Kontroversen um die neue Mixed-Staffel bei der Rad-WM

Tony Martin bei der Rad WM 2018 in Innsbruck

Rad-WM startet mit neuem Format

Kontroversen um die neue Mixed-Staffel bei der Rad-WM

Von Tom Mustroph

Mickey-Mouse-Event oder revolutionäres Format? Die Straßenrad-WM beginnt am Sonntag (22.09.2019) mit der Mixed-Staffel. Die UCI lobt das neue Rennen als Schritt Richtung Gleichberechtigung, die Akteure sind skeptisch.

Die UCI will die Revolution. Der alte Teamwettbewerb ist abgeschafft. Zu tief saß bei den Verbandsoberen im Schweizer Aigle der Frust darüber, dass bei der Rad-WM in Doha 2016 nur zehn der insgesamt 18 World-Tour-Teams überhaupt zum Mannschaftszeitfahren angetreten waren. Auch bei den Welmeisterschaften danach hielt sich der Zuspruch in Grenzen. Den Rennställen, die keine Aussicht auf die Medaillen hatten, war die Anreise zu aufwändig – und die finanzielle Kompensation des Aufwands von Seiten der UCI zu mickrig.

Mixed-Staffel als Unbekannte

Als Lösung zauberte der Weltverband die Mixed-Staffel hervor. Erst starten drei Männer jeder Nation. Passiert der zweite Mann den Zielstrich, werden drei Frauen losgeschickt. Die Endzeit wird bei der zweiten Frau im Ziel genommen. "Das neue Format wird die nationalen Verbände und ihre Athleten ins Rampenlicht rücken und auch die Gleichheit zwischen Männern und Frauen befördern. Es ist der jüngste Schritt zu einer größeren Geschlechtergleichheit im Radsport", verkündete UCI-Präsident David Lappartient stolz .

Er bekam umgehend Gegenwind. "Wir brauchen keine neuen Mickey-Mouse-Events", sagte Matt White, Rennstallchef von Mitchelton-Scott. Als Team Orica holte der Rennstall zuvor Teammedaillen bei Männern wie Frauen. Wer jetzt startet, und Chancen auf eine Medaille hat, sieht den Event freundlicher. "Das Mixed-Rennen ist eine Unbekannte. Ich könnte mir vorstellen, um eine Medaille mitzufahren", sagte Tony Martin noch bei der Vuelta zur Sportschau. Seinen Sturz in Spanien hat er so gut überstanden, dass Bundestrainer Jens Zemke wieder mit ihm rechnet.

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Kurioses Procedere beim Wechsel

Auch Zemke gibt eine Medaille als Ziel aus. Er steht aber vor dem Problem, den Wettbewerb nicht recht trainieren zu können. Die Athleten kommt aus allen Weltgegenden angereist. Martin war in Spanien am Start, Nils Politt bei der Tour of Britain, Jasha Sütterlin in Kanada. An ein gemeinsames Training mit den Frauen – das wäre immerhin ein echter Schritt zur Gleichberechtigung – ist erst recht nicht zu denken. Nicht einmal die Rennen sind ja gemeinsam. "Männer und Frauen fahren das im Grunde genommen getrennt", erklärt Zemke. So etwas wie eine Stabübergabe wie bei den Staffelläufen der Leichtathletik ist auch nicht vorgesehen.

Kurios ist überhaupt das Procedere beim Wechsel zwischen Männern und Frauen. "Bei der EM, als das Format das erste Mal getestet wurde, war das sehr banal. Als der zweite Mann über den Strich gefahren ist, hat der Kampfrichter für die Frauen seine Flagge heruntergelassen", erzählt Zemke und lacht. "Wir kämpfen um Hundertstel- und Tausendstelsekunden, gehen in den Windkanal – und da wird einfach nur eine Flagge heruntergelassen." Bei einer kurzen Distanz von jeweils 14 Kilometer für die Männer und die Frauen können Sekundenbruchteile entscheiden. Reaktionszeit des Kampfrichters und Fallgeschwindigkeit seines Arms werden relevante Größen.

Sehnsucht nach dem Vierer

Trainingsmethodisch ist auch einiges neu. "Es ist eine andere Belastung. Man geht raus aus der Führungposition und hat nur eine ganz kurze Erholungsphase, anders als bei den üblichen Teamzeitfahren mit sieben oder acht Mann", sagt Zemke. Seinen Athleten hat Zemke zur Vorbereitung ein spezifisches Intervalltraining angetragen.

Der eigentliche Reiz des Zeitfahrens, das Schrauben am Material, fällt ebenfalls weg. Jeder Teilnehmer kommt mit dem Material seines Rennstalls, nur die Trikots sind anders. Ein großer Freund des neuen Wettbewerbs ist der Bundestrainer nicht. "Ich fand es unglaublich schade, dass der Vierer abgeschafft wurde. Es war wirklich eine Paradedisziplin. Jede Nation mit vier Mann über 100 km, das war eine ganz andere Hausnummer als dieses Teamrelay, das etwas krampfhaft aus dem Boden gestampft wird." Der klassische Vierer ginge auch mit Frauen, über eine kürzere Distanz vielleicht. Und am Ende addiert man die Zeiten, mit ordentlicher Zeitmessung und nicht mit Flagge.

Stand: 20.09.2019, 10:38

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