Rugby-WM - Irland in doppelter Mission

Das irische Rugby-Team

Weltturnier in Japan

Rugby-WM - Irland in doppelter Mission

Von Frank van der Velden

Das irische Rugbyteam fährt als Mitfavorit zur WM nach Japan. Dabei hat es nicht nur Titelambitionen, sondern auch noch ein politisches Statement im Gepäck.

Die irische Rugby-Nationalmannschaft hat es bei Weltmeisterschaften noch nie sonderlich weit gebracht. Bisher war immer spätestens im Viertelfinale Schluss. So war es auch 2015 in England, als die "Men in Green" in der Runde der letzten Acht an Argentinien scheiterten. Beim Weltturnier in Japan, das am Freitag (20.09.2019) beginnt, gelten die Iren aber als einer der Favoriten.

Lang ersehnter Sieg gegen Neuseeland

Irland bejubelt den ersten Sieg gegen Neuseeland

Irland bejubelt den ersten Sieg gegen Neuseeland.

Denn seit 2015 hat sich viel getan, und die Iren sorgten mit einigen spektakulären Spielen für Aufsehen. Los ging es im November 2016, als dem Team zum ersten Mal überhaupt ein Sieg gegen die "All Blacks" aus Neuseeland gelang. Die Iren gewannen damals ein Testspiel vor 62.300 Zuschauern im Soldier Field von Chicago überraschend mit 40:29. In den 111 Jahren zuvor hatte Irland in 28 Duellen stets den Kürzeren gezogen, und für Neuseeland ging eine imposante Serie von 18 Siegen in Serie zu Ende. So was nennt man dann wohl historisch.

Sieg beim Six-Nations-Turnier

Anfang 2018 gewannen die Iren dann das prestigeprächtige Six-Nations-Turnier. Und nicht nur das. Sie fuhren dabei gegen England, Wales, Schottland, Frankreich und Italien fünf Siege ein, was im Rugby einen "Grand Slam" bedeutet, und den darf man sich dann noch einmal extra in den Briefkopf schreiben. Der Turniersieger gilt zudem als inoffizieller Europameister.

Im November 2018 gab es dann erneut einen Sieg gegen Neuseeland, das 16:9 war der erste Erfolg daheim in Dublin. Die Iren begriffen, dass sie zwei Jahre zuvor keinen Zufallstreffer gelandet hatten und dass dieses zuvor schier unbesiegbare Team vom anderen Ende der Welt, das vor jedem Spiel seinen furchteinflößenden Kriegstanz "Haka" zelebriert und sich 2011 und 2015 den WM-Titel sicherte, tatsächlich verwundbar und zu schlagen ist. Mit Verbinder Johnny Sexton wurde kurz danach erst der zweite Ire überhaupt zum "Weltspieler des Jahres" gewählt, Headcoach Joe Schmidt wurde "Trainer des Jahres".

Als Weltranglisten-Erster zur WM

Anfang September - und damit pünktlich zur WM in Japan - gab es den vorläufigen Höhepunkt für das irische Rugby: Zum ersten Mal überhaupt führt das Team von der "grünen Insel" die Weltrangliste vor Neuseeland an. Deren Aussagekraft ist unter Experten zwar umstritten, aber so kurz vor dem Weltturnier gibt es den Iren auf jeden Fall ein gutes Gefühl.

Rory Best bei seinem letzten Heimspiel

Rory Best bei seinem letzten Heimspiel

"Ich glaube, dass wir besser gerüstet sind als jemals zuvor, um bei einer WM weit zu kommen", sagt Kapitän Rory Best. Er ist der Haudegen des Teams, und für ihn ist die WM eine besondere, denn es sind seine letzten Spiele im Trikot der irischen Nationalmannschaft. Sein Debüt feierte der 37-Jährige 2005, 120 Länderspiele hat er auf dem Buckel. Beim jüngsten Testspielsieg gegen Wales in Dublin verabschiedete er sich sehr emotional vom heimischen Publikum.

Favoritenrolle abgelehnt

Allerdings sind die Iren weit davon entfernt, die Favoritenrolle anzunehmen oder sie gar für sich zu beanspruchen, und daran tun sie gut. Denn zuletzt gab es natürlich nicht nur Siege. Erst im August setzte es eine krachende 15:57-Pleite in England, zudem konnten die Iren den Titel beim Six-Nations-Turnier nicht verteidigen und mussten Wales den Vortritt lassen. Die Engländer gehören neben Neuseeland und Irland ebenso zum Favoritenkreis wie Australien und Südafrika.

Vornehmliches Ziel des Teams von Trainer Schmidt ist es, den Neuseeländern im Viertelfinale aus dem Weg zu gehen. Dazu sollten die Iren die Gruppe A mit Schottland, Russland, Japan und Samoa möglichst gewinnen. Werden sie nur Zweiter, dann treffen sie auf den Sieger der Gruppe B, und das sind mutmaßlich die "All Blacks". Holen beide Teams den Gruppensieg, dann könnten sie erst im Finale aufeinandertreffen.

Ein Team für ganz Irland

Das vereinte irische Team bei der Nationalhymne

Das vereinte irische Team bei der Nationalhymne

Vor dem Start in die WM, die für Irland am Sonntag mit der Partie gegen Schottland beginnt, beschwört Best den Zusammenhalt des Teams. "Unsere größte Stärke ist definitiv unser Kollektiv und wir wissen, wie wichtig jeder für den anderen ist", sagt der Kapitän.

Dabei halten die Iren - wenn man so will - ein ganzes Land zusammen. Denn die Nationalmannschaft, die auch "All-Island-Rugby-Team" oder "Rugby-Union" genannt wird, vertritt ganz Irland - den Süden und den Norden. Als das Land 1920 geteilt wurde, machte der Rugby-Verband die Spaltung ganz einfach nicht mit.

"Es ging immer nur um Sport"

Auch der irische Bürgerkrieg konnte das Team nicht auseinanderbringen. In der Hoch-Zeit der "troubles" starben mehr als 3.600 Menschen, der Hass zwischen Katholiken und Protestanten war groß. Wenig andere Länder in Europa waren im vergangenen Jahrhundert so zerrissen wie die irische Insel, politisch, geographisch und vor allem religiös, doch im Rugby war das nicht so. Die gemeinsame Hymne heißt "Ireland‘s Call" und wurde eigens komponiert, als gemeinsame Flagge dient die Verbandsfahne. "Uns ging es immer nur um den Sport", erklärt der Nordire Best und nennt das gesamt-irische Team "eine wunderbare Sache".

"Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit"

Best ist erklärter Gegner des bevorstehenden Brexits, des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Der betrifft auch die "grüne Insel". Denn während der zu Großbritannien gehörige Norden die EU verlässt, bleibt der republikanische Süden ihr erhalten. Was dann zum Beispiel neue Grenzkontrollen zwischen Süden und Norden nach sich ziehen könnte.

So sieht Best den Auftritt des gesamt-irischen Teams bei der WM auch als politisches Statement. Seine Mannschaft sei im Hinblick auf den bevorstehenden Brexit "ein hervorragendes Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit". Und die WM sei "eine großartige Gelegenheit für uns, dies auf der Weltbühne zu tun."

Stand: 19.09.2019, 13:27

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