Nur den Schachsport juckt das Virus nicht

Maxime Vachier-Lagrave im Spiel gegen Fabiano Caruana

Kandidatenturnier in Russland

Nur den Schachsport juckt das Virus nicht

Von Niklas Schenk

Kann und darf in Zeiten des Coronavirus Schach gespielt werden? Darüber streitet die Schachwelt. Obwohl ein Spieler seine Teilnahme im Vorfeld abgesagt hat und es Kritik am Schachverband hagelte, wird beim Kandidatenturnier im russischen Jekaterinburg aktuell der kommende Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen ausgespielt.

Spieltag drei des Kandidatenturniers - und es stand am Donnerstag (19.03.2020) das Topspiel der Spieler an, die als große Favoriten gehandelt wurden. Der Amerikaner Fabiano Caruana, 2018 im WM-Finale Magnus Carlsen nur knapp unterlegen, traf auf den Chinesen Ding Liren. Ding ist in der Weltrangliste inzwischen Dritter - doch beim Kandidatenturnier legte er mit zwei Niederlagen in den ersten beiden Partien einen kompletten Fehlstart hin.

Ausgangssperre und Quarantäne in der Vorbereitung

Ob es an seiner Vorbereitung lag? Tagelang saß Ding Anfang Februar mit seinen Eltern im Südostens China in einer Wohnung fest - wegen des Coronavirus wurde eine Ausgangssperre in seiner Heimatstadt Wenzhou verhängt. Als der Chinese Anfang März in Russland einreisen durfte, musste er eine zweiwöchige Quarantäne in einer Datscha hinter sich bringen. Von seiner Topform war folgerichtig dann auch nichts mehr zu sehen.

Das Comeback kam in Runde drei: Der nun erst recht favorisierte Caruana opferte mit Schwarz früh zwei Bauern, spielte offensiv und extrem schnell, schien jeden Zug vorher im Training schon durchdacht zu haben. Ding geriet früh in Zeitnot, verteidigte sich aber bravourös und spielte den materiellen Vorteil am Ende sicher aus. Zug 59, Caruana gab auf. Womöglich wird das Kandidatenturnier 2020 zur großen Aufholjagd.

Warum wird überhaupt gespielt?

Die Frage ist nur: Warum werden wegen des Coronavirus weltweit alle Sportveranstaltungen abgesagt, und dann findet in Jekaterinburg nahe der sibirischen Grenze doch eines der größten Schachturniere des Jahres statt?

Ding Liren

Ding Liren

"Das Kandidatenturnier ist kein Massenevent, und Zuschauer sind ja nicht zugelassen", sagte der Präsident des Weltschachverbandes FIDE, Arkadi Dvorkowitsch, bei der Eröffnungsveranstaltung. Tatsächlich gab es auch bei den vergangenen Kandidatenturnieren nur wenige Zuschauer vor Ort. Schach wird seit Jahren hauptsächlich online verfolgt. Trotzdem erscheint die Begründung inkonsequent. Seit Jahren kämpfen die Schachspieler dafür, als Sportler anerkannt zu werden - und dann setzen sie sich über ein aktuell in Russland geltendes Verbot für alle Sportveranstaltungen hinweg.

Ex-Weltmeister Kramnik kritisiert die Veranstalter

Wladimir Kramnik, der frühere Weltmeister, sollte eigentlich die Partien live im Internet kommentieren. Er sagte wenige Tage vor dem Turnier ab: "Ich bin fest davon überzeugt, dass das Kandidatenturnier angesichts der heutigen katastrophalen humanitären Situation in der Welt hätte verschoben werden müssen." In Zeiten des Coronavirus sei es falsch, eines der wichtigsten Schachereignisse des Jahres zu veranstalten. Man tue so, als sei nichts passiert und gehe nicht auf das wenngleich geringe gesundheitliche Risiko der Spieler ein. 

Teimour Radbajov, ein eigentlich für das Kandidatenturnier qualifizierter Aserbaidschaner, hatte seine Teilnahme vor wenigen Tagen kurzfristig abgesagt. "Wie sich das Turnier während dieser globalen Epidemie entwickeln wird, welche Maßnahmen im Falle einer Entdeckung des Virus getroffen werden und welche Maßnahmen in Bezug auf einen kranken Teilnehmer getroffen werden, hat mir niemand erklärt", schrieb Radjabov in seiner Begründung.

Tägliche Tests, Handschlag nicht verpflichtend

Zweimal täglich werden alle Spieler laut Weltverband FIDE auf das Coronavirus getestet. Neben den Schachbrettern stehen Desinfektionsmittel, von denen die meisten Spieler aber nur selten Gebrauch machen. Der vor jeder Partie obligatorische Handschlag ist nun freiwillig - manche Spieler begrüßen sich mit den Ellenbogen.

Schach heißt aber auch: Spieler stützen sich während der stundenlangen Partien auf dem Arm ab, massieren sich die Schläfen, greifen sich nervös an die Nase oder reiben sich die Augen. Eigentlich fassen sich die Spieler pausenlos ins Gesicht. Man sitzt sich außerdem stundenlang auf Augenhöhe gegenüber und auch die gegnerischen Figuren werden ständig berührt. In den meisten Schachpartien werden unwichtigere Figuren wie Bauern oder Springer schon in den ersten Zügen abgetauscht.

Warum spielen nicht beide Spieler auf einem eigenen Brett, um die gegnerischen Figuren nicht berühren zu müssen? Warum sitzen die Spieler nicht in abgetrennten Räumen, machen ihre Züge etwa auf virtuellen Touchscreens? Fragen, die in Schachforen aktuell viel diskutiert werden. Tatsächlich ist der Schachsport wie kaum ein anderer für die Online-Übertragung geeignet und definiert sich auch vor allem über das Interesse im Internet.

Fans spekulieren über Carlsens Husten

Bei den Live-Übertragungen im Netz spielen sich aktuell merkwürdige Momente ab. Weltmeister Magnus Carlsen kommentiert live "irgendwo aus einer norwegischen Hütte mit", den genauen Ort möchte Carlsen nicht sagen. Die Internetverbindung ist wackelig, aber noch viel schlimmer: Carlsen hat Husten. Ein Großteil der Kommentare im Live-Chat dreht sich um die Frage, ob der Weltmeister sich mit dem Virus infiziert hat.

Anish Giri, der ehrgeizige Niederländer, musste sich nach einem verpassten Zug in Runde drei von den Kommentatoren anhören: "Nur noch ein positiver Coronatest hilft Giri, diese Leistung zu rechtfertigen." In anderen Momenten fragen sich die Kommentatoren, ob das Turnier tatsächlich abgebrochen wird, wenn ein Spieler positiv auf das Coronavirus getestet wird oder ob dieser Spieler dann nicht einfach disqualifiziert wird.

Die Pandemie ist auch beim Schach-Kandidatenturnier also das Dauerthema. Das Kalkül des Weltschachbundes dürfte es gewesen sein, in einer ereignisarmen Sportzeit mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Event zu ziehen. Das ist gelungen - aber zu dem Preis, dass weniger über den Sport als viel mehr über die Auswirkungen des Coronavirus bei einer Sportveranstaltung gesprochen wird.

Caruana steht gegen "Nepo" unter Druck

Am Samstag (21.03.2020) geht es mit dem vierten Spieltag weiter. Topfavorit Caruana steht mit den weißen Steinen gegen Ian Nepomniachtchi dann schon unter Druck. "Nepo“, wie der exzentrische Russe genannt wird, führt die Tabelle mit zwei Punkten gemeinsam mit dem Chinesen Wang Hao und dem Franzosen Maxime Vachier-Lagrave ("MVL") überraschend an. 14 Spieltage werden insgesamt gespielt, alle Spieler treffen also jeweils zweimal aufeinander.

Der Gewinner des Kandidatenturniers fordert im Dezember Weltmeister Magnus Carlsen bei der WM in Dubai heraus.

Stand: 20.03.2020, 08:47

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