Schachmann: "Die Tour de France ist ein Ankerpunkt"

Maximilian Schachmann

Interview mit Maximilian Schachmann

Schachmann: "Die Tour de France ist ein Ankerpunkt"

Am Sonntag (26.04.20) hätte mit Lüttich-Bastogne-Lüttoch der Radklassiker auf dem Programm gestanden. Der deutsche Meister Maximilian Schachmann wäre dort als Mitfavorit gestartet. Schachmann ist einer der Protagonisten der Sport inside-Serie "No Sports!?" - im Interview mit sportschau.de spricht er über das Leben als Radprofi in Zeiten der Corona-Krise, die Hoffnung auf die Tour de France, virtuelle Rennen und die möglichen wirtschaftlichen Folgen der Krise für den Radsport.

Herr Schachmann, wie sieht ihr Trainingsalltag aus? Können Sie noch raus mit dem Rad oder sind Sie mehr indoor auf der Rolle?

Maximilian Schachmann: Ich habe hier (in der Schweiz, Anm. d. Red) Glück. Wir dürfen draußen fahren. Das Wetter ist auch gut. Die Sonne scheint. Ich hatte einen normalen, intensiven Trainingstag, knappe vier Stunden mit Intervallen. Es ist ähnlich wie das Wintertraining, aber doch noch ein bisschen spezifischer.

Wie ist die Form? Jetzt am Wochenende hätten Sie ja eigentlich den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich fahren sollen, eines Ihrer großen Saisonziele.

Schachmann: Die Form jetzt ist fast noch besser bei Paris-Nizza ...

Das war das bislang letzte große Radrennen in dieser Saison. Sie haben es gewonnen...

Schachmann: Jetzt probieren wir, dieses Niveau zu halten und an ein paar spezifischen Sachen zu arbeiten. Aber vorrangig geht es darum, eine breite, stabile Basis aufzubauen. Und dann, wenn wir wissen, wie es genau weitergeht, werden wir die Spitze drauf setzen und bereit sein für die Rennen.

No Sports!? Wie kommt der Sport durch die Corona-Krise? - Folge 4 sport inside 22.04.2020 09:04 Min. Verfügbar bis 22.04.2021 WDR

Das neue Datum für die Tour de France ist bekanntgegeben worden, Ende August statt Ende Juni soll der Grand Depart sein. Wie erleichtert waren Sie darüber?

Schachmann: Also ich finde es gut, dass es jetzt einen Termin gibt und dass der auch sehr weit nach hinten verlegt worden ist. Das erhöht einfach die Chance, dass es stattfinden kann. Ich hoffe natürlich, dass die Tour stattfindet. Es ist ja mein Job, Rennen zu fahren. Und ich möchte, sobald es geht, meinen Beruf auch wieder ausüben. Momentan nehmen wir den Termin erst einmal alle als einen Ankerpunkt für die Zukunft. Ich finde es auch gut, dass man nicht bis zum 15. Mai gewartet hat, um das zu verkünden, sondern uns Athleten und auch den Teams die Situation erleichtert hat, indem man jetzt früher eine Aussage getroffen hat.

Ist es aber auch realistisch, dann wieder Rennen fahren zu können, auch mit Zuschauern an der Strecke? Veranstalter ASO hat ein Geisterrennen ja ausgeschlossen.

Schachmann: Wie die Situation im Herbst sein wird, muss man sehen. Momentan ist es ja so, als würde man in eine Glaskugel blicken. Wenn eine Tour stattfindet, muss sie aber unter Bedingungen ohne Wenn und Aber stattfinden. Die Gesundheit der Fans, der Zuschauer, aber auch der Fahrer und alle Beteiligten muss gewahrt bleiben. Das ist die Aufgabe der ASO und der Behörden. Da wird es wahrscheinlich unterschiedliche Szenarien geben, die auch davon abhängen, welche Wirkung die jetzigen Maßnahmen zeigen. Man muss schon darüber nachdenken, wie man zurück zur Realität kommt und kann nicht einfach nur planlos abwarten und hoffen, dass alles schlagartig besser wird. Aber ich selbst kann nur sagen, dass ich unter Bedingungen fahren möchte, bei denen niemand gesundheitlich geschädigt wird.

Wie dosiert man jetzt ein Training über so lange Zeiträume, wie halten Sie auch die Motiviation?

Schachmann: Ich bin ja Radprofi geworden, weil ich das Radfahren liebe. Und ich fahre immer noch gerne ohne konkrete Ziele. Jetzt ist das alles ein bisschen entspannter und eigentlich auch ein bisschen back to the roots, den Sport wieder für sich zu entdecken. Wir haben auch eine Struktur gefunden, wo wir kleine Zwischenziele stecken. Ich weiß dann: Okay, jetzt kommen zwei, drei harte Wochen, und dann kommt wieder ein entspanntere. So probieren wir, den doch noch sehr langen Zeitraum physisch und psychisch zu überbrücken. Es kann ja auch sein, dass wir dieses Jahr viel länger Rennen fahren bis in den November hinein. Und ich glaube, da ist es ganz gut, wenn man sich jetzt auch mental zumindest noch mal ein bisschen erholt und Kapazität aufbaut im Falle einer sehr langen Saison.

Jetzt ist eigentlich die Zeit der großen Eintagesrennen. Wie hätten Sie die Zeit verbracht, wenn der alte Rennkalender noch gültig wäre?

Schachmann: Der Wallonische Pfeil wäre am Mittwoch (22.04.20, Anm. der Red.) gewesen, oder? Zuvor wäre ich in der Sierra Nevada in den letzten Tagen im Höhentrainingslager gewesen und am Montag wahrscheinlich nach Belgien geflogen. Dann hätte ich einen Tag Vorbereitung und am Mittwoch das Rennen gehabt. Am Sonntag wäre dann Lüttich-Bastogne-Lüttich gekommen.

Stattdessen werden Sie ein virtuelles Rennen bestreiten, die letzte Etappe der Digital Swiss 5, der virtuellen Tour de Suisse.

Schachmann: Ja, es wird mein erstes virtuelles Rennen sein.

Bereiten Sie sich speziell darauf vor?

Schachmann: Es wird wohl ein Sprung ins virtuelle kalte Wasser. Ich weiß nicht einmal, ob da Windschattenfahren möglich ist. Da muss ich mich erst belesen. Die Basis ist ja das Fahren auf der Rolle. Und soweit ich weiß, ist es recht kurz, eine Stunde oder so. Ich bin einfach gespannt, wie das wird, ob man ein bisschen nervös wird, ob sich das anders anfühlt als bei einem echten Radrennen. Ich lasse es mal auf mich zukommen. Gut trainiert habe ich ja. Und ich werde mir auch schon eine Taktik ausdenken und dann gucken, wie es klappt. Vielleicht ist es sogar ganz witzig für die Zuschauer, wenn das Ganze mal nicht so routiniert abläuft, sondern wir uns da auch irgendwie alle mal versuchen. Vielleicht kommen ein paar schräge Sachen dabei heraus. Und ich denke, die Zuschauer werden mich leiden sehen, mit einem Kopf wie eine rote Tomate.

Wie nehmen Ihre Teamkollegen eigentlich die jetzige Situation auf? Sie haben ja regelmäßige Videokonferenzen. Wie ist die Stimmung?

Schachmann: Ich muss sagen, in meiner Trainingsgruppe waren alle auch bei der letzten Skype-Konferenz eigentlich sehr gelassen drauf. Aber das sind alles Fahrer, die noch draußen trainieren können, die in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Polen leben. Kollegen, die in Italien, Frankreich oder Spanien leben und nur auf die Rolle dürfen, trifft es da härter.

Wegen dieser Unterschiede im Trainingsalltag wird bereits ein Peloton der zwei Geschwindigkeiten prognostiziert. Müsste es im Sinne einer Wettkampfgerechtigkeit nicht vor den ersten Rennen, die irgendwann sicher möglich werden, nicht auch einen Vorbereitungszeitraum geben, in dem alle die gleichen Bedingungen haben?

Schachmann: Das ist eine schwierige Frage, um ehrlich zu sein. Es geht ja auch darum, ob Höhentrainingslager möglich sind. Ich denke, das ist etwas, mit dem sich die Organisatoren auseinandersetzen müssen.

Die Trainings- und Wettkampfgerechtigkeit wird auch dadurch bedroht, dass gegenwärtig so gut wie keine Dopingkontrollen stattfinden. Ist bei Ihnen in der letzten Zeit ein Dopingkontrolleur aufgetaucht?

Schachmann: Seit Paris-Nizza bin ich nicht kontrolliert worden. Und natürlich gibt es mir ein mulmiges Gefühl. Auch deshalb, weil es so publik gemacht wurde, per E-Mail an uns Athleten öffentlich kommuniziert wurde, dass es deutlich eingeschränkt ist. Ich hoffe natürlich, und die Nada (Nationale Anti-Doping-Agentur, Anm. der Red.) hat uns das auch versichert, dass das Kontrollsystem aufrechterhalten wird, auch mit moderneren Mitteln. Ich hoffe, dass das funktioniert und auch in Zukunft der Sport dort keinen Schritt zurück macht.

In einigen Rennställen gab es bereits drastische Gehaltskürzungen. Wie ist die Situation bei Ihnen im Team?

Schachmann: Wir haben das Feedback von unseren Sponsoren bekommen, dass wir wirtschaftlich gut aufgestellt sind und mittelfristig keine Gefahr besteht. Aber niemand weiß natürlich, wie sich das in Zukunft entwickelt.

Sehen Sie den Radsport generell bedroht? Er finanziert sich ja hauptsächlich über die Werbeetats der Sponsoren. Und wenn es denen schlecht geht, besteht die Gefahr, dass Rennställe wie auch Rennveranstalter aufgeben müssen. Wie sehen Sie das?

Schachmann: Natürlich, der Radsport ist am Ende ein kommerzieller Sport, da wird Geld verdient, es ist ein Wirtschaftszweig. Und natürlich kann es passieren, dass auch wir die Auswirkungen spüren werden. Ich bin aber kein Ökonom. Ich weiß auch nicht, wie die Verträge zwischen den Teams und den Sponsoren strukturiert sind und inwieweit bei Vertragsschluss ein Sponsor so eine Situation, wie sie jetzt eingetroffen ist, ausschließen kann. Aber am Ende ist jedes Investment mit Risiko verbunden. Da muss man jetzt einfach schauen, wie schlecht es den Firmen geht. Es gibt ja auch Jahre, wo man, selbst wenn es für die Firma extrem klasse läuft, nicht unbedingt viel besser bezahlt wird. Und so kann es auch mal ein Jahr geben, an dem es besonders schlecht läuft. Und ich denke, wenn jetzt einem Unternehmen wirklich das Messer an der Kehle sitzt, dann sollte man es nicht ausquetschen, bis es untergeht. Definitiv nicht. Da muss man Lösungen finden. Eine Lösung kann auch sein, zu sagen: Okay, man setzt einen Teil des Gehalts aus und gibt es dem Unternehmen als zinslosen Kredit. Wenn die Umsätze komplett nachgeholt werden, kann er wieder eine Boomphase kommen und den Kredit zurückzahlen. Ich könnte mir vorstellen, dass das eine faire Möglichkeit ist. Es ist sehr schade, wenn Sponsoren jetzt einfach nur einen Weg suchen, um nicht mehr zu bezahlen, obwohl es eigentlich dem Unternehmen nicht schlecht geht. Ich denke, für eine langfristige Zusammenarbeit muss man einen Weg finden, mit dem die Fahrer, das Team und die Sponsoren glücklich sind.

Das Interview führten Tom Mustroph und Michael Ostermann

Stand: 24.04.2020, 08:33

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