Radprofi Marcel Kittel beendet Karriere

Marcel Kittel

Sprinter hört auf

Radprofi Marcel Kittel beendet Karriere

Von Michael Ostermann

Kein anderer deutscher Radprofi hat so viele Etappen bei der Tour de France gewonnen wie Marcel Kittel. Doch jetzt macht der Thüringer Schluss mit dem Radsport und wird Student.

Einer der besten deutschen Radprofis hört auf - endgültig. Marcel Kittel, lange einer der weltbesten Sprinter im Peloton, hat am Freitag (23.08.2019) sein Karriereende verkündet. "Der Radsport ist ein sehr harter Sport und man muss sehr, sehr viel investieren, körperlich und sicherlich auch mental, und das hat sich für mich immer mehr als Verlust an Lebensqualität angefühlt. Deswegen bin ich zu der Entscheidung gekommen, aufzuhören und neue Wege zu gehen", sagte er der ARD.

Ende einer Ära

Kittel, 31, hatte sich zuletzt schon eine Auszeit vom Leben als Radprofi genommen. Im Frühjahr hatte er seinen Vertrag beim Team Katusha-Alpecin aufgelöst, sich aber alle Optionen offengehalten. "Es war wichtig, diesen Freiraum zu haben seit dem Frühjahr, wo ich raus war aus der Radsportwelt und ich mich mit mir selbst beschäftigt habe: Was ist mir wichtig, wo will ich hin, wie sieht meine Zukunft aus?", erklärte Kittel.

Kittel: "Der richtige Schritt" Sportschau 23.08.2019 04:08 Min. Verfügbar bis 23.08.2020 Das Erste

Es ist eine Zukunft ohne Radsport. Und damit endet endgültig eine Ära, in der deutsche Radprofis die Massensprints dominierten. André Greipel, der zweite deutsche Topsprinter aus dieser Zeit, ist zwar noch aktiv, fährt aber inzwischen für das unterhalb der World-Tour angesiedelte französische Team Arkéa-Samsic und hat mit 37 Jahren den Zenit seiner Schaffenskraft überschritten.

Vom Zeitfahrer zum Sprinter

Doch während Greipel sich noch ein wenig im Profiradsport abstrampelt, hat Kittel nun genug. 14 Tour-Etappensiege hat der Erfurter im Verlauf seiner Karriere gefeiert. Kein anderer deutscher Radprofi war beim wichtigsten Radrennen der Welt so erfolgreich. Dazu hat Kittel vier Etappensiege beim Giro d'Italia sowie zahlreiche weitere Erfolge gesammelt. Insgesamt 89 Siege gelangen ihm in neun Jahren als Profi.

Als Kittel 2011 beim Team Skil-Shimano begann, galt er als Spezialist für das Zeitfahren. Bei den Junioren war er 2005 Weltmeister in dieser Disziplin geworden, und bei der WM 2010 in Mellbourne hatte er im Kampf gegen die Uhr Bronze in der U23 gewonnen. Doch dann entdeckte der Trainer seines ersten Profiteams Kittels enormes Sprinttalent und ließ ihn spezifisch trainieren. Der junge Deutsche sorgte direkt für Furore: 17 Siege gelangen ihm gleich im ersten Jahr, darunter ein Etappensieg bei der Vuelta a Espana.

Gelbes Trikot und erste Krise

Eddy Merckx, Marcel Kittel im Gelben Trikot

Im Jahr darauf stand Kittel dann erstmals bei der Tour de France am Start, musste aber auf der fünften Etappe wegen eines Magen-Darm-Infekts und Knieschmerzen aufgeben. 2013 kehrte Kittel zurück und diesmal war er in den flachen Sprints kaum zu schlagen. Kittel gewann gleich die erste Etappe auf Korsika und schlüpfte für einen Tag ins Gelbe Trikot. Drei weitere Tagessiege folgten. Ein Jahr später ging es gleich so weiter - wieder holte er zum Auftakt Gelb und gewann danach drei weitere Etappen.

Danach allerdings geriet Kittels Karriere erstmals ins Stocken. Kittel startete mit gesundheitlichen Problemen in die Saison, kam nicht in Tritt und fühlte sich von seinem Team, das sich inzwischen Giant-Alepcin nannte und eine deutsche Lizenz gelöst hatte, nicht ausreichend unterstützt. "Es gab viele Diskussionen, aber nichts Konstruktives", blickte Kittel im ARD-Interview während der Tour de France im Juli auf diese Zeit zurück. Der große Blonde war inzwischen zum Star geworden, nicht unbedingt in Deutschland, wo der Radsport damals immer noch eher misstrauisch beäugt wurde, aber international. Auch das machte er für die Probleme verantwortlich. Er müsse öfter nein sagen, erklärte er damals.

In den Sprints unschlagbar

Zum endgültigen Bruch mit der Mannschaft, in der er groß geworden war, kam es, als das Team Kittel nicht für die Tour de France nominierte. Und so heuerte er für die Saison 2016 bei der belgischen Equipe Etixx-Quick Step an. Wie befreit wirkte er damals. Und das schlug sich auch in den Ergebnislisten nieder: Zwölf Siege, darunter zwei Etappensiege beim Giro und einen bei der Tour - Kittel war zurück. 2017 war sogar noch besser. Bei der Tour de France gewann er die Sprints nach Belieben, egal aus welcher Position. "Marcel muss schon ziemlichen Mist bauen, damit man ihn schlagen kann", sagte der Norweger Alexander Kristoff damals frustriert.

Fünf Etappensiege fuhr Kittel auf den ersten sechs Sprintetappen bei der Tour 2017 ein und den einen verpasste er nur, weil er von einem Sturz im Finale aufgehalten wurde. Der Sonnyboy strahlte, er war auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft: Kittel trug das Grüne Trikot des besten Sprinters, aber er konnte es nicht nach Paris bringen. Ein Sturz auf der 17. Etappe stoppte ihn in den Alpen. Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt damit gerechnet, dass Kittel nie wieder eine Etappe bei einer großen Rundfahrt gewinnen würde. Aber so kam es.

Mit Katusha-Alpecin am Ende

Kittel wechselte Ende 2017 noch einmal das Team. Bei Quick Step, einem der größten Rennställe der Branche, war ihm mit dem Kolumbianer Fernando Gaviria eine hausinterne Konkurrenz erwachsen. Kittel wollte sich diesem Kampf trotz all seiner Erfolge nicht stellen. Er mag sowas nicht, er will das Vertrauen spüren und muss sich wohl fühlen. Kittel ist ein robuster Sprinter, aber ein sensibler Athlet. Also zog er weiter, zum Team Katusha-Alpecin. Aber alles, was er brauchte, um erfolgreich zu sein, fand er dort nicht.

Die Verbindung war von Anfang an ein Missverständnis. Bei der Tour de France 2018 wurde das offensichtlich. Kittel, dessen Sprintzug bei Katusha-Alpecin nie wirklich funktionierte, kam in den Sprints nicht nach vorne. Der sportliche Leiter des Teams, Dmitri Konytschew, warf dem Sprinter vor, er denke nur an sich selbst. Die Beziehung war danach nicht mehr zu kitten und Kittel verlor endgültig den Faden, bis er schließlich seinen Vertrag auflöste.

Nun hängt er das Rad an den Nagel. Erstmal wird er sich auf sein Privatleben besinnen. Seine Freundin, die niederländische Ex-Profi-Volleyballerin Tess von Piekartz, erwartet im November ein Baby. Zum Wintersemester wird er an der Universität Konstanz ein Studium der Wirtschaftswissenschaften beginnen. "Ich freue mich darauf", sagt Kittel, "weil ich eine große Lockerheit gewonnen habe."

Stand: 23.08.2019, 16:01

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