Radprofi Schachmann: "Ich hoffe, dass wir uns alle am Leben lassen"

Maximilian Schachmann

Interview mit Radprofi Maximilian Schachmann

Radprofi Schachmann: "Ich hoffe, dass wir uns alle am Leben lassen"

Radprofi Maximilian Schachmann blickt optimistisch auf die geplante Rumpfsaison ab August, erkennt aber auch, dass eine zweite Corona-Infektionswelle alle Hoffnungen zunichtemachen könnte. Für die ersten Radrennen nach der Pause wünscht er sich Rücksichtnahme beim Fahren in der Gruppe.

Herr Schachmann, wären Sie jetzt gern Norweger?

Maximilian Schachmann: Wieso?

In Norwegen gab es Ende Mai bereits das erste Radrennen unter freiem Himmel. Mitorganisiert hat es Gabriel Rasch, sportlicher Leiter des Teams Ineos, und auch ein paar Kollegen von der World Tour waren dabei.

Schachmann: Oh, das habe ich gar nicht mitbekommen. Wenn es in meinen Vorbereitungsplan für den World-Tour-Kalender gepasst hätte, wäre ich es schon gerne gefahren. Aber es ist jetzt auch nicht so schlimm.

Die Saison soll ja offiziell auch erst Anfang August wieder losgehen. Kennen Sie schon Ihren neuen Rennkalender?

Schachmann: Nein, nach wie vor nicht. Es ist ja auch noch etwas Zeit. Wir haben überlegt, dass die Tour eine Option wäre. Aber ich bin ja nicht der einzige Rennfahrer, der da hin will. Es muss mit allen abgestimmt werden.

Welches wird ihr erstes Rennen sein?

Schachmann: Strade Bianche, gleich am 1. August. Ich habe letztens sogar schon drüber nachgedacht, was ich im Interview vor dem Rennen sagen werde.

Und, was würden Sie sagen?

Schachmann: Dass ich hoffe, dass wir uns alle am Leben lassen. Die Strade Bianche sind dann ja für viele das erste Rennen. Die Hälfte des Fahrerfelds war zwei Monate lang auf der Rolle, die anderen sind nur alleine gefahren. Keiner fuhr in der Gruppe, keiner hat ein Radrennen gemacht. Zu Saisonbeginn ist es immer ein bisschen ungewohnt, im Feld zu fahren. Nach drei, vier Radrennen ist man dann wieder drin. Jetzt geht es aber gleich mit so einem Hammerrennen los.

Also selbst die Profis müssen sich immer noch ein bisschen ans Fahren im Peloton herantasten?

No Sports!? - Wie kommt der Sport durch die Corona-Krise? Folge 10 sport inside 03.06.2020 09:30 Min. Verfügbar bis 03.06.2021 WDR

Schachmann: Was heißt herantasten? Das kommt schon wieder. Aber es ist immer ein bisschen ungewohnt, wenn man zuvor nur allein gefahren ist und viel auf der Rolle war. Das ist schon ein Unterschied.

"Ich bin optimistischer geworden"

Da wären kleinere Rennen zuvor also hilfreich?

Schachmann: Nicht unbedingt. Der Rennkalender ist ja sehr kompakt, ganz viele Rennen in nur drei Monaten. Und es ist schlicht und einfach unmöglich, drei Monate lang topfit zu sein. Da werde ich nicht versuchen, die Saison noch länger zu machen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass der Rennkalender, so wie er jetzt aufgestellt ist, realisiert werden kann?

Schachmann: In den letzten zwei Wochen bin ich wieder optimistischer geworden, weil es ziemlich rasant vorwärtsging mit den Lockerungen. Und die Neuinfektionsraten sind, zumindest bei mir zu Hause in der Schweiz, signifikant heruntergegangen. Aber es kann auch passieren, dass es in den nächsten zehn Wochen zu einer starken zweiten Welle kommt und sich dann alle Hoffnungen schnell in Luft auflösen. Momentan bin ich aber optimistisch.

Sie haben ein bisschen im Hygienekonzept der DFL geblättert, das die Grundlage für den Wiederbeginn der Bundesliga war. Wie müsste ein Hygienekonzept im Radsport aussehen, für die Rennen, aber auch die Trainingslager?

Schachmann: Das kann ich nicht sagen. Das müssen die UCI als Weltradsportverband oder die ASO als Rennorganisator machen. Da bin ich selbst gespannt. Aber man hat jetzt durch die DFL eine Idee, wie das aussehen kann. Und ich denke, das sollte machbar sein.

Weil sich anderthalb Meter Abstand in einem Profipeleoton im Straßenradsport nicht durchsetzen lassen, müsste ja das ganze Feld inklusive des Betreuerstabs schon Tage vor den Rennen in eine Art Quarantäne und dabei jeden Außenkontakt vermeiden. Ist das realistisch? Und wären Sie überhaupt bereit dazu?

Schachmann: Ach, das ist doch nichts anderes als eine ganz normale Tour de France. Da reisen wir auch früher an und leben sehr isoliert. Der einzige schwache Punkt wären die Betreuer, die mal was einkaufen gehen müssen. Aber das könnte man lösen, denke ich.

"Am Ende ist es ein Job"

Stehen bei Ihnen demnächst wieder virtuelle Rennen an? Erste Erfahrungen haben Sie bei der virtuellen Tour de Suisse ja sammeln können.

Schachmann: Soweit ich informiert bin, nicht.

Traurig wirken Sie deshalb nicht, oder täuscht der Eindruck?

Schachmann: Ich bin nicht unbedingt ein Fan der virtuellen Rennen, jedenfalls so, wie sie jetzt stattgefunden haben. Aber es gab in der Zeit keine Alternativen. Und da war es besser als nichts. Aber wenn man wieder normale Rennen auf der Straße fahren kann, wäre ich nicht scharf auf virtuelle Rennen.

Manche Ihrer Kollegen, Christopher Froome etwa, sind zuletzt wieder virtuelle Rennen gefahren - und das trotz der Lockerungen, obwohl sie endlich wieder draußen trainieren durften. Bedauern Sie die Kollegen, dass sie sich trotz Sonnenschein und Aussicht auf die Berge indoor quälen mussten?

Schachmann: Wissen Sie, am Ende ist es deren Job, selbst wenn es nicht so viel Spaß macht. Auch ein Arbeitnehmer und jemand, der ein Unternehmen leitet, hat Tage, an denen es nicht so viel Spaß macht. Ich vermute, dass es sich für die Fahrer dann um einen ebensolchen Tag handelt. Vielleicht findet es der eine oder andere aber auch supergut. Das ist ganz individuell. Das jetzt durchzuziehen finde ich aber auch gut. Denn die Organisatoren haben das auf die Beine gestellt, obwohl noch niemand wissen konnte, ob jetzt alle wieder draußen fahren können. Da sollte man auch Respekt haben als Fahrer und das dann durchziehen.

Wird unter Ihren Kollegen diskutiert, wie gefährlich eine Covid-19-Infektion für Sie als Ausdauersportler wäre? Das Virus greift ja gerade die Atemwege an. Herrscht da besondere Sorge in der Szene?

Schachmann: Ich weiß es nicht. Man kann es auch nicht pauschalisieren. Klar kann es Auswirkungen auf die Lunge haben. Aber es hat sich auch herausgestellt, dass die Erkrankung bei jüngeren Menschen oft mild verläuft. Und über Langzeitschäden bei jüngeren und gesunden Menschen, wie wir Rennfahrer es ja sind, gibt es meines Wissens noch keine Erkenntnisse.

Sie trainieren normalerweise in der Nähe des Bodensees, ein Gebiet mit einer großen Dichte an Radprofis. Sind Sie in den letzten Wochen dem einen oder anderen Kollegen begegnet? Oder vermeidet man bewusst, dass sich die Trainingswege kreuzen?

Schachmann: Neulich habe ich Stefan Küng...

...Schweizer Profi bei Groupama FDJ...

Schachmann: ...getroffen. Seit Anfang Mai ist es ja erlaubt, in Gruppen zu fahren.

Und wie war es?

Schachmann: Ganz normal. Wir waren jetzt nicht am Händeschütteln oder uns Abknutschen, aber wir sind nebeneinander gefahren. Man passt schon ein bisschen auf, auch dass man sich im Fahrtwind nicht anspuckt. Aber bei einer normalen Begegnung kommt man sich ja auch nicht zu nahe.

Gibt es Veränderungen in Ihrem Training, in Ihrem Umfeld?

Schachmann: Aktuell nicht. Aber eine Sache ist komisch. Die Autofahrer sind teilweise sehr aggressiv unterwegs, unnötig aggressiv. Auch dann, wenn die ganze Straße frei ist, wird man geschnitten. Ich weiß nicht, ob die Leute ein wenig angespannt sind aufgrund der Situation, auch aufgrund der Arbeitsmarktlage. Aus dem letzten Jahr habe ich das nicht so in Erinnerung.

"Man schreit nicht Hurra, wenn der Dopingkontrolleur kommt"

Hatten Sie zuletzt mal eine Dopingkontrolle?

Schachmann: Ja, jetzt hatte ich wieder eine Dopingkontrolle, die erste seit langem, volles Programm, zwei Mal Blut, Blutpass, Steroide und Urinkontrolle.

Was war anders? Wie ist der Dopingkonrolleur gekommen? Hat er das social distancing beherzigt?

Schachmann: Ja, er hat Abstand gehalten, er trug eine Maske. Er hat mich vorher befragt ob, jemand im Haushalt wissentlich mit dem Coronavirus infiziert ist oder war, ob ich es bin oder war. Dann hat er den Arbeitsbereich desinfiziert. Das war es eigentlich. 

Beim Blutabnehmen konten Sie aber schlecht Abstand halten oder, das geht doch nur mit Kontakt?

Schachmann: Ja, es war nicht anders. Er hat normal gestochen. Aber das Blutabhnehmen ist ja immer unter besonderen hygienischen Bedingungen. Man desinfiziert ja den Bereich, ich sehe da jetzt kein Problem.

Haben Sie eine Maske getragen dabei?

Schachmann: Ich hatte keine Maskenpflicht.  

Waren Sie jetzt erleichtert, dass ein Kontrolleur endlich da war, nach all der Zeit ohne Kontrollen?

Schachmann: Wenn der Dopingkontrolleur vor der Tür steht, schreie ich nicht Hurra am Morgen. Denn  man möchte seinen Morgen auch anders starten. Es ist auch immer eine Verzögerung beim Training, aber es gehört zum Beruf. Und ich mache es gerne,  weil ich ganz klar für einen sauberen Sport bin und da gehört es dazu. Und erleichtert bin ich, dass der Sport wieder beginnt.

Stand: 03.06.2020, 15:22

Darstellung: