer wird."

Stand: 20.02.2021, 11:39

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