Chris Froome - mittendrin statt vorneweg

Der Brite Chris Froome (vorne)

Vuelta

Chris Froome - mittendrin statt vorneweg

Radprofi Chris Froome fährt bei der Vuelta die erste große Landesrundfahrt seit zwei Jahren. Von der Klasse vergangener Tage ist der viermalige Tour-de-France-Sieger nach seinem Horrorsturz im Juni 2019 meilenweit entfernt. Und es scheint fraglich, dass der Brite zu alter Stärke zurückfinden kann.

Die Kletterpartie in den französischen Pyrenäen fällt wegen der Corona-Pandemie aus. Für Chris Froome ist das allerdings keine allzu schlechte Nachricht, auch wenn der viermalige Tour-de-France-Sieger gute Erinnerungen an den Col du Tourmalet im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Spanien hat. Mit dem Triumphator von einst hat Froome bei dieser Vuelta jedoch kaum noch etwas zu tun, der Brite fährt weit hinterher und dürfte daher nicht unglücklich über die kurzfristige Änderung der Route am Sonntag (25.10.2020) sein.

Abgeschlagen ins Ziel

Am Donnerstag im Gebirge war Froome, der über Jahre die Szene dominiert hatte, abgeschlagen ins Ziel gekommen - mit 7:04 Minuten Rückstand auf die Gruppe um Tagessieger Daniel Martin und Top-Favorit Primoz Roglic. Über Jahre war Froome der Mann, den es bei den großen Landesrundfahrten zu schlagen galt. Insgesamt sieben Triumphe bei Tour, Giro und Vuelta stehen in seinen Palmares.

Und heute? 37:45 Minuten Rückstand in den Gesamtwertung der Spanien-Rundefahrt nach Tag vier, Platz 77. Trotzdem ist Froome nicht unzufrieden. "Alles in allem fühle ich mich gut", hatte der Brite schon nach dem Auftakt am Dienstag gesagt, als er über elf Minuten auf die Besten eingebüßt hatte: "Ganz generell bin ich mit dem Gefühl in den Beinen zufrieden. Ich weiß, dass dies der Weg ist, den ich in den nächsten Wochen gehen muss, um wieder mein Top-Level zu erreichen."

Vuelta als Trostpflaster

Doch kann er das überhaupt noch? Seit dem 25. Mai 2018 hat Froome keinen Tageserfolg mehr gefeiert. Die Vuelta ist seine erste große Landesrundfahrt seit über zwei Jahren. Ein Horrorsturz im Juni 2019 kostete ihn beinahe die Karriere. Für ihn ist es ein Sieg, überhaupt wieder Rennen fahren zu können. Aber bedingt durch eine lange Reha verlor er Form und Führungsrolle beim Team Ineos, im August reichte es nicht einmal mehr für den Sprung ins Tour-Aufgebot. Die Vuelta ist sein Trostpflaster.

Chris Froome (M.) bei der Vuelta

Mehr als ein dreiwöchiges Intensivtraining unter Rennbedingungen wird das Rennen für ihn aber nicht, seine Leistungen sind vor diesem Hintergrund zu bewerten. In seinem Team ist er nun als Helfer für Richard Carapaz aus Ecuador gefragt. Froome erkennt seine Rolle an. Seinem Selbstverständnis entspricht sie nicht. Er hat die Tour de France viermal gewonnen, zuletzt 2017. Er jagt dem fünften Sieg hinterher, der ihn auf eine Stufe mit den Rekordsiegern Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain stellen würde.

Fünfter Tour-Sieg bleibt Froomes Ziel

Froome wagt den Angriff auf Gelb ab 2021 beim Team Israel Start-Up Nation. "Wenn ich nicht daran glauben würde, nach der Verletzung wieder 100 Prozent erreichen zu können, hätte ich mich nicht einem so langfristigen Projekt verschrieben", sagt Froome. Für Mäzen Sylvan Adams ist es ein Investment mit hohem Risikopotenzial. Froome wird bei der Tour 2021 bereits 36 Jahre alt sein. In diesem Alter gewann die Tour nur der Belgier Firmin Lambot - 1922.

Lambot wird sich diesen Rekord mutmaßlich nicht teilen müssen - ebenso wenig wie Merckx und Co. Froomes Weg zurück zu alter Stärke bleibt steinig, seinem künftigen Team fehlt die Qualität in der Breite, zudem ist der Generationenwechsel im Radsport längst eingeleitet. Die beiden vergangenen Tour-Sieger hießen Egan Bernal und Tadej Pogacar - und sie waren auf dem Treppchen in Paris 22 beziehungsweise 21 Jahre alt.

red/sid | Stand: 24.10.2020, 11:13

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