Der Profiradsport hängt von der Tour de France ab

Das Peloton vor dem Triumphbogen

"Geisterrennen" als Ausweg?

Der Profiradsport hängt von der Tour de France ab

Von Tom Mustroph

Die Corona-Krise erschüttert bereits jetzt den Radsport. Besonders schwer träfe die Teams aber eine Absage der Tour de France, denn die wirtschaftliche Bedeutung des größten Rennens ist für sie enorm. Ein Ausweg könnte ein "Geisterrennen" durch Frankreich sein.

Es gibt noch keine verlässlichen Umfragen, in wie vielen Home Offices von Radsportrennställen Altäre stehen, vor denen gebetet wird, dass in diesem Jahr die Tour de France stattfinden möge. Sicher aber ist, dass die "Mutter aller Rennen" enorme Auswirkungen auf die Ökonomie des Radsports hat.

"Die Sponsoren erreichen bei der Tour etwa 70 Prozent ihrer Werbereichweite", erzählt Ralph Denk, Chef des deutschen Rennstalls Bora-hansgrohe, der Sportschau. Die Abhängigkeit von diesem Drei-Wochen-Event ist also enorm.

Erste Verluste durch ausgefallene Antrittsgelder

Die ersten finanziellen Verluste wegen der Corona-Krise spüren die Rennställe schon jetzt. "Durch ausgefallene Antrittsgelder bei den Rennen haben wir ein Defizit im sechsstelligen Bereich. Das wird auch nicht durch die Reisekosten, die wir einsparen, kompensiert", teilt Denk mit. Patrick Lefevere vom Rennstall Deceuninck-Quick Step bezifferte gegenüber belgischen Medien seine Verluste mit etwa 500.000 Euro.

Tour de France: Absage oder Alternativen? Sportschau 28.03.2020 03:58 Min. Verfügbar bis 28.03.2021 Das Erste

Mit bangem Herzen blicken die Branchenvertreter daher nach Frankreich. Dort fand das bisher letzte Rennen der Saison statt, die Fernfahrt Paris - Nizza. Jetzt wird intensiv an den Stellschrauben für die Tour 2020 gedreht. Sportministerin Roxana Maracineanu sieht sie schon als Geisterrennen vor dem inneren Auge, ganz ohne Fans an der Strecke. "Alles ist vorstellbar. Man hat das bereits bei anderen Wettkämpfen gemacht", sagte sie dem Radiosender "France Bleu". "Es hätte auch nicht die gleiche Auswirkung, denn das Wirtschaftsmodell der Tour de France basiert nicht auf Eintrittsgeldern wie im Fußball", begründete sie.

Tour de France: "Lieber ohne Zuschauer als gar keine Tour"

"Lieber eine Tour ohne Zuschauer als gar keine Tour. Und das meine ich sowohl aus ökonomischer Sicht wie aus der Perspektive des Sportliebhabers", pflichtet ihr Rennstallmanager Denk bei. Auch Radprofis stimmen zu. "Ich kann verstehen, dass man versucht, die Tour am Leben zu erhalten", sagt Roger Kluge der Sportschau. Der Berliner kann sich sogar damit anfreunden, dass die Entscheidung möglicherweise erst spät gefällt wird. "Für mich wäre auch o.k., wenn man das erst zwei Wochen vor dem Start erfährt", sagt er. Der von manchen Trainern und sportlichen Leitern geforderte offizielle Trainingsmonat vor dem ersten Rennen der neuen Halbsaison würde dann wegfallen. "Das ist vielleicht unfair gegenüber jenen Sportlern, die nicht wie wir gerade in Deutschland noch draußen trainieren können und sich nur auf der Rolle fithalten dürfen. Aber man kann es nicht ändern", meint er pragmatisch. Deshalb den Kalender noch weiter zu verdichten, mache keinen Sinn: "Wir wollen ja noch einige Rennen nachholen, den Giro, die ausgefallenen Frühjahrsklassiker - das wird alles sehr eng."

Kluge, zweifacher Weltmeister im Madison, musste bereits auf ein großes Saisonziel verzichten, auf Olympia. Die Verschiebung des Ringe-Events aufs nächste Jahr begrüßt er. "Vom Training her hat sich für mich dadurch auch nichts verändert. Ich hätte sowieso mein Straßentraining weitergemacht", erzählt er. Medaillen oder gar der Olympiasieg hätten für ihn finanziell auch keine Verbesserung gebracht. "Ich habe gerade einen Vertrag über drei Jahre abgeschlossen. Olympia hätte keine Auswirkungen auf das Gehalt gehabt."

Gehaltskürzungen noch nicht überall ein Thema

Bei seinem Rennstall Lotto Soudal wird wegen der Corona-Krise jetzt sogar das Salär gesenkt. Kluge hat Verständnis dafür: "In der normalen Welt müssen Menschen durch Kurzarbeit auf ein Drittel verzichten. Das ist wahrscheinlich notwendig, um die Wirtschaft am Leben zu erhalten. Und auch für uns kann das eine logische Schlussfolgerung sein. Wenn ich egoistisch bin und sage, ich will mein Gehalt behalten, dann haben wir vielleicht im nächsten Jahr den Sponsor nicht mehr oder es gibt gar kein Team."

In anderen Rennställen beurteilt man die Situation anders. "Momentan sind Gehaltskürzungen kein Thema", sagt Jörg Werner, Manager unter anderem von den deutschen Profis Tony Martin und Maximilian Schachmann, der Sportschau. "Man muss allerdings abwarten, wie es sich weiter entwickelt", warnt er. Für Bora-hansgrohe-Chef Denk stehen Gehaltskürzungen ebenfalls nicht zur Debatte: "Wir haben doch erst zehn Tage ohne Rennen. Da kann ich doch nicht zu den Fahrern gehen und sagen, reden wir mal über das Geld." Denk ist auch optimistisch, dass seine Sponsoren bei der Stange bleiben. Die haben sich bis 2021 vertraglich gebunden. Für die Anschlussverträge könne es, wenn die gesamtwirtschaftliche Situation schlecht bleibt, aber enger werden, prognostiziert er.

U23-Fahrer können sich kaum empfehlen

Mehr noch als die Rennställe und die Fahrer, die Verträge haben, leiden junge Sportler unter den Corona-Situation. "Schwierig ist es für U23-Fahrer. Sie wollten sich über die kleineren Rennen für einen Profivertrag anbieten. Die sind aber ausgefallen. Und nun können sie sich bestenfalls über die erreichten Wattwerte auf der Rolle interessant machen für einen Rennstall", sagt Routinier Kluge.

Corona erschüttert den Radsport auf vielen Ebenen. Deshalb die Tour de France auf Biegen und Brechen durchzusetzen, ist aber auch keine Lösung. "Die Austragung der Tour de France hängt von vielen Faktoren ab. Der wichtigste aber ist die Sicherheit", sagt Iwan Spekenbrink, Chef des deutschen Rennstalls Sunweb, der Sportschau. Die französische Regierung möge also weise entscheiden. Vielleicht sollte man auch dieses Stoßgebet vor dem Altar im Home Office aufsagen.

Stand: 28.03.2020, 18:20

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