Umstrittene Pläne der UCI: "Doper haben es in Zukunft leichter"

UCI-Präsident David Lappartient

Machtkampf im Radsport

Umstrittene Pläne der UCI: "Doper haben es in Zukunft leichter"

Von Tom Mustroph

Hinter den Kulissen des Radsports tobt ein Machtkampf. Die Profiteams kritisieren den Radsportweltverband UCI und dessen Präsident David Lappartient. Die Pläne des Franzosen drohen auch das recht erfolgreiche Antidoping-Programm der Cycling Anti-Doping Foundation (CADF) zu schwächen.

Der Straßenradsport ruht. Erst allmählich beginnen die Radprofis wieder mit der Vorbereitung auf die neue Saison. Doch hinter den Kulissen geht es alles andere als beschaulich zu. Es herrscht großer Unmut über den Weltverband UCI und dessen Präsidenten David Lappartient.

14.000 Zeichen Unmut über die UCI

Ende Oktober begehrte die Vereinigung der Profimannschaften AIGCP in einem offenen Brief gegen die UCI auf. In dem mehr als 14.000 Zeichen umfassenden Schreiben üben die Vertreter der Teams harsche Kritik an der Art und Weise, wie die UCI den Sport führt.

Der Verband mische sich in die kommerziellen Belange des Sports ein und behindere damit die ökonomischen Möglichkeiten der Teams und deren Sponsoren. "Die UCI sollte sich mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren, die Sicherheit vor allem und die Disziplinarentscheidungen bei den Rennen", sagt Iwan Spekenbrink, Präsident der AIGCP und Chef des deutschen Rennstalls Sunweb, gegenüber der Sportschau.

Iwan Spekenbrink

AIGCP-Präsident Iwan Spekenbrink

Die Sicherheit bei den Rennen ist zwar hauptsächlich Sache der Veranstalter. Die AIGCP sieht aber auch die UCI in der Pflicht, nachdem sich Unfälle mit nicht autorisierten Autos - wie zuletzt bei der U23-Ausgabe der Lombardeirundfahrt - gehäuft haben. "Die UCI vergibt Lizenzen. Die Teams müssen bei der Lizenzvergabe sehr viel nachweisen, die Budgets offenbaren, zum Teil auch Bankbürgschaften einbringen", argumentiert Spekenbrink. Von den Rennorganisatoren werde ähnliches aber nicht gefordert. "Da gibt es nirgendwo die Forderung, wieviel Sicherheitspersonal es pro Rennkilometer geben soll."

Klage vor der Europäischen Kommission

Vor allem empört die Teams aber der Hang zum Durchregieren beim Weltverband. "Wir haben den offenen Brief geschrieben, weil wir mit der UCI sprechen wollen, weil wir von ihr angehört werden wollen", betont AIGCP-Präsident Spekenbrink. Verstimmt sind die Teams auch wegen der Abstellungen ihrer Profis zur Europameisterschaft und des neuen Formats der Mixed-Staffel bei der WM. Dadurch werde den Teams und ihren Sponsoren öffentliche Sichtbarkeit genommen.

Seit Jahren schon beklagen die Teams, dass sie wirtschaftlich nicht ausreichend partizipieren an der Vermarktung des Radsports und deshalb ihre Einnahmemöglichkeiten nicht über die Sponsorengelder hinaus diversifizieren können. Elf der 18 World-Tour-Teams haben sich darum schon 2014 zur Vereinigung Velon zusammengeschlossen mit dem Ziel, neue Vermarktungsmöglichkeiten zu schaffen.

Der Vorwurf: Die UCI regiere zu sehr mit

So stellen die Velon-Teams Echtzeitdaten der Rennfahrer zur Verfügung. Neue Regularien der UCI sehen nun aber vor, dass diese Daten in Zukunft nicht mehr Velon und den Rennställen, sondern der UCI und den Rennorganisatoren gehören sollen. Velon reichte deswegen vor der Europäischen Kommission eine Klage gegen den Weltverband wegen Verletzung europäischer Kartell-Regeln ein.

Das Team Deceunick-Quick Stepp feiert den Sieg der Hammer Serie

Das Team Deceunick-Quick Stepp feiert den Sieg bei der Hammer Serie

Velon hatte 2017 zudem mit der "Hammer Series" eine eigene Rennserie eingeführt. Diese soll nach dem Willen der UCI aber nicht mehr "Series" genannt werden dürfen. Auch dagegen richtet sich die Beschwerde vor der Europäischen Kommission. Der Weltverband beansprucht den Begriff Serie für sich alleine. Bestandteil der UCI-Reform 2020 ist die Einführung der "Classics Series". In ihr sollen die wichtigsten Eintagesrennen zusammengefasst werden. Am Ende gibt es einen Gesamtsieger. Die Kritik der Teams besteht darin, dass für alle darin eingeschlossenen 21 Rennen eine Startverpflichtung für die WorldTour-Teams bestehen und es weniger Wild-Card-Möglichkeiten für die Veranstalter zum Einladen regionaler Rennställe geben soll. Die Serie verfehle daher das Ziel, die wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern. Nicht nur für die Teams, sondern auch die Rennveranstalter. Die AIGCP verbietet deshalb der UCI, Rennfahrer ohne Einwilligung der Rennställe in der Wertung der Classics Series aufzuführen.

Schwächung des Anti-Dopingkampfes

Die UCI-Reform sieht auch eine Erhöhung der Pflichtrenntage von 154 auf 180 Renntage vor. Noch größere Konsequenzen für den Radsport könnte aber ein anderer von UCI-Präsident David Lappartient für 2021 geplanter Schritt haben. Ab dann sollen die Dopingkontrollen im Radsport nicht mehr von der Cycling Anti-Doping Foundation (CADF), sondern von der International Testing Agency (ITA) durchgeführt werden. Die ITA wurde im vergangenen Jahr vom Internationalen Olymischen Kommittee (IOC) aus der Taufe gehoben und soll die Antidopingprogramme in möglichst vielen olympischen Disziplinen übernehmen. Allerdings gibt es Zweifel an der Unabhängigkeit der ITA, da im obersten Gremium der Agentur auch ein IOC-Mitglied vertreten ist.

Der Schritt, so die Befürchtung, könnte deshalb die mühsam zurückgewonnene Glaubwürdigkeit des Radsports im Anti-Dopingkampf wieder erschüttern. "Es war eine absolute Überraschung für uns, dass die UCI überhaupt darüber nachdachte, das Antidopingprogramm von der CADF wegzunehmen", sagt CADF-Präsident Rune Andersen zur Sportschau. "Elf Jahre lang hat die CADF eine große Kompetenz im Antidopingkampf im Radsport erworben. Sie hat Glaubwürdigkeit in den Sport zurückgebracht. Sie ist eine vom UCI unabhängige Organisation. Und jetzt soll sie von einer Organisation, die gerade aufgebaut wird, die über wenig Erfahrungen im Radsport verfügt und auch noch für viele andere Sportarten zuständig sein wird, abgelöst werden?"

Informationen zu Dopingermittlungen verlangt

Andersen befürchtet bei einer Übergabe des Dopingkontrollsystems an die ITA einen Qualitätsverlust, vor allem was die Bestimmung von Zeitpunkt und Ort von Kontrollen bei verdächtigen Sportlern betrifft. "Ich will nicht sagen, dass es dann einen Freifahrtschein für Doper gibt. Aber wer dopt, könnte es in Zukunft leichter haben", meinte der Norweger. Andersen erzählte der Sportschau auch, dass UCI-Präsident David Lappartient zuvor versucht hatte, Informationen über laufende Dopingermittlungen von der CADF zu erhalten. Die CADF verweigerte aber die Weitergabe. "Wir entscheiden selbst, welche Informationen wir an die UCI weitergeben und welche nicht. Auch deshalb haben wir uns das Vertrauen von Polizeiermittlern weltweit erworben", meinte Andersen. Die UCI wollte ihm zufolge vor allem Details zu Operation "Aderlass".

Unklar ist, ob die Weigerung der CADF, die Informationen weiterzugeben, die UCI dazu bewegte, sich der ITA anzudienen. In der Radsportszene wird UCI-Boss Lappartient auch unterstellt, selbst ins IOC zu streben und als Morgengabe den Radsport zur ITA zu bringen. Lappartient bestritt öffentlich, dass seine persönlichen Ambitionen Anlass für diese Änderungen seien. Anfragen der Sportschau dazu ließ die UCI komplett unbeantwortet.

Antidopingchef Andersen hofft, dass diejenigen, die den Antidopingkampf im Radsport maßgeblich finanzieren, auch das Recht haben, gehört zu werden, welcher Organisation die Kontrollaufgabe zufallen soll. Ginge es allein nach dem Geld, wäre die Sache klar. 2018 zahlten die Teams etwa 71 Prozent des CADF-Budgets, die UCI nur etwa 16 Prozent und die Rennveranstalter etwa zwölf Prozent. Aktuell will aber der Partner mit den 16 Prozent gegen den Willen der Mehrheit entscheiden. Das verstärkt den Eindruck, dass die UCI keine Rücksicht auf die Teams nimmt und auf dem Weg zurück in die autokratischen Regierungsformen der Vergangenheit ist.

Stand: 21.11.2019, 14:21

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