Der Radsport kämpft gegen das Virus

Das Hauptfeld beim Giro d'Italia 2020

Corona-Pandemie

Der Radsport kämpft gegen das Virus

Von Tom Mustroph

Einige Radrennen sind schon wieder abgesagt - und der Giro d'Italia wurde zum rollenden Hotspot. Dennoch herrscht zaghafte Zuversicht, dass die Radsport-Saison noch weitergehen kann. Die nächsten großen Rennen - die Flandern-Rundfahrt am Sonntag (18.10.2020) und die Vuelta a España ab 20. Oktober - haben aber schon verschärfte Zugangsbeschränkungen beschlossen.

Die Pandemie verändert den Radsport. Einige in den Herbst verschobene Rennen wie das Amstel Gold Race und Paris - Roubaix wurden wegen der gestiegenen Infektionszahlen in den Austragungsländern Niederlande und Frankreich bereits erneut abgesagt. Der Scheldeprijs wurde aus Sicherheitsgründen auf einen 17,3 km langen Rundkurs reduziert, der komplett auf belgischem Territorium liegt. Eigentlich wären die Radprofis auch durch die Niederlande gefahren.

Undichte Hygiene-Blase beim Giro

Die erneuten Absagen und Streckenänderungen sind allgemeine Auswirkungen der Pandemie. Inzwischen ist der Radsport aber auch von innen bedroht. Beim Giro d'Italia erwies sich die Hygieneblase als undicht. Drei Radprofis und sechs Betreuer wurden positiv getestet. Zwei Teams reisten am Dienstag (13.10.2020) aus eigenem Entschluss ab. Beim australischen Rennstall Mitchelton-Scott waren Mitfavorit Simon Yates und gleich vier Betreuer positiv. Giro-Renndirektor Mauro Vegni meinte: "Es ist sehr schade, dass einer der Protagonisten des Giro weg ist. Und es ist nie schön, ein ganzes Team zu verlieren. Aber die Gesundheit geht vor. Und in gemeinsamer Abstimmung kam dieser Entschluss zustande."

Zum Rückzug des zweiten Teams, des niederländischen Rennstalls Jumbo-Visma, gab sich der Giro-Chef allerdings zugeknöpft. Erst in letzter Minute vor dem Start der 10. Etappe hatte das Team die Abreise beschlossen. Dort gab es einen positiven Fall, den Kapitän Steven Kruijswijk. Und im Unterschied zu weiteren mit je einem Fall betroffenen Teams wie Sunweb, AG2R und Ineos Grenadiers, die lediglich die betroffene Person in Quarantäne steckten, verließ Jumbo-Visma komplett den Giro.

Addy Engels, sportlicher Leiter des Teams, begründete den Rückzug auch mit der Sorge seiner Athleten, sich im Peloton bei Kollegen anzustecken, die möglicherweise bereits infiziert sind, bei denen die Tests aber noch negative Resultate liefern. Diese Sorge ist grundsätzlich nachvollziehbar.

Yates klagte über Symptome

Denn Yates' positiver Test kam nur zustande, weil der Brite am Freitag über Symptome geklagt hatte. Ein Schnelltest brachte das positive Ergebnis. Ein PCR-Test bestätigte das Resultat. Alle anderen Teammitglieder wurden ebenfalls getestet, waren am Freitag aber noch negativ. Am Montag hingegen waren die vier Betreuer positiv. Wahrscheinlich haben sie sich bei Yates angesteckt. Möglich ist auch, dass die Infektionen bei den anderen Rennställen eine Folge davon sind.

Mauro Vegni, Direktor des Giro d'Italia, beim Interview

Mauro Vegni, Direktor des Giro d'Italia

Nicht auszuschließen sind weitere positive Fälle im Inneren der Blase. Für die Teams mit positiven Fällen kündigte Vegni neuerliche Tests für den Donnerstag an. Mitarbeiter der Organisation sollen am Mittwoch getestet werden. "Bei Symptomen testen wir natürlich sofort", erklärte Vegni. Er äußerte die Hoffnung, das Rennen bis nach Mailand fortsetzen zu können.

Offenbar Fehler bei der Unterbringung

Vorwürfe an die Organisatoren kamen derweil von Jos van Emden, Profi bei Jumbo - Visma. "Bereits zum Auftakt in Sizilien waren wir vier oder fünf Teams im gleichen Hotel. Das wäre noch nicht einmal das Problem, denn jedes Team sorgt für sich selbst. Im Hotel waren aber auch die Polizei, die Fahrer der Begleitmotorräder und die Leute vom neutralen Materialwagen. Und selbst ganz normale Hotelgäste aßen vom gleichen Büffet wie wir Fahrer", kritisierte er. Van Emden, mit seinem Team vom Giro bereits  abgereist, vermutete, dass sich Yates auf diese Art das Virus zugezogen hat.

Jetzt hängt der Fortgang der Rundfahrt am seidenen Faden. Weitere positive Fälle würden auf einen weiter aktiven Infektionsherd innerhalb der Teamblase hindeuten. Der Rückzug weiterer Team ist dann wahrscheinlich. Ein Fahrer, der anonym bleiben wollte, äußerte gegenüber dem Branchendienst "cyclingnews" bereits seine Angst darüber, weiter in dieser undichten Blase über Italiens Straßen rollen zu müssen. Die Verunsicherung fährt mit im Peloton.

Die zweite Bedrohung: Schneefall

Die nächste Bedrohung kommt durch das Wetter. Die Gipfel der 15., 18. und 20. Etappe sind bereits mit Schnee bedeckt. Der Giroausrichter RCS entwickelt Alternativrouten. Statt des Stilfser Jochs auf der 18. Etappe könnte etwa der Mortirolo angefahren werden. Statt des Colle dell'Agnello auf der 20. Etappe soll der Aufstieg nach Sestriere zwei Mal bewältigt werden. All dies funktioniert aber nur, wenn dort auch die Straßen frei von Schnee sind - und wenn Corona die lokalen Behörden nicht zu einer Absage der Etappen nötigt.

Einschränkungen bei Flandern-Rundfahrt und Vuelta

Auch andernorts ist der Restkalender der Saison massiv gefährdet. "Ich möchte jetzt gar nicht in der Haut meines geschätzten Kollegen Javier Guillén stecken", meinte Vegni mit Verweis auf den Direktor der Vuelta a España und die in Spanien in die Höhe geschossenen Infektionszahlen. Guillén kündigte bereits an, dass alle Berggipfel der am 20. Oktober beginnenden Rundfahrt für das Publikum gesperrt sein werden. Dazu gehört auch der Tourmalet in Frankreich, der ebenfalls Teil der Vuelta-Strecke ist.

Insgesamt 22 sogenannte "Sicherheitszonen", also Bereiche ohne Publikum, richtet auch die Flandern-Rundfahrt ein. Sie ist für den 18. Oktober geplant. Die Sicherheitszonen umfassen Start und Ziel, die wichtigsten Anstiege und alle Pflastersteinabschnitte - also genau die Bereiche, die das Rennen für Zuschauer so attraktiv machen. Renndirektor Tomas Van Den Spiegel forderte über belgische Medien die Fans noch einmal ausdrücklich auf, am besten gleich ganz zu Hause zu bleiben. "Das Rennen wird stattfinden, wenn die Leute zu Hause bleiben und es sich im Fernsehen ansehen", sagte er kategorisch.

Roger Kluge vor Flandern-Rundfahrt optimistisch

Die Rennfahrer selbst gehen optimistisch in die anstehenden Wettkämpfe. Roger Kluge, gerade beim Scheldeprijs in Belgien aktiv und auch für die Flandern-Rundfahrt gemeldet, sagte der Sportschau: "Ich habe schon großes Vertrauen, dass die Flandern-Rundfahrt stattfindet, allein aufgrund des Veranstalters. Die machen ja auch die anderen Rennen in Flandern, die alle stattgefunden haben. Das Konzept funktioniert, die Leute halten sich dran." Im Unterschied zum Giro seien bei den belgischen Rennen die Teams auch isoliert in den Hotels untergebracht, betonte der Berliner.

Auch Pascal Ackermann, der für die Spanienrundfahrt vorgesehen ist, strahlt Optimismus aus. "Dort wird das gleiche Konzept wie bei der Tour de France umgesetzt. In Frankreich hat es trotz steigender Infektionszahlen funktioniert. Das kann auch in Spanien klappen", sagte er der Sportschau. Auf den Giro bezogen meinte er nur: "Dort hat man ja jetzt die Fehler erkannt."

Es kann also weitergehen mit dem Radsport, selbst wenn die Korridore des Möglichen immer enger werden.

Stand: 14.10.2020, 22:02

Darstellung: