Giro d'Italia: Ackermann pendelt zwischen Jubel und Schmerz

Pascal Ackermann

Sprinter nach zwei Etappensiegen gestürzt

Giro d'Italia: Ackermann pendelt zwischen Jubel und Schmerz

Von Michael Ostermann

Radprofi Pascal Ackermann erlebt beim Giro d'Italia Höhen und Tiefen einer Drei-Wochen-Rundfahrt. Nach zwei Etappensiegen stürzte der Sprinter zuletzt. Und nun kommen die Berge.

Die Vorbereitungen auf den Tag beginnen immer erst am Abend vorher. Pascal Ackermann sagt, erst dann schaue er sich das Profil der nächsten Etappe an. Insofern dürfte es den 25 Jahre alten Radprofi beruhigt haben, als er im Roadbook des Giro d'Italia die elfte Etappe nachgeschlagen hat. Auf den 221 Kilometern zwischen Carpi und Novi Ligure sind lediglich 400 Höhenmeter zu absolvieren, und man muss schon sehr genau hinschauen, um diese auf dem Profil auszumachen.

Mit aufgerissener Haut ins Ziel geschleppt

Eine Sprintetappe also, genau das richtige für Ackermann, dessen Spezialität die Hochgeschwindigkeits-Zielankünfte sind. Zwei Etappen hat er bei diesem Giro d'Italia schon gewonnen und damit gezeigt, dass er es in die Weltelite der Sprinter geschafft hat. Dennoch steht Ackermann ein schwieriger Tag bevor. Denn den Tag nach einem Sturz beschreiben Radprofis immer als besonders schlimm.

Am Dienstag ist Ackermann im Finale der zehnten Etappe gestürzt, nachdem er einen Kilometer vor dem Ziel mit dem Hinterrad seines Teamkollegen Rüdiger Selig kollidiert war, der ihm den nächsten Sprintsieg vorbereiten sollte. So schleppte sich Ackermann mit aufgerissener Haut und umringt von seinen Teamkollegen ins Ziel in Modena. Später musste er dort noch aufs Podium, um sich das veilchenblaue Trikot des Punktbesten überstreifen zu lassen, das er seit seinem ersten Tagessieg auf der zweiten Etappe trägt.

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Teil des Generationenwechsels

Die obligatorischen Küsschen der Hostessen nahm der sonst immer fröhlich strahlende junge Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht entgegen. "Der Sturz war heftig, und ich habe einige Schürfwunden und Prellungen, aber ich kann Gott sei dank weiterfahren", ließ Ackermann später über sein Team mitteilen. "Aber das sind die Herausforderungen einer Grand Tour, solche Rückschläge muss man wegstecken."

Es sind viele neue Erfahrungen, die Ackermann derzeit in Italien macht. Zum ersten Mal nimmt er bei einer der großen Landesrundfahrten über drei Wochen teil. Und er hat dort bis Dienstag (21.05.2019) einen bravourösen Auftritt hingelegt.

In der Weltspitze

Die Ankunft in der Weltspitze ist das Ergebnis einer kontinuierlichen Aufbauarbeit seines Teams Bora-hansgrohe, für das Ackermann seit 2017 Radrennen bestreitet. Ackermann ist neben seinen beiden Teamkollegen Maximilian Schachmann und Emanuel Buchmann sowie dem Kölner Nils Politt vom Team Katusha-Alpecin Teil des GenerationenwechseIs, der sich im deutschen Radsport gerade vollzieht.

In der vergangenen Saison schon gelangen Ackermann sechs Siege bei World-Tour-Rennen. Zudem sicherte er sich den deutschen Meistertitel gegen die alte Sprinter-Garde um André Greipel und Marcel Kittel.

Der neue deutsche Meister: Pascal Ackermann

Fünf Euro von Oma und Opa

Ackermann stammt aus dem kleinen Ort Minfeld in Rheinland-Pfalz. Dort haben sie sogar schon eine Straße nach ihm benannt. Seine ersten Rennen bestritt Ackermann im Alter von sechs Jahren für den RV Edelweiß Kandel und wurde deutscher Schülermeister. Zwischen 2004 und 2010 gewann er als Schüler, in der Jugend und bei den Junioren 193 Rennen und besserte damit sein Taschengeld erheblich auf. "Von Oma und Opa gab es für jeden Sieg fünf Euro. Dazu kamen Prämien und Preisgeld bei den Rennen. Und das hat sich dann summiert", hat er vor dem Giro d'Italia dem "Kölner Stadt-Anzeiger" erzählt.

Inzwischen bekommt er längst regelmäßig Geld für das Radfahren. Und mit jedem weiteren Sieg beim Giro dürfte Ackermanns Marktwert weiter steigen. Ralph Denk, der Teammanager von Bora-hansgrohe, ist sicher, dass Ackermann auch in Zukunft weiter für Furore sorgen wird: "In den nächsten ein bis zwei Jahren werden wir Pascal auch als Etappensieger bei der Tour de France erleben."

Positives Naturell

Der Teammanager hat den Druck auf den jungen deutschen Sprinter kontinuierlich erhöht. Bora-hansgrohe gehört inzwischen zu den Topteams der Branche, nicht nur weil es den dreimaligen Weltmeister Peter Sagan in seinen Reihen hat. Dass Ackermann beim Giro die Rolle des Anführers übernehmen durfte, war keine Selbstverständlichkeit. Dafür musste der Ire Sam Bennett daheim bleiben, der im vergangenen Jahr in Italien drei Etappen gewann.

Peter Sagan (Mitte) beim Radklassiker Paris-Roubaix

Peter Sagan (Mitte) beim Radklassiker Paris-Roubaix

Ackermann hat dem Erwartungsdruck standgehalten. Was wohl auch mit seinem grundsätzlich positiven Naturell zu tun hat. "Ich glaube, ich bin glücklich, weil ich meinen Traum als Radsportler lebe", sagte er nach seinem ersten Etappensieg beim Giro. "Es gibt so viele Typen, die niemals lächeln, aber ich will auch für die ein Beispiel sein."

Harte dritte Woche in den Bergen

Die gute Laune wird er in den kommenden Tagen brauchen, nicht nur wegen der Folgen des Sturzes am Dienstag. Auch beim Blick ins Roadbook braucht es als Sprinter von nun an ein heiteres Gemüt. Der Giro d'Italia erreicht ab Donnerstag die Berge, wo sich die Favoriten um den Gesamsieg streiten werden. Kein Terrain für einen 1,80 Meter großen, 77 Kilogramm schweren Sprintspezialisten.

Für die ist nur noch die 18. Etappe reserviert. Es ist die nächste neue Erfahrung für Ackermann. "Ich bin bisher maximal acht oder neun Tage am Stück im Rennen gefahren", sagt er. "Die Berge kommen in der dritten Woche und ich denke, dass das extrem hart sein wird. Aber ich freue mich trotzdem darauf, weil es eine neue Herausforderung für mich sein wird."

Ackermann will bis Verona kämpfen

Das Trikot des besten Sprinters werde sicher eine große Motivation sein, sich auf die Strapazen der dritten Giro-Woche einzulassen, glaubt Ackermann. Doch die Frage am Mittwochmorgen war auch, ob er es am Abend noch würde tragen können. Denn wegen des Sturzes konnte er am Dienstag keine weiteren Punkte dazu gewinnen. Der Franzose Arnaud Démare rückte mit seinem Etappensieg in der Wertung bis auf einen Punkt heran.

Aber Ackermann ist gewillt, bis Verona zu kämpfen. Dort endet der Giro d'Italia am 2. Juni. Und bis dahin soll das Lächeln dann zurück sein. Am liebsten auch auf dem Podium.

Stand: 22.05.2019, 10:44

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