Die rosa Revolution - Giro d'Italia sprengt alle Erwartungen

Jai Hindley vom Team Sunweb

Giro d'Italia

Die rosa Revolution - Giro d'Italia sprengt alle Erwartungen

Von Tom Mustroph

Dieser Giro 2020 war revolutionär. Und das gleich auf mehreren Ebenen. Die Spitzenfahrer trennen am Ende wenige Sekunden. Sie stehen für einen vollzogenen Generationenwechsel.

Weniger als eine Sekunde nach fast 3.500 km. Enger ging es kaum, spannender auch nicht. Und so einfach zu verfolgen wie das am Sonntag (25.10.2020) war ein abschließendes Zeitfahren einer Grand Tour auch noch nie: Keine virtuellen Zeitabstände mussten eingeblendet werden, kein Rechnen war nötig. "Wer das Zeitfahren gewinnt, gewinnt den ganzen Giro, so einfach ist das", hatte Matteo Tossato, sportlicher Leiter von Ineos Grenadiers, auf die 15 Kilometer am Sonntag eingestimmt. Sein Schützling Tao Geoghegan Hart schaffte zwar nicht den Sieg im Zeitfahren, triumphierte aber am Ende beim Giro.

Generationswechsel vollzogen

Der Giro ist auch revolutionär, weil sich endgültig die Jugend durchsetzte. Wurde die Tour de France erst am vorletzten Tag durch ein geradezu überirdisches Zeitfahren des damals noch 21-jährigen Tadej Pogacar entschieden, so dominierten den Giro die Jungen von Beginn an. Zuerst schlüpfte Filippo Ganna, 25 Jahre jung, ins Rosa Trikot. Ihn löste Joao Almeida (22) ab. 15 Tage trug der Grandtour-Debütant Rosa. Die letzte Woche stand dann im Zeichen von Hindley (24) und Geoghegan Hart (25). Diese beiden, Hindley für das deutsche Team Sunweb, Geoghegan Hart als neuer Stern bei Ineos Grenadiers, fochten die Königsetappe am Stilfser Joch unter sich aus. Zwar schlüpfte an jenem Tag noch Wilco Kelderman - mit 29 Jahren im Vergleich schon ein Oldie - ins Rosa Trikot. Der Teamkollege und eigentliche Kapitän von Hindley verdankte das aber nur seinem Vorsprung aus den früheren Etappen. Am Berg zeigten ihm die Youngster bereits das Hinterrad. Den Bergsprint entschied dann Hindley.

Am Samstag revanchierte sich der Brite, gewann seinerseits den Bergsprint in Sestriere. Kelderman, der Oldie in Rosa, konnte erneut nicht mithalten. Damit erwies sich im Nachhinein die von vielen kritisierte Entscheidung von Sunweb, Hindley am Stilfser Joch nicht an die Seite seines strauchelnden Kapitäns zurückzubeordern, als richtig. Hätte Hindley sich nicht an Geoghegan Harts Fersen geheftet, wäre der Ineos-Profi schon vorher ins Rosa Trikot gefahren.

86 Hunderstel Unterschied vor dem Zeitfahren

So aber musste der für das Zeitfahren leicht favorisierte Brite auf den finalen Kampf gegen die Uhr hoffen. Nur 86 Hundertstel Sekunden trennten die beiden. Die Bruchteile stammten von den Messungen der beiden vorherigen Zeitfahren des Giro. 86 Hundertstel - die kann man schon beim falschen Passieren einer Straßenbahnschiene auf den Straßen Mailands verlieren. Der Kampf gegen die Uhr versprach Hochspannung.

"Es ist doch schön, dass diese letzten 15 Kilometer in Mailand den Giro entscheiden. Ich weiß, ich werde da das Zeitfahren meines Lebens fahren", blickte Hindley auf das erneute Duell mit Geoghegan Hart hinaus. Der Australier, der den gesamten Giro über sehr entspannt wirkte, schien sich richtig darauf zu freuen. Er machte gar nicht den Eindruck, als laste ein Druck auf ihm.

Revolution der Rad-Proletarier

Revolutionär ist der Giro aber auch, weil sich das erste Mal Fahrer gegen die Bedingungen einer Grand Tour zur Wehr setzten. Vor dem Start der 19. Etappe forderten sie eine Verkürzung der knapp 260 km lange Etappe um die Hälfte - und sie setzten sich durch. Rick Zabel, der mittendrin war, beschrieb den Effekt so: "Ich glaube, was wir Fahrer gestern gezeigt haben, war, dass wir die Schauspieler in diesem Stück sind. Und wenn wir nicht mitspielen, dann findet auch kein Stück statt. Ich glaube, das war eine wichtige Message, auch an den Veranstalter."

Rick Zabel: "Wir sind die Schauspieler in diesem Stück"

Sportschau 24.10.2020 00:12 Min. Verfügbar bis 24.10.2021 ARD


Für die Fahrer kamen bei dem Protest mehrere Dinge zusammen. "Es war eine extrem schwere dritte Woche. Es ging auch darum, dass wir überhaupt noch Rennen fahren trotz Corona-Pandemie. Und ich glaube, bei Etappe 16, 17, 18 war ich jedesmal sieben Stunden auf den Rad. Und dann drohte das bei Etappe 19 auch noch. Das Wetter war natürlich nicht extrem. Aber es war kalt, und  es hat geregnet, und dann muss eine 260 km lange Flachetappe einfach nicht sein", fasst der Profi von Israel Start-Up Nation die Motive zusammen.

Rick Zabel über das Zustandekommen des Streiks bei der 19. Etappe

Sportschau 24.10.2020 01:05 Min. Verfügbar bis 24.10.2021 ARD


Für Zabel könnte das der Auftakt zu einer echten Fahrergewerkschaft sein, unabhängig von der UCI und näher an den Fahrern dran, als die vielfach kritisierte CPA. Der Protest lenkte die Aufmerksamkeit auch auf weiteren Reformbedarf. Eine Beteiligung der Teams an den Fernsehgeldern steht zur Debatte. Und eine Beteiligung der Fahrer an der Streckenplanung selbst. "Man sollte vielleicht die Fahrer mehr ins Boot holen. Es kann doch nicht so schwer sein, bei einer Streckenplanung in Zukunft einen Fahrer, der höchstwahrscheinlich im Grupetto fahren wird und einen, der um die Gesamtwertung fährt, hinzunehmen, um einen Parcours zu machen, der für alle attraktiv ist, dass sowohl die Sprinter durchkommen, ohne sich an den Autos festhalten zu müssen, und dass das Rennen gleichzeitig attraktiv ist", meinte Zabel zur Sportschau.

Zabel über Streckenplanung: "Man sollte die Fahrer ins Boot holen"

Sportschau 24.10.2020 00:31 Min. Verfügbar bis 24.10.2021 ARD


Wenn das von diesem Giro ausgeht, wird man sich die 2020er Edition wirklich merken müssen. Und das eben nicht wegen Corona und den insgesamt elf positiven Fällen beim Rennen. Sondern wegen der Jugend, der Spannung und dem Beginn einer echten Beteiligung der Fahrer an dem Geschäft, das sie tretend am Laufen halten.

Stand: 25.10.2020, 18:30

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