Schwimmer Philipp Heintz: "Die Kurzbahn hat für mich hohen Stellenwert"

Philipp Heintz

Exklusiv-Interview vor der Kurzbahn-EM

Schwimmer Philipp Heintz: "Die Kurzbahn hat für mich hohen Stellenwert"

Anders als die neuen deutschen Schwimmstars Florian Wellbrock und Sarah Köhler startet Lagen-Spezialist Philipp Heintz bei der Kurzbahn-EM in Glasgow (4. bis 8. Dezember). Im Interview mit sportschau.de erläutert er die Gründe dafür, spricht über den Reiz der ISL und erzählt, warum man eine Olympia-Medaille nicht planen kann.

sportschau.de: Herr Heintz, fangen wir mal mit einer Kurzbiographie an, die Sie am Ende vielleicht einmal mit Ja oder Nein bestätigen: 28 Jahre alt, 1,94 Meter groß, startet für Nica Heidelberg, Lagen-Spezialist, zweimal WM-Silber auf der langen Bahn. In dieser Saison wirklich hauchdünn um acht Hundertstelsekunden an WM-Bronze vorbeigeschwommen, richtig?

Philipp Heintz: Ja, bis jetzt stimmt alles, prima!

Dann machen wir mal mit einer Typ-Einschätzung weiter. Denken Sie jetzt zum Jahresende eher an die acht Hundertstel Rückstand bei der WM oder träumen Sie von einer Olympiamedaille in Tokio?

Heintz: Definitiv von der Olympiamedaille in Tokio.

Wie haben Sie denn diesen Sommer verarbeitet? Acht Hundertstel sind ja wirklich sehr, sehr knapp. Ich habe aber nochmal in die Interviews reingehört, direkt nach dem Rennen. So richtig negativ ist das schon damals eigentlich nicht gewesen.

Heintz: Nee, das ist auch immer noch nicht richtig negativ. Anfang der letzten Saison habe ich drei Monate Auszeit gehabt und deswegen erst im Januar wirklich angefangen zu trainieren. Mein Trainer und ich haben gesagt: Bis Olympia sind es jetzt zirka 18 Monate. Das ist ein guter Aufbau, das ist wunderbar. Wenn ich mich gar nicht für die WM qualifizieren sollte, dann ist es halt so. Zu dem Zeitpunkt stand die WM gar nicht auf dem Plan. Dann habe ich mich glücklicherweise irgendwie qualifiziert. Und dass ich dann Vierter geworden bin, war noch eine viel, viel größere Überraschung. Ich war schon zufrieden, dass ich trotz der kurzen Vorbereitung wieder in einem WM-Finale war. Da dann vorne mitzuschwimmen, war für mich super. Dann kann es ja nächstes Jahr nur besser werden.

"Ich würde den Titel gerne verteidigen"

Ganz kurzfristig sitzen Sie quasi auf gepackten Koffern für die Kurzbahn-Europameisterschaft in Glasgow. Welche Ziele haben Sie da?

Heintz: Ich gehe als Titelverteidiger dahin. Ich würde den Titel natürlich gerne verteidigen. Aber ich hatte bis jetzt sehr, sehr viele Wettkämpfe und war noch so gut wie gar nicht zu Hause. Deswegen war ich mal froh, eine Woche zu Hause zu sein. Ich war leider auch leicht erkältet. Deswegen konnte ich zwei Tage nicht trainieren. Wobei ich das jetzt noch nicht so als schwierig ansehe, weil ich erst Ende der Woche schwimme. Insofern versuche ich natürlich, meinen Titel zu verteidigen. Aber wir fokussieren uns mehr auf Start und Wende. Ich will ein gutes Rennen schwimmen.

Welche Rolle spielt die Kurzbahn-Saison für einen Schwimmer? Steht die im Fokus oder ist es wirklich tatsächlich eher zum Üben und Lernen, weil das Thema Wende auf einer 25-Meter Bahn deutlich häufiger vorkommt?

Heintz: Ich glaube, da muss man unterscheiden. In einem Olympia-Jahr steht natürlich ganz klar die 50-Meter-Bahn im Fokus. Das ist ja klar. Aber bei mir ist es so: Wir bekommen ja immer endlos lange Auswertungen, was, wo, wie gut war und was nicht so gut war. Und da kam raus, dass ich bei der WM im Vergleich zu meinen vorigen Rennen bei den Wenden so ein bisschen was habe liegen lassen. Da haben wir uns gedacht: Komm, dann nutzen wir doch die Kurzbahn-Saison dieses Jahr, um das zu trainieren. Denn wo trainiere ich das besser als im Wettkampf. Das ist der Grund, warum wir das machen. Insofern hat die Kurzbahn für mich schon einen hohen Stellenwert.

Die beiden neuen deutschen Schwimmstars Florian Wellbrock und Sarah Köhler verzichten wegen anderer Schwerpunkte in der Olympia-Vorbereitung auf Glasgow. Wie passt dieser Termin bei Ihnen?

Heintz: Mir passt der wirklich gut. Wir haben uns vorher überlegt, dass ich zwischendrin ganz normal trainiere bzw. auch an den Wettkampftagen morgens normal trainiere und dann mittags mein ganz normales Wettkampfprogramm mache. Das heißt, da bereite ich mich wirklich auf den Wettkampf vor. Ich habe das 2016/2017 in der nacholympischen Saison genauso gemacht. Und dann bin ich im Sommer fünf Wochen vor der WM damals meine absolut beste Zeit geschwommen. Das versuchen wir im Prinzip so wieder zu simulieren. Dadurch, dass Flo (Florian Wellbrock Anm. d. Red.) und Sarah (Köhler Anm. d. Red.) auf den Langstrecken zu Hause sind, ist es da wichtiger, bis Dezember mehr Grundlagen zu legen.

Schwimmer Philip Heintz: "Wir kämpfen alle für die gleiche Sache"

Sportschau 02.12.2019 01:50 Min. Verfügbar bis 02.12.2020 ARD

"Mich interessiert wirklich nur Olympia"

Tokio wird ihre dritte Olympia-Teilnahme. 2012 waren Sie 27., 2016 waren Sie Olympia-Sechster. Wie sehr ist Ihr Leben aktuell auf Olympia ausgerichtet?

Heintz: Voll. 2012 war mein erster internationaler Wettkampf, da habe ich immer noch sehr schöne Erinnerungen. 2016 wollte ich eine Medaille, da hat dann auch nicht viel gefehlt. Also versuche ich es halt nochmal. Insofern ist sehr, sehr viel auf die Olympischen Spiele ausgelegt. Bei mir eh schon immer, weil mich das zwischen den vier Jahren gar nicht so groß interessiert, was ich da mache, sondern mich interessiert wirklich nur Olympia.

Beim Schwimmen gibt's ja eher nicht die ganz großen Möglichkeiten, finanziell perfekt aufgestellt zu sein. Wie muss man sich das Leben von Philipp Heintz im Moment vorstellen, wenn der Fokus auf Olympia liegt? Trotzdem muss ja irgendwo noch ein bisschen Geld reinkommen.

Heintz: Ich habe das Glück, dass ich bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr bin, die einen wirklich sehr gut unterstützt. Ohne die hätte ich auch definitiv schon meine Karriere beenden müssen. Ansonsten unterstützt die Sporthilfe natürlich viele Leute so wie Florian Wellbrock, der nicht bei der Bundeswehr ist. Ohne solche Unterstützung wäre das gar nicht so möglich. Und dann sucht man sich natürlich den einen oder anderen Wettkampf wie Weltcups aus, wo man ein paar Prämien gewinnen kann. Dann versuche ich, da wenigstens ein bisschen was zu verdienen.

"Die ISL ist für uns Sportler gemacht"

In dem Zusammenhang müssen wir auch über die ISL sprechen, über die International Swimming League. Das ist ein neues, globales Wettkampf-Format, das in diesem Jahr seine erste Auflage erlebt mit Teams aus Europa, aus den Vereinigten Staaten. Es gibt dort deutlich mehr Show. Sie sind für die Aqua Centurions gestartet unter anderem mit der "Franzi von Almsick Italiens", mit Federica Pellegrini. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Heintz: Eigentlich ist es erst mal so ein bisschen ein Wettkampf wie jeder andere. Wir schwimmen ja auch da hin und her, es sind auch die gleichen Wettkampfstrecken. Es ist alles ein bisschen straffer getaktet. Das heißt, der Wettkampf ist in zwei Stunden zu Ende, was für uns supergut ist. Wenn man in zwei Stunden zwei, drei Starts hat, kann man das auch super als Training benutzen. Drei Starts in zwei Stunden sind schon ganz schön anstrengend. Ich hatte einen Wettkampf, wo ich innerhalb von zwölf Minuten zwei Strecken schwimmen musste. Das hat bei der zweiten Strecke schon sehr, sehr wehgetan. Ansonsten ist es natürlich schön, dass wir mal eine Anerkennung kriegen. Man merkt, dass das für uns Sportler gemacht wurde und dass die Sportler auch wirklich mitgearbeitet haben. Das merkt man dem ganzen Konzept an. Sonst ist es ja oft so, dass man was auf die Beine stellt und denkt, das wäre ganz gut, aber ohne mit den Sportlern zu sprechen.

In Neapel wurde Ihnen über die 400 Meter Lagen im Rennen schwarz vor Augen. Müssen wir uns da Sorgen machen oder war das ein sehr singuläres Ereignis?

Heintz: Ich gehe davon aus, dass es ein singuläres Ereignis war. Ich hatte das noch nie in meinem Leben und bis jetzt ist es auch seitdem nicht mehr aufgetreten. Also hoffe ich, dass es jetzt so bleibt. Wir haben natürlich danach alles mit den Ärzten abgeklärt. Alle Vitalwerte waren in Ordnung. Insofern bestand da kein großes Risiko mehr. Wir gehen so davon aus, dass dadurch, dass ich nach der WM verletzt war und vier Wochen Sportverbot hatte und dann nur knapp 14 Tage Zeit hatte, mich vorzubereiten, die 400 Meter Lagen für den Körper dann doch eventuell etwas zu viel gewesen sind.

"Ich habe nur diesen einen Körper"

Sind Sie ein Typ, der bei sowas länger nachdenkt? Das kann ja durchaus etwas mit einem tun, was verändern, wenn man so einen Moment gehabt hat. Oder hilft es da wirklich, sich zu sagen: Hey, ich habe da zumindest den Ansatz einer Erklärung, deswegen fühlt sich für mich das Wasser wieder genauso an wie vorher?

Heintz: Es ist nicht so, dass ich mir da wahnsinnig Gedanken mache. Aber Gesundheit steht schon relativ weit oben. Denn letztlich habe ich nur diesen einen Körper. Und wenn dann wirklich mal was Schlimmes passiert oder wenn das wirklich irgendwelche gesundheitlichen Folgen hätte, muss man das Ganze überdenken. Aber dadurch, dass das abgeklärt ist und ich auch keinerlei Probleme mehr hatte, ist es für mich erledigt. Ich denke da gar nicht mehr drüber nach. Es ist eher so, dass man - naja Witze darüber macht, wäre zu viel gesagt - aber man wird ein bisschen von den Teamkollegen damit aufgezogen. Das macht es, glaube ich, auch ein bisschen leichter.

Philip Heintz über Tokio 2020: "Bin so entspannt wie möglich"

Sportschau 02.12.2019 01:52 Min. Verfügbar bis 02.12.2020 ARD

Gucken wir nochmal in Richtung Tokio im nächsten Jahr. Olympische Spiele sind ein herausgehobener Wettkampf. Wenn man Schwimmer fragt, was soll denn am Ende dabei rauskommen, bekommt man oft die Antwort: Ich will mich nur an mir selbst messen. Das heißt, ich kann versuchen, meine eigenen Bestzeiten nach oben zu schrauben, aufs Ergebnis hab ich keinen Einfluss. Aber irgendwie hat man doch den Traum davon, dass am Ende eine Medaille um den Hals baumelt, oder?

Heintz: Ja, natürlich hat man den Traum, eine Medaille um den Hals gehängt zu bekommen. Das ist es, wofür wir leben. Das sind die Emotionen. Aber es ist halt auch eine Wahrheit, wenn man sagt: Okay, ich glaube, diese Zeit kann ich schwimmen, schneller geht nicht. Das ist mein Maximum. Man will dieses Maximum schwimmen. Darum ist diese Zeit schon immer sehr, sehr ambitioniert, nicht nur ein Hundertstel schneller. Ich will schon einen guten Schritt nach vorne machen. Und im absolut besten Fall kann ich das schwimmen. Aber es gibt vielleicht noch drei Schwimmer, die sagen, ich kann aber schneller schwimmen. Deswegen kann man eine Medaille nicht unbedingt planen. Man kann eine Zeit planen, die man schwimmen will und von der man sagt, damit sollte ich vielleicht auch gewinnen. Aber wenn dann drei andere eine schnellere Zeit schwimmen können, dann ist es leider so. Aber die Motivation ist definitiv: Ich schlage an und sehe, dass ich Erster bin.

Das Interview führte Holger Dahl

Stand: 04.12.2019, 05:00

Darstellung: