Radsport im Griff des Coronavirus

Streckenabschnitt der Tirreno Adriatico

Rennabsagen in Italien

Radsport im Griff des Coronavirus

Von Tom Mustroph

Rennabsagen, Wettkampfpausen, Geisterrennen - die Gefahr durch das Coronavirus trifft den Radsport mit den großen Rennen in Italien besonders hart. Nachdem bereits das Lehmstraßenrennen Strade Bianche abgesagt wurde, teilte Rennveranstalter RCS am Freitag (06.03.2020) mit, dass auch die Fernfahrt Tirreno Adriatico und der Frühjahrsklassiker Mailand - Sanremo ausfallen werden.

"Wir haben alles versucht. Aber wir treffen die Entscheidung ja nicht allein. Es gibt ein Gesetz der Regierung, das man respektieren muss. All das ließ keine andere Möglichkeit zu", teilte Renndirektor Mauro Vegni telefonisch gegenüber der Sportschau mit.

Vegni hatte bis zum letzten Moment gehofft. "Wäre es allein nach uns gegangen, hätten die Rennen stattgefunden", sagte er. Die Strade Bianche und auch der Tirreno Adriatico lagen schließlich auch weiter entfernt von den Epizentren des Coronavirus in Norditalien. Aber Vegni musste akzeptieren, dass die Situation nicht nur wegen der Ansteckungsgefahr komplex ist. "Was machen wir im Falle von Stürzen? Die Krankenhäuser sind im Moment doch total überlastet und zugleich unterbesetzt", gab der Cheforganisator zu bedenken.

Paris - Nizza findet statt

Im Nachbarland Frankreich wird die Situation ganz anders bewertet. Dort darf die Fernfahrt Paris - Nizza am Sonntag starten - das zumindest ist der aktuelle Stand. Viele Rennfahrer, die für die italienischen Rennen avisiert waren, ändern nun ihre Reisepläne. Klassikerspezialisten wie Peter Sagan und John Degenkolb polen vom Tirreno-Adriatico zu Paris - Nizza um.

"Unsere Teamführung hat sofort reagiert und das Team neu ausgerichtet. Wir schicken unsere Top-Besetzung zu Paris - Nizza. Und auch zum Grand Prix de Monseré in Belgien schicken wir eine starke Mannschaft", erzählte Jens Zemke, sportlicher Leiter bei Bora hansgrohe, der Sportschau. Das kleine Rennen in Belgien sieht er als "großen Gewinner der Absage von den Strade bianche: Dort werden nun etliche WorldTour-Teams am Start stehen."

Ausgedünntes Fahrerfeld - aus Angst vor Coronavirus

Eitel Sonnenschein herrscht aber selbst bei den Rennen, die stattfinden, nicht. Tour de France-Ausrichter ASO darf sich bei Paris - Nizza zwar über ein paar Top-Fahrer mehr im Peloton freuen. Allerdings müssen auch ein paar Löcher gestopft werden. Gleich fünf WorldTour-Teams zogen sich wegen der unsicheren Lage mit dem Coronavirus komplett von den Rennen im März zurück.

Team UAE verkündete bereits während der abgebrochenen UAE-Tour eine rennstallinterne Quarantäne. Dort wurden erste positive Fälle im Profiradsport registriert. Team Ineos mit Titelverteidiger Chris Froome zog sich einerseits wegen des Todesfalls des sportlichen Leiters Nicolas Portal vom Wettkampfbetrieb zurück.

UAE-Teamchef: "Radsport ist einzigartig mobiler Sport"

Teamchef David Braislford gab aber auch die Verbreitung des Coronavirus als ein zusätzliches Motiv für die Auszeit an. "Der Radsport ist ein einzigartig mobiler Sport. Wir haben die Aufgabe, uns um unsere Fahrer und Mitarbeiter, aber auch um die Leute in den Regionen, in denen wir Rennen fahren, zu kümmern. Außerdem wollen wir nicht in die Situation kommen, dass sich unsere Fahrer potenziell anstecken können oder bei einem Rennen in Quarantäne kommen, wie es gerade schon passiert ist", teilte er per Pressemitteilung mit.

Die Rennställe Astana, Mitchelton-Scott und CCC, unter anderem mit dem Berliner Simon Geschke, beschlossen ebenfalls, Paris - Nizza fernzubleiben. An ihre Stelle rücken nun einige Zeitdivisionäre nach.

Politt-Rennstall plädiert für Geisterrennen

Ein mindestens ebenso großes Problem wie die Ansteckungsgefahr selbst stellt für viele Teams eine drohende Quarantäne dar. "Damit müssen wir umgehen lernen. Die Situation ist so schwierig, weil nicht nur die Ausbreitungsgefahr des Virus schwer einzuschätzen ist, sondern auch jedes Land andere Regularien hat", erzählt Kjell Carlström, sportlicher Leiter des Rennstalls Israel Start Up-Nation, bei dem unter anderem der Kölner Klassikerspezialist Nils Politt unter Vertrag ist, der Sportschau. Der Rennstall, im ersten Jahr in der WorldTour dabei, wählt den optimistischen Ansatz: "Wir haben als Team entschieden, dass wir solange Rennen fahren, solange die UCI, die Organisatoren und die jeweiligen Gesundheitsbehörden im Lande die richtigen Vorkehrungen treffen."

Carlström rechnet bei Paris - Nizza mit weitläufiger abgesperrten Start- und Zielbereichen. Er hat sich auch schon Gedanken über Geisterrennen gemacht, Rennen ohne Publikum an der Strecke also. "Von der TV-Perspektive aus würde es keinen großen Unterschied machen, kein Publikum vor Ort zu haben. Gut, es sieht dann etwas weniger nach einem Rennen aus. Aber es ist immer noch ein  Rennen. Und man kann es am Fernseher sehen. So nehmen ja ohnehin die meisten Menschen Radrennen wahr", meinte er.

Coronavirus: Italiens Sportveranstaltungen weiterhin betroffen Morgenmagazin 05.03.2020 01:26 Min. Verfügbar bis 05.03.2021 Das Erste

Kluge: "Jeder kann individuell entscheiden"

Der Berliner Radprofi Roger Kluge will ebenfalls zu Paris - Nizza anreisen. In seinem Team Lotto Soudal herrsche dabei Entscheidungshoheit der einzelnen Fahrer, versichert er: "Das Team hält es im Moment ganz offen. Jeder kann individuell entscheiden, ob er fahren will oder nicht, ob er sich wohl fühlt in der Situation."

Für wichtig hält er, dass der Rennstall auf eine etwaige Quarantäne besser eingestellt ist als noch bei der UAE-Tour. Da konnten die eingeschlossenen Fahrer nicht einmal an ihre Räder heran, weil sie in einem anderen Gebäudekomplex befanden. "Sollte es erneut einen positiven Fall geben, sollte man dafür sorgen, dass man, vorausgesetzt, das Hotel lässt es zu, eine Rolle und ein Rad auf dem Zimmer hat", meinte Kluge zur Sportschau. Das ist dann die ganz pragmatische Herangehensweise. Genau die richtige wohl, um sich nicht auch noch die Nerven zu zerrütten.

Stand: 06.03.2020, 15:00

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