Giro d'Italia - Brisanter Start in Jerusalem

Pokal des Giro d'Italia vor Schriftzug Start Israel

Logistische und politische Herausforderung

Giro d'Italia - Brisanter Start in Jerusalem

Von Michael Ostermann

Der Giro d'Italia beginnt mit drei Etappen in Israel. Erstmals startet eine Drei-Wochen-Rundfahrt außerhalb von Europa. Der Start in Jerusalem ist logistisch eine Herausforderung und politisch brisant.

Das Bild wird wie immer sein: Die Rampe, von der am Freitagnachmittag (04.05.2018) der erste Starter des Giro d’Italia rollt, wird in Rosa gehalten sein. Darüber prangt das Logo mit einem stilisierten Radfahrer in Rosa und Weiß. Und doch ist dieser Start in die 101. Ausgabe des Giro ein besonderer. Erstmals beginnt eine der drei großen Drei-Wochen-Rundfahrten des Radsports außerhalb von Europa. Die Startrampe der Italien-Rundfahrt steht diesmal in Jerusalem. Mit der Verlegung des Starts nach Israel begibt sich der Giro d'Italia in schwierige Gefilde - logistisch wie politisch.

Von Mailand nach Tel Aviv

Wenn die Rundfahrt am Samstag mit einem 9,7 Kilometer langen Zeitfahren beginnt, haben die 22 Teams die erste große Herausforderung schon bewältigt. Ihr Equipment ist in Israel. Monatelang haben sich die Verantwortlichen den Kopf zerbrochen, wie sie den Auftakt des Giro mit drei Etappen im Nahen Osten bewältigen sollen, bevor es dann nach einem frühen ersten Ruhetag auf Sizilien weitergeht.

Vom Veranstalter RCS gab es nur die Ansage, dass das in Israel benötigte Material am 30. April zwischen sechs und neun Uhr morgens am Flughafen Mailand Malpensa zu sein habe, von wo es nach Tel Aviv geflogen worden ist. Den Rest musste jede Equipe für sich entscheiden. Teambus und -Fahrzeuge sowie jenes Material, was die Reise in den Nahen Osten nicht mitmacht, werden nach Catania gebracht und warten dort auf den Tross.

Personal aufgeteilt

Einige Teams werden den gesamten Giro mit demselben Personal rund um die acht Profis bewältigen, andere wie das deutsche Team Sunweb oder die südafrikanische Mannschaft Dimension Data werden die Mitarbeiter wechseln, um die Belastung für Mechaniker, Physiotherapeuten und Helfer, die bei einer Drei-Wochen Rundfahrt ohnehin schon unter Stress stehen, im Rahmen zu halten. 

"Wir können das auf keinen Fall in einem Abwasch machen", erklärt Rolf Aldag, Sportdirektor von Dimension Data. Die europäische Zentrale des Teams hat ihren Sitz in den Niederlanden. Bis Sizilien sind es von dort gut 2.500 Kilometer. "Die Leute wären dann schon zwei Tage Auto gefahren, bevor überhaupt irgendwas losgeht, fliegen nach Israel und arbeiten dann drei Tage." Dort müsste dann auch schon wieder gepackt werden, weil das Zeitfahrmaterial direkt wieder zurück nach Mailand geflogen wird. "Das heißt die Tage sind da 20 Stunden", sagt Aldag. "Da ist dann schon die Stimmung hin, alle sind körperlich und geistig am Anschlag."

Politische Brisanz

Demonstrant gegen Giro-Start in Israel

Menschenrechtsgruppen forderten: kein Giro in Israel.

Nicht alle seine Mitarbeiter bei Dimension Data waren bereit, nach Israel zu fliegen, um dort für das Team zu arbeiten. Aber nicht, weil die logistische Herausforderung, den Tross nach Israel und von dort schnell wieder zurück nach Italien zu verfrachten, so immens ist. Zwei Mitarbeiter machten Sicherheitsbedenken geltend und wollten deshalb nicht mitmachen.

Israel sei ein Ort mit einer "komplizierten Realität", sagt Ran Margaliot, Manager der Israel Cycling Academy, dem ersten und einzigen Profiteam aus dem jüdischen Staat, das mit einer Wild Card beim Giro starten wird. Was er meint ist, dass Israel im Zentrum des Nahost-Konflikts steht und die Region rundherum in Flammen steht. Das Nachbarland Syrien befindet sich seit sieben Jahren in einem brutalen Bürgerkrieg. 

Giro startet trotz vieler Proteste in Jerusalem

Sportschau | 02.05.2018

Einer der Besitzer der Israel Cycling Academy, der Immobilen-Milliardär Sylvan Adams, war maßgeblich daran beteiligt, den Giro nach Israel zu holen. Menschenrechtsgruppen kritisierten die Verlegung des Giro-Starts. Die Veranstaltung verschleiere die "militärische Besetzung" sowie die "Diskriminierung", hieß es in einer Mitteilung von mehr als 120 Gruppen. "Die Medien sind mitschuldig an der verzerrten Wahrnehmung", konterte Adams die Kritik in der "NZZ": "Israel ist in der Einhaltung von Menschenrechten vorbildlich."

Streitpunkt Jerusalem

Und doch lassen sich die Sicherheitsbedenken nicht einfach wegwischen. "Wenn man privat dahin fährt, dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass einem da etwas passiert, eher gering sein", sagt Aldag. "Nur jetzt bringen wir eines der größten Sportereignisse der Welt nach Israel."

Welche politische Brisanz der Start in Jerusalem mit sich bringt, mussten die Giro-Organisatoren schon kurz nach der Bekanntgabe feststellen. Weil in offiziellen Unterlagen von "West-Jeruslaem" die Rede war, drohte die israelische Regierung damit, ihre Unterstützung zu entziehen. Sie sieht Jerusalem als unteilbare Hauptstadt des Staates Israel. International ist diese Haltung umstritten und der Status der Stadt erst durch einen Friedensschluss zwischen Israel und den Palästinensern zu regeln.

Dennoch ist nun in allen Dokumenten des Giro nur noch von Jerusalem die Rede. Aber nachdem US-Präsident Donald Trump im Dezember vorpreschte und Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat, ist die Sache noch heikler geworden. "Da wird es auf einmal hochpolitisch", sagt Aldag. "Vorher habe ich gesagt, es ist machbar. Jetzt habe ich ein bisschen Bauchschmerzen."

Aldag räumt allerdings auch ein, dass die Sorge vor einem Anschlag inzwischen überall mitfahre. Ein Radrennen, das täglich 200 Kilometer und mehr durchs Land zieht, lässt sich eben nicht vollständig absichern. "Wir haben auch kein wirklich gutes Gefühl mehr, wenn wir in Paris die Champs Élysées auf und ab fahren", sagt Aldag. Dort sehe man aber die entsprechenden Maßnahmen und Absperrungen. Über das Sicherheitskonzept in Israel habe man die Teams im Vorfeld im Unklaren gelassen.

Teams aus Bahrain und den Emiraten in Israel

Trotz aller Bedenken werden am Samstag alle Teams am Start sein. Die 18 World-Tour-Teams sind ohnehin verpflichtet, am Giro teilzunehmen. Das gilt auch für die beiden Mannschaften United Arab Emirates und Bahrain-Merida. Beide Teams werden von einem Konsortium von Firmen aus den beiden arabischen Staaten gesponsert. Beide Länder unterhalten keine diplomatischen Beziehungen mit Israel und erkennen den jüdischen Staat nicht an. 

"Wir sind ein Sportteam, deswegen ist es für uns kein Problem an Rennen überall in der Welt teilzunehmen", sagt der Teammanager des Bahrain-Merida-Teams, Brent Copeland. Seine Equipe wurde von Prinz Nasser bin Hamad Al Khalifa, dem Sohn des Königs von Bahrain, ins Leben gerufen. Auch der Prinz habe kein Problem mit dem Start in Jerusalem, versichert Copeland. Das mag stimmen oder nicht. Fest steht, dieser Giro-Start wird ganz besonders.

Stand: 02.05.2018, 08:47

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