Israel Start-Up Nation: Radsport als Bewussteins-Tool

Israel Start Up Nation

Neues Team für Greipel, Politt, Zabel

Israel Start-Up Nation: Radsport als Bewussteins-Tool

Von Tom Mustroph (Tel Aviv)

Das neue Profiteam Israel Start-Up Nation hat sportlich wie politisch große Dinge vor. Zur Mannschaft gehören mit Nils Politt, Rick Zabel und André Greipel auch drei deutsche Radprofis. Auch für sie ist es ein Neustart.

Symbolik war groß geschrieben in der Geburtsstunde des ersten World-Tour-Teams aus Israel. Zum Geburtsort wurde der Sitz von Start-Up Nation Central in Tel Aviv auserkoren. Das Unternehmen ist ein Start Up-Inkubator. Knapp 7.000 Jungfirmen hat es gelistet. Abnehmer von Technologien waren schon Airbus und Intel, erzählt Vizepräsidentin Laura Gilinski der Sportschau. Gilinski nahm in ihr Portfolio nun auch ein Radsport-Team auf. Denn Start-Up Nation Central ist nicht nur Co-Sponsor des Rennstalls, den man bisher unter dem Namen Israel Cycling Academy kannte. Das neue Team firmiert seit Mittwoch als Israel Start-Up Nation.

Rasante Eroberung des Radsports

Sylvan Adams, Mitbesitzer und größter Förderer des Rennstalls, freut sich über den Coup. "Israel hat die größte Dichte an Start-Ups, es ist in diesem Punkt besser als Deutschland oder die USA", meinte er anlässlich der Teampräsentation. In der Start-Up-Ideologie fühlt sich der Milliardär, der ein Immobilien-Imperium in Kanada von seinem Vater übernahm, zu Hause. In rasantem Tempo erobert er den Radsport.

Pollits Antritt für Team Israel "stand relativ früh" Sportschau 12.12.2019 00:18 Min. Verfügbar bis 12.12.2020 Das Erste

2015 erst wurde die Israel Cycling Academy als drittklassiger Rennstall gegründet. Drei Jahre später finanzierte er schon den Start des Giro d'Italia in Jerusalem. "90 Prozent der Kosten übernahm ich, nur 10 Prozent kamen vom Staat“, sagte er jetzt rückblickend. Selbstverständlich nahm sein Team dann auch am Giro teil - mittels einer Wild Card. "Aber wir mussten schon in die Pro-Continental-Kategorie aufsteigen", sagte er der Sportschau. In der zweiten Radsportkategorie wollte Adams aber nicht lange bleiben. "Es ist eine schwierige Kategorie. Man braucht ein Budget wie fast schon in der World Tour, findet aber nur wenig Sponsoren. Ich habe deshalb nach Möglichketen gesucht, so schnell wie möglich eine WorldTour-Lizenz zu bekommen", meinte er.

Wodka als Gastgeschenk

Mit Katusha klappte dies. Der eine Milliardär – Adams – nahm dem anderen – dem Russen Igor Makarov – die Lizenz ab. Wieviel Geld dabei geflossen ist, mochte keiner der beiden sagen. Makarov immerhin tauchte bei der Präsentation des Nachfolgeteams auf und überbrachte Wodka als Gastgeschenk. Der Sportschau sagte er über Adams: "Wir sind Freunde." Und Katusha sei auch nicht am Ende. "Wir haben ein Frauenteam, stellen weiterhin die Kleidung für den Rennstall. Und ich bin weiter in der UCI", betonte der Geschäftsmann, der dem einflussreichen Managment Committee des Weltradsportverbandes angehört. Glaubt man Makarov, dann gestaltet sich der Übergang von Katusha zur Israel Start-Up Nation reibungslos.

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Bei den Rennfahrern ist vor allem der Wunsch nach einem Neustart spürbar. Nils Politt will die Querelen der letzten Saison bei Katusha vergessen machen und sich selbst auf dem im letzten Jahr erreichten Leistungsniveau etablieren. "Ich werde jetzt versuchen, den großen Stein mit nach Hause zu nehmen", spielte er auf einen Sieg bei Paris-Roubaix an. Dort wurde er in diesem Jahr Zweiter.

Ziele für Politt, Greipel und Daniel Martin

Das Kästchen "Klassiker“ ist auch bei Teambesitzer Adams angekreuzt. "Wir wollen mit Nils einen Klassiker gewinnen", sagte er der Sportschau. Weitere Ziele: "Etappensiege bei der Tour und die Top Ten im Klassement." Für Letzteres ist der Ire Daniel Martin zuständig, Touretappensiege soll André Greipel beisteuern. "Wir haben ihn für Siege engagiert, aber auch als Mentor für das Team und als Helfer für Politt bei den Klassikern", verkündete Adams.

Greipel will vor allem seine Seuchensaison 2019 vergessen machen. "Ich bin nicht jemand, der großartig zurückguckt. Deshalb versuche ich 2019 einfach abzuhaken und es 2020 besser zu machen. Über 2019 gibt es nur zu sagen, dass ich ziemlich dankbar bin, dass der Teammanager meines alten Teams mir die Freiheit gegeben hat, den Vertrag für 2020 zu annullieren. Jetzt kann ich eine neue Challenge angehen", sagte er der Sportschau.

Besuch in Jad Vashem

Als Challenge vor der Challenge gab es ein ganz besonderen Programmpunkt des Teambuildings: Die gesamte Mannschaft fuhr zur Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem. "Es ist sehr wichtig, dass alle unsere Fahrer dorthin gehen, und besonders für die Deutschen. Es ist schwer für sie, das zu ertragen, aber die Jugend von heute ist natürlich nicht verantwortlich für das, was damals die Vorfahren machten", meinte Adams.

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Er betonte noch die besondere Rolle, die den Deutschen zukomme. "Israel und Deutschland haben eine sehr spezielle Beziehung, die durch die schrecklichen Ereignisse des Holocausts entstand. Wir haben diese Beziehung repariert und jetzt ein neues Verhältnis zu Deutschland. Wir haben zwar diese deutschen Fahrer nicht genau deshalb ausgewählt, aber ist es doch sehr symbolisch, dass sie jetzt  für uns fahren, für Israel als Marke und als Heimatland ihres Teams", sagte er der Sportschau.

Angesichts der sportlichen Klasse von Politt und Greipel bezeichnete er Israel Start-Up Nation sogar als "das stärkste deutsche Team". Mehr Symbolik ist kaum vorstellbar. Jetzt müssen die Rennfahrer liefern.

Stand: 12.12.2019, 09:06

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