Team Movistar: Spektakuläre Selbstzerlegung

Nairo Quintana und Alejandro Valverde

Vuelta a Espana

Team Movistar: Spektakuläre Selbstzerlegung

Von Tom Mustroph

Bei Team Movistar fahren sich die Kapitäne auch bei der Vuelta gegenseitig aus dem Klassement. Tagessiege werden leichtfertig aus der Hand gegeben. Das große Potenzial an Rundfahrern verpufft. Zum Ende der Saison verlassen drei Spitzenfahrer den Rennstall.

Die Fans immerhin lieben Team Movistar noch. Der Auflauf vor dem Teambus in Aranda de Duero, dem Startort der 17. Etappe der Vuelta a Espana, war riesig. Frenetischer Jubel brandete auf, als Alejandro Valverde aus der Tür trat. Ein Bub im Weltmeistertrikot – gleiche Farben, gleicher Schnitt wie es Valverde trug, nur ein paar Nummern kleiner – drängte sich ins Getümmel. Er wurde durchgelassen, posierte mit seinem Idol.

Taktik sorgt für Kopfschütteln

Jubel auch, als Nairo Quintana auftauchte. Er verschwand allerdings sehr schnell, überließ Valverde das Bad in der Menge. Auf dem Weg zum Einschreiben wurde er von einem Polizisten begleitet. Es war nicht ganz klar, ob dies nur eine nette Geste des Uniformierten war, ob er explizit den Auftrag hatte, den Profi vor den Fans zu schützen, oder ob Quintana nicht sogar eher den Schutz gegenüber den eigenen Teamkameraden nötig hatte.

Denn sein Verhalten, überhaupt die Taktik des spanischen Rennstalls, sorgt bei der Vuelta für viel Kopfschütteln. Auf der 9. Etappe wurde Teamkollege Mark Soler zurückgeholt. Der Spanier stand kurz vor einem prestigeträchtigen Bergetappensieg. Dann aber sollte er auf Quintana warten. Der allerdings war nicht stark genug, sich gegen den Fluchtbegleiter Tadej Pogacar durchzusetzen. Der Grand-Tour-Debütant ließ den alternden Star stehen.

Internes Mannschaftszeitfahren

Soler, der offenbar viel Kraft bei seinen mit Armrudern untermalten Empörungsausbrüchen gelassen hatte, konnte seinen Chef auch nicht mehr heranfahren. Im anschließenden Zeitfahren verlor Quintana mächtig; sogar Teamkollege Valverde zog an ihm vorbei. Da staunte selbst Teamchef Eusebio Unzue. "Ich hätte nicht gedacht, dass er in seinem Alter tatsächlich noch diese Stärke hat", sagte er zu sportschau.de.

Trotz Valverdes offenbar besserer Verfassung hielt Unzue aber weiter an Quintana als Nummer 1 fest, so lange jedenfalls, bis der Kolumbianer am Sonntag einbrach und mehr als anderthalb Minuten verlor. Am Mittwoch allerdings stahl der sich dann in eine Fluchtgruppe. Dort war er auf dem besten Wege, das Leadertrikot von Primoz Roglic zu erobern, als plötzlich hinten im Feld Movistar Dampf machte. Das Team lieferte ein internes Mannschaftszeitfahren ab: vorn die blaue Gruppe um Quintana, hinten die ebenfalls blauen Mannen um Valverde.

Quintana wieder vor Valverde

Die Auflösung gab es dann im Ziel. Quintana hatte ursprünglich gar nicht in die Fluchtgruppe gesollt. "Es war ja keine Etappe für mich, keine Berge, flach, viel Gegenwind. Ich war einfach vorn, als das Feld zersplitterte", sagte er. Per Zufall ist er nun wieder vor Valverde. "Wir haben das Glück, dass wir bei jeder Rundfahrt zwei, drei Fahrer haben, die ums Klassement fahren können", sagte Unzue, und es klang eher wie ein Seufzer.

Für das interne Mannschaftszeitfahren auf der 17. Etappe hatte er die Erklärung parat: "Wir wollten es für Jumbo Visma schwer machen im Favoritenfeld und Roglic isolieren." Das ergibt Sinn. Nur der Lohn blieb wieder einmal aus. Der isolierte Slowene überquerte einträchtig mit Valverde den Zielstrich und behielt die Gesamtführung.

Die besten Fahrer fliehen

Bei so wenig Ertrag bei derart viel Aufwand ist es kein Wunder, dass die besten Fahrer fliehen. Mikel Landa wechselt zu Bahrain-Merida, Quintana zu André Greipels Rennstall Arkéa Samsic. Und Richard Carapaz, eher durch Eigeninitiative als durch brilliante Teamtaktik zum Giro-Sieg gekommen, heuert bei Ineos an. "Wir stehen vor einem Umbruch", sagt Unzue.

In Zukunft setzt er auf die Hispanisierung des Traditionsrennstalls. Mark Soler, der gerade noch um seinen Etappensieg gebracht wurde, und Contador-Zögling Enric Mas sollen ab 2020 die Siege holen. Entweder sie harmonieren dann besser als die alte Garde. Oder Unzue versucht es mal mit der Variante: ein Kapitän für eine Rundfahrt.

Stand: 12.09.2019, 08:48

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