Politt fährt in Roubaix in die Weltklasse

Nils Politt bei Paris-Roubaix 2019

Platz zwei bei Paris-Roubaix

Politt fährt in Roubaix in die Weltklasse

Von Michael Ostermann (Roubaix)

Nils Politt wird beim Frühjahrs-Klassiker Paris-Roubaix nur vom Belgier Philippe Gilbert geschlagen. Auf dem Kopfsteinpflaster beweist der Kölner Radprofi großen Mut und taktisches Geschick.

Der Sieger Philippe Gilbert lag ausgestreckt auf dem Rasen im Velodrome von Roubaix. Nils Politt aber stand aufrecht, sein Rad zwischen den Beinen und nahm mit Tränen in den Augen die innige Umarmung seiner Frau Annike entgegen. 257 Kilometer Radrennen hatte Politt gerade hinter sich gebracht, 54,5 Kilometer davon über das grobe Kopfsteinpflaster, für das der Klassiker Paris-Roubaix berühmt ist. Aber die Schmerzen dieser Tortur, die sie die "Hölle des Nordens" nennen, spürte der Kölner Radprofi in diesem Moment nicht.

"Kommender Mann für die Klassiker"

"Gerade merke ich gar nichts mehr", sagte Politt: "Zweiter in Roubaix zu werden, das ist unglaublich." Dass er sich am Ende im Sprint gegen den Belgier Gilbert geschlagen geben musste, konnte den Stolz über seine Leistung nicht schmälern. Gilbert ist einer der großen Stars des Radsports. Von den fünf großen Eintagesrennen, den fünf Monumenten des Radsports, hat er nach seinem Sieg in Roubaix nun schon vier gewonnen. Auch Weltmeister ist er schon gewesen.

Politt hat dagegen erst einen Profisieg zu Buche stehen: einen Etappensieg bei der Deutschland-Tour. Dass es dabei nicht bleiben wird, gilt spätestens nach seinem grandiosen Auftritt bei Paris-Roubaix als ausgemacht. "Ein brutaler Arbeiter, ein sehr loyaler Teamkollege und spätestens jetzt einer der besten Radfahrer der Welt", urteilte sein Teamkollege Marco Haller im Velodrome von Roubaix. Und sein Sportlicher Leiter beim Team Katusha-Alpecin, der Belgier Dirk Demol ergänzte: "Er ist der kommende Mann für die Klassiker."

Politt animiert das Rennen

An diesem kalten Sonntag im Norden Frankreichs hatte er das eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Erst zwei Minuten vor dem Start war er in Compiègne vor den Toren von Paris aus dem Teambus geklettert. Da wusste er schon, dass die französische Sportzeitung L’Equipe ihn in den erweiterten Kreis der Favoriten aufgenommen hatte. "Ein bisschen Druck habe ich da schon gespürt", sagte Politt nach fünf Stunden, 58 Minuten und zwei Sekunden im Sattel.

Er selbst hatte in dieser Zeit das Rennen immer wieder animiert. Schon vor der ersten von insgesamt 29 Pflasterpassagen hatte er mit einem Antritt dafür gesorgt, dass sich das Feld in zwei Teile teilte. 22 Fahrer umfasste die erste Gruppe, in der er sich mit gemeinsam mit dem österreichischen Teamkollegen Haller befand. "Dadurch hatten wir keine Positionskämpfe vor den Pavés und konnten relativ entspannt über die ersten Sektoren fahren", erklärte Politt. Eine gute Möglichkeit, Kräfte zu sparen, was bei dieser Art Rennen ein entscheidender Faktor ist.

Attacken sorgen für die Vorentscheidung

67 Kilometer vor dem Ziel sorgte Politt dann mit einer weiteren Attacke für die Vorentscheidung. Von den großen Favoriten folgte zunächst nur Gilbert, während Vorjahressieger Peter Sagan seinen deutschen Teamkollegen Rüdiger Selig als Aufpasser hinterherschickte. "Philippe und ich haben dann besprochen, dass wir erstmal fahren und aus dem Auto kam dann die Ansage, dass von hinten nur noch die großen Namen kommen", berichtete Politt.

So war es: Kurz danach bildete sich eine sechs Fahrer starke Gruppe an der Spitze, zu der neben Politt, Gilbert und Sagan noch die Belgier Yves Lampaert, Sep Vanmarcke und Wout Van Aert gehörten und die stabil rund eine Minute Vorsprung vor den Verfolgern hielt. Zu denen zählte auch John Degenkolb, der mit Materialproblemen zu kämpfen hatte und deshalb im Finale seines Lieblingsrennens keine Rolle mehr spielte.

Lob von Gilbert

Anders als Politt, der 14 Kilometer auf dem drittletzten Pflasterstück vor dem Ziel, dem Pavé de Gruson, ein drittes Mal attackierte und damit bis auf Gilbert alle anderen Favoriten abschüttelte. "Wir haben ein super Duo gebildet", schwärmte Gilbert später: "Mit ihm zusammen zu sein, ist ein Vorteil. Er kalkuliert nicht. Er ist wie ich, wenn wir losgehen, machen wir es zu 100 Prozent. Das hat auch heute den Unterschied gemacht. Es ist schwer zu sagen, wer den Sieg mehr verdient hatte."

Dass der Belgier schließlich den Erfolg einfuhr, hatte er nicht zuletzt einem taktischen Vorteil zu verdanken. Denn hinter den beiden Fahrern an der Spitze hatte sich Gilberts Landsmann Lampaert alleine auf die Verfolgung gemacht. "Gilbert hat dann bisschen gepokert und wollte nicht mehr die Führung übernehmen", erzählte Politt, der deshalb als Erster ins Veldrome einbog und, anders als erhofft, den Sprint von vorne fahren musste.

Für den Sprint fehlt die Kraft

Dafür fehlte ihm dann aber die Kraft. "Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr endschnell war", sagte Politt: "Aber als Zweiter den kleinen Pflasterstein mitzunehmen - unglaublich." Dass er in Zukunft auch die größere Trophäe für den Sieger nach Hause bringen wird, daran hat nicht nur sein Sportlicher Leiter Dirk Demol keinen Zweifel mehr: "Er wird garantiert in der Zukunft Monumente gewinnen."

Stand: 14.04.2019, 19:55

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