Roger Kluge: "Auf der Bahn fahre ich um den Sieg"

Bahnrad-WM in Berlin

Roger Kluge: "Auf der Bahn fahre ich um den Sieg"

Mit seinem Partner Theo Reinhardt gewann Roger Kluge (34) bei den vergangenen beiden Bahnrad-Weltmeisterschaften jeweils Gold im Madison. Im Interview verrät der gebürtige Cottbuser, warum er sich nach der Straßensaison so auf die Rennen auf der Bahn freut.

Frage: Roger Kluge, Sie mussten sich im Oktober einer Operation am Herzen unterziehen. Das klingt besorgniserregend ...

Roger Kluge: Nein, das ist es nicht. Da läuten bei den Leuten immer gleich alle Alarmglocken, aber es war nur ein kleiner, minimalinvasiver Eingriff. Es gibt keine große Narbe. Es wurde nur ein kleines Loch gestopft. Es lief alles sehr gut. Es war eine notwendige Aktion, um die nächsten Jahre befreit und risikofrei durchs Leben zu gehen.

Weshalb war der Eingriff notwendig?

Kluge: Ich hatte 2018 eine TIA, das ist eine Vorstufe eines Schlaganfalls. Die hat dazu geführt, dass ich 20, 30 Sekunden die Kontrolle über meinen Arm verloren habe. Er hing unten, ich konnte ihn nicht ansteuern, nicht bewegen. Nach relativ kurzer Zeit kam das Gefühl zurück. Ich hatte vorher und danach keine anderen Symptome. Ich habe deshalb keine Angst gehabt.

Wenn die Straßensaison zu Ende ist, wechseln Sie anders als viele Radprofis auf die Bahn, fahren Weltcups, Sechstagerennen oder in der kommenden Woche die WM. Was gefällt Ihnen an diesem Kontrast?

Kluge: Ein Punkt ist: Es kann fast nie regnen (lacht). Es gibt ja auch offene Bahnen. Es gibt kein Pflaster, keinen Wind, es ist trocken, warm, es rollt immer gut. Ich fahre um den Sieg, auf der Straße habe ich die Rolle des Helfers. Ich weiß, ich kann auf der Bahn gewinnen. Auf der Straße kann ich das nicht so oft. Auf der Bahn habe ich auch eine gewisse Kontrolle, ich mag es, da den Überblick zu haben. Auf der Straße sieht man nicht ständig, ob jemand leidet. Auf der Bahn kann man das ganz gut einschätzen. Auf der Straße sieht man dagegen mehr von der Welt, ist draußen in der Natur.

Sie sind gemeinsam mit Theo Reinhardt zuletzt zwei Mal in Folge Weltmeister im Madison geworden. Die Messlatte für die WM und die Sommerspiele in Tokio liegt hoch ...

Kluge: Wäre die WM nicht in Berlin, könnte man sagen: 'Okay, die WM ist in diesem Jahr nicht so wichtig, es steht ja noch Olympia an.' Aber nein, in Berlin wollen wir zum zweiten Mal den Titel erfolgreich verteidigen. Es wäre das erste Mal, dass das einem Team gelingt. Vor heimischen Publikum, vor Freunden und Familie ist es eine besondere WM. Das hat man nicht so oft. Ich hatte das noch nicht und werde es wohl auch nicht mehr haben. Es ist ein schöner, besonderer Moment für uns. Den wollen wir nutzen, auch wenn wir eigentlich das große Ziel Tokio haben.

Medaillen sind das klare Ziel?

Kluge: Ja.

Die Farbe ist egal?

Kluge (lacht): Nein, gerne zwei goldene, keine Frage. Aber es ist nie leicht, die WM im Olympiajahr ist höher zu bewerten als die anderen Weltmeisterschaften. Es wird mindestens fünf Teams geben, die um Gold fahren können und fünf weitere, die noch aufs Podest fahren können. Es wird eine extrem hohe Leistungsdichte zu erwarten sein, in Berlin wie in Tokio.

Sie sind im Vorjahr erst drei Stunden vor ihrer Goldfahrt im Madison bei der Bahn-WM in Polen eingetroffen. Gibt es ein blindes Verständnis zwischen Ihnen und Theo Reinhardt?

Kluge: Wir sind Profis im Zweier-Mannschaftsfahren. Wir können das einfach. Aber wir sind nicht perfekt. Es gehört dazu, dass man sich irgendwo blind versteht und die Wechsel klappen. Aber wir müssen nicht extra dafür trainieren.

Sie stehen auf der Straße zumeist im Schatten ihrer Kapitäne, sind beim Team Lotto-Soudal in der Sprintvorbereitung für Caleb Ewan unverzichtbar. Auf der Bahn steht Reinhardt etwas in Ihrem Schatten. Was zeichnet ihn aus?

Kluge: Er steht ein bisschen im Schatten, er ist auch ein bisschen kleiner (lacht). Mein Palmares ist ein bisschen größer als seiner, aber das heißt nicht, dass er drei Stufen hinter mir ist. Er braucht sich nicht verstecken. Wäre er bei der WM 2019 in Polen nicht so clever gefahren, hätte ich alleine nicht gewinnen können. Theo hat sich definitiv entwickelt, ist stärker im Ausdauerbereich geworden. Er arbeitet hart an sich, hat auch taktisch dazugelernt. Er wird reifer, erfahrener.

sid | Stand: 25.02.2020, 10:44

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