Mailand - Sanremo: Triumph mit verhaltener Freude

Julian Alaphilippe (l.) und Wout Van Aert

Rad-Klassiker: Mailand - Sanremo

Mailand - Sanremo: Triumph mit verhaltener Freude

Von Tom Mustroph (Sanremo)

Wout Van Aert etabliert sich bei Mailand - Sanremo als Nummer eins im Straßenradsport. Aber die Freude ist verhalten. Der schreckliche Sturz in Polen überschattet den Klassiker - und beschäftigt den Radsport.

Der Sieger bleibt der gleiche, das Rennen verändert sich massiv. Der Belgier Wout Van Aert gewann nach dem Staubstraßenrennen Strade Bianche nun auch den Klassiker Mailand - Sanremo und etabliert sich damit als die Nummer 1 im Straßenradsport in Pandemiezeiten. Auf einem radikal veränderten Parcours gewann er im Spurt zweier Ausreißer vor Titelverteidiger Julian Alaphilippe. Den Spurt des nur zwei Sekunden später über die Ziellinie rasenden Hauptfeldes machten die Kapitäne der beiden deutschen Rennställe Sunweb und Bora-hansgrohe unter sich aus. Der Australier Michael Matthews (Sunweb) wurde Dritter vor dem Slowaken Peter Sagan (Bora).

Auch Klassiker können sich ändern. Mailand - Sanremo, das längste Radsportmonument, änderte in diesem Jahr zu etwa drei Viertel seinen Streckenverlauf. Statt an der ligurischen Küste verlief das Rennen über lange Zeit im Hinterland. Es touchierte dabei die Alpen, eine absolute Premiere in 113 Jahren Geschichte. Grund war nicht nur das Coronavirus. Die Städte und Dörfer entlang der ligurischen Küste befürchteten im Hochsommer Massenansammlungen an der Strecke. Deshalb verwehrten sie der "Classicissima" die Durchfahrt. In den Tagen zuvor hatten die Behörden wegen offenbar exzessiv feiernder Jugendlicher in der Provinz Savona bereits ein striktes Alkoholverbot ausgesprochen. Von 20 Uhr abends bis 6 Uhr morgens durfte kein Alkohol mehr außer Haus verkauft werden.

Angst vor den Massen an der Strecke

Das 162 Mann starke Peloton des Radrennens wäre zwar der perfekte antialkoholische Botschafter gewesen. In den Trinkflaschen, personalisiert als eine der vielen Hygieneregeln in Zeiten der Pandemie, befanden sich nur Wasser und Energiedrinks. Aber die Stadtväter hatten Angst, dass sich die Massen am Rande der Strecke versammelten.

Deshalb nahm das Peloton erstmals den 936 Meter hohen Colle di Nava, einen Gipfel im Alpenvorland, unter die Räder. 500 Höhenmeter mehr als gewohnt hatte der Parcours. Klassisch sind 1.500 Höhenmeter, jetzt waren es 2.000. Das gab von Beginn an den Massensprintern, gewöhnlich die Siegaspiranten auf der Zielgeraden der Via Roma, in diesem Jahr schlechtere Karten.

Ein Thema beherrscht momentan den Radsport

"Die Gegend, durch die man jetzt fährt, ist viel schöner", lobte Paul Martens vom Rennstall des Siegers Van Aert die landschaftlichen Qualitäten des neuen Parcours. In Sachen Fahrersicherheit war der deutsche Routinier aber viel weniger zufrieden. "Ich dachte immer, die alte Ankunft zur Cipressa ist lebensgefährlich, aber die neue ist noch viel schimmer. Man fährt da mit 90 durch drei Tunnel, die sehr schlecht beleuchtet sind, also mir hat das heute nicht so gefallen", meinte er zur Sportschau.

Da war man natürlich mittendrin im aktuell den Radsport beherrschenden Thema. Noch immer sind die Profis verstört wegen der lebensgefährlichen Sturzverletzungen des Niederländers Fabio Jakobsen bei der Polenrundfahrt. Verursacher des Sturzes war ausgerechnet ein Profi aus dem Rennstall des Siegers von Sanremo, der Niederländer Dylan Groenewegen. "Die Stimmung im Bus war sehr schlecht, als die Nachricht vom Sturz ankam", bekannte Sieger Van Aert auf der Pressekonferenz. "Wir waren sehr erleichtert, als zuletzt positivere Informationen über den Gesundheitszustand von Fabio hereinkamen", meinte Van Aert weiter.

Sturz in Polen überschattet Mailand-Sanremo

"Eigentlich sollten wir diesen Sieg jetzt feiern, aber diese Sachen gehen uns weiter durch den Kopf", sagte nachdenklich Van Aerts Helfer Timo Roosen der Sportschau. Er gab zu: "Dylan hat einen Fehler gemacht. Und das hatte schwere Folgen." Roosen und auch Teamkollege Martens wiesen aber daraufhin, dass auch die Organisatoren Fehler gemacht hätten. "Der Sturz wäre sowieso sehr heftig gewesen. Aber wenn die Gitter einfach die Standards gehabt hätten, die sie haben müssen, dann wären die Konsequenzen weniger schlimm gewesen", sagte Martens der Sportschau. Und traurig fügte er hinzu: "Es ist halt einfach eine Scheiße. Mehr kann ich dazu nicht sagen."

Der schreckliche Sturz in Polen überschattete das Rennen. Aber die, die um den Sieg mitfuhren, versuchten das auszublenden. "So hart es klingt, aber wir hatten heute einen wichtigen Renntag. Und ich habe versucht, mich darauf zu konzentrieren", sagte Van Aert. Man kann es als Zeichen einer neuen, immer noch prekären Normalität sehen, dass er ausgerechnet gegen Alaphilippe, einen Rennstallkollegen des verunglückten Jacobsen, gewann. Es war ein fairer Sprint, und die Verfolger spürten sie bereits im Schatten.

Der Radsport veruscht sich durch klippenreiches Gewässer zu navigieren

Erleichterung machte sich breit, dass nichts Außerordentliches passiert war. Auch die Zuschauer an der Strecke verhielten sich fredlich. Zwar waren es mehr, als es Recht und Gesetz vorgesehen hatten. Der Bürgermeister von Sanremo hatte verfügt, dass niemand an der Strecke stehen durfte, außer jemand wurde durch eine tägliche Verrichtung dorthin geführt. Auf das Peloton zu warten, war verboten und sollte mit 400 Euro Bußgeld bedacht werden. "Wir haben kein einziges Bußgeld ausgesprochen. Die Leute standen zwar an der Strecke, aber sie waren vernünftig", meinte ein Polizist 100 Meter vor dem Ziel zur Sportschau.

Der Radsport versucht sich durch klippenreiches Gewässer zu navigieren. Da ist nicht nur die Pandemie, sondern da sind auch spezifische lokale Gesetzgebungen sowie die immanente Sturz- und Verletzungsgefahr.

Stand: 09.08.2020, 08:45

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