Warum es in Berlin und Bremen noch immer Sechstagerennen gibt

Wechsel beim Sechstagesrennen in Bremen

Unterschiedliche Konzepte für die Sixdays

Warum es in Berlin und Bremen noch immer Sechstagerennen gibt

Von Tom Mustroph

Nur zwei Sechstagrennen haben in Deutschland überlebt: Die Bremer Sixdays setzen auf einen Mix aus Sport und Show, während in Berlin die Vielfalt in den sportlichen Programmen auffällt.

Sechstagerennen sind eine Institution. Es gibt sie schon länger als die Tour de France. Bereits vor 140 Jahren kreisten Radsportprofis um die Bahn, damals noch auf Hochrädern. In den frühen Jahren fuhren die Zweiermannschaften die kompletten 24 Stunden durch. Mehr als 4.000 Kilometer kamen so zusammen, das allerdings auf den heute noch gebräuchlichen Geräten mit gleich großen Rädern vorn wie hinten. In einer Woche auf der Bahn wurde damit eine Strecke zurückgelegt, die länger ist als eine komplette Tour de France unserer Tage.

"Bleiche Geister" auf dem Rad

Entsprechend erschöpft waren die Fahrer am sechsten Tag. Chronisten schrieben von "bleichen Geistern auf dem Rad". Der Schriftsteller Kurt Tucholsky, zugleich angezogen wie abgestoßen von der Tortur, prägte das Wort von der "elliptischen Tretmühle".

Radrennen über 144 Stunden am Stück kann sich niemand mehr vorstellen, auch der aktuelle Weltmeister im Madison, Roger Kluge, nicht. "Es gibt aber auch Bilder aus jener Zeit, die Fahrer zeigen, wie sie freihändig auf dem Rad fahren und Zeitung lesen. Sie mussten ja nicht schnell sein, sondern nur immer auf der Bahn bleiben", sagt Kluge, derzeit bei der Tour Down Under unterwegs.

Im Windschatten von Motorrädern über die Bahn

Das alte Format passe jedoch nicht zum Bahnradsport unserer Tage. "Bahnradsport ist schnell, kurz, intensiv und spannend", sagt Kluge.

Steherrennen

Steherrennen - im Windschatten von Motorrädern

Daran haben sich auch die Sixdays angepasst. Rundenjagden dauern eine Stunde. Dann gibt es Sprintwettbewerbe, Zeitfahren und - in Berlin - die Steherrennen. In ihnen jagen Radsportler im Windschatten von Motorrädern über die Bahn. Längst gehören auch Frauen- und Nachwuchswettbewerbe zum Programm.

Nachwuchs spricht für Berlin

Dieter Stein, in den 1980er Jahren mit der "schwarzen Sieben" selbst ein Volksheld auf der Ostberliner Winterbahn und seit elf Jahren sportlicher Leiter der Berliner Sixdays, sieht vor allem die Bandbreite der Wettbewerbe als das herausragende Merkmal seiner Veranstaltung. "Wir haben etwas, was auf diesem Niveau kein anderes Sechstagerennen hat: Nachwuchswettbewerbe von der U13 bis zur U23, wir haben die Weltklasse im Sprint der Männer und der Frauen und natürlich die Zweiermannschaften", sagte Stein der Sportschau.

Auch dank der Nachwuchswettbewerbe - dort feuern die Eltern schließlich die Sprösslinge an - konnten die Berliner Sixdays in den vergangenen drei Jahren laut Stein den Altersdurchschnitt der Zuschauer von über 60 Jahren auf etwa 45 Jahren drücken und damit zukunftsfähig werden.

TV-Übertragung in mehr als 100 Länder

An sportlichen Reinheitsgraden hat das Event ebenfalls zugelegt. "Wir haben jetzt nicht mehr die Show-Blöcke von 30 oder 40 Minuten", sagte Geschäftsführer Valt Miltovics. Grund ist die gestiegene TV-Präsenz. "Wir übertragen aktuell in mehr als 100 Länder. Für das Fernsehen ist der Sport interessant, nicht aber die Shows", erklärte Miltovics.

"Strippen, strampeln, raufen, saufen" - Sechstagerennen in den 1970er-Jahren Sportschau 22.01.2020 11:45 Min. Verfügbar bis 22.01.2021 Das Erste

Das internationale Interesse führt er auch auf die Gesamtvermarktung durch die Londoner Madison Sports Group zurück. Zu der von ihr ausgerichteten Serie gehören neben Berlin noch die Rennen in London und Kopenhagen sowie die Dreitages-Events in Manchester, Melbourne, Brisbane und Hongkong.

Bremen: Sport und Party

Leif Lampater (l.) und Wim Stroetinga beim Sechstagerennen in Bremen.

Das Bremer Sechstagerennen verfolgt eine andere Strategie. "Unsere Besonderheit ist die Verbindung von Sport und Party", erklärt Sprecherin Kerstin Weiß der Sportschau. Nur in einer der vier Hallen in Bremen wird Rad gefahren, die drei anderen werden von DJs und Partyvolk frequentiert. "Während in Berlin spätestens um Mitternach die Lichter ausgehen, geht es bei uns noch bis früh um 5 Uhr weiter", meinte sie. 59.000 Zuschauer und Dauertänzer zählte Bremen mit diesem Konzept im Januar, während Berlins Geschäftsführer Miltovics mit einem Publikum von etwa 50.000 bereits zufrieden wäre.

Der Party-Aspekt übrigens stört die Sportler gar nicht. Weltmeister Theo Reinhardt, der oft in Bremen fuhr, geht sogar davon aus, dass der eine oder andere, der vor allem wegen der DJs kam, über diesen Umweg Gefallen an dem Sport gefunden habe. "So gewinnt man neue Leute", sagte er der Sportschau.

Aufgabe nach Dopingknick

Sechstagerennen sind für ihn ohnehin eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Programm. "Die Aufmerksamkeit ist größer und die Stimmung besser als bei den anderen internationalen Rennen. Die Weltcups sind straighter, aber auch steriler", meinte Reinhardt.

Dass andere Traditionsstandorte wie Dortmund (erstes Rennen 1926), Köln, Stuttgart (beide 1928) und München (1933) aufgeben mussten, führt Reinhardt auch auf den Dopingknick zurück, der den gesamten deutschen Radsport nach 2006 beutelte. "Der Radsport hatte damals eine schwierige Phase. Lokale Sponsoren, die wichtig sind, wollten mit dem Radsport nichts mehr zu tun haben", beobachtete er.

Nur Bremen und Berlin überlebten

Nur Berlin, wo 1909 das allererste Sechstagerennen in Kontinentaleuropa ausgetragen wurde, sowie Bremen (Debüt schon 1910, zweites Rennen allerdings erst 1965) konnten die Durststrecke überstehen. Angesichts der Klasse an deutschen Bahnfahrern und Bahnfahrerinnen ist jetzt eigentlich der geeignete Zeitpunkt, die alten Traditionen auch andernorts wiederzubeleben.

Stand: 22.01.2020, 09:30

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