Ex-Tour-Sieger Froome: Vom Chef zum Helfer

Chris Froome (l) und Richard Carapaz (r) während der Vuelta

Froome im Gruppetto

Ex-Tour-Sieger Froome: Vom Chef zum Helfer

Von Tom Mustroph

Über Jahre war er der Dominator des Radsports, und vier Mal hat er die Tour de France gewonnen. Sein schwerer Sturz im Sommer 2019 hat ihn komplett aus dem Tritt gebracht. Jetzt muss Chris Froome bei der Spanienrundfahrt lernen, im Gruppetto zu fahren.

Im Sommer hatte Ineos-Boss David Brailsford noch getönt: "Einen Chris Froome kann man nicht als Wasserträger zur Tour de France mitnehmen." Brailsford begründete so die überraschende Nichtberücksichtigung des vierfachen Toursiegers. Zwei Monate später passiert es aber dennoch. Und alles ist noch ein wenig schlimmer als es bei der Tour zu erwarten gewesen wäre. Froome fährt sogar bei der Vuelta a España hinterher, der kleinsten der drei großen Rundfahrten.

111. war er zu Beginn der 10. Etappe am Freitag (30.10.2020) im Gesamtklassement. Da hat er zumindest drei Mal die 1, die früher so oft vor seinem Namen in den Gesamtklassements der Grand Tours stand. Jetzt aber liegt er mehr als anderthalb Stunden hinter der echten 1, seinem Teamkollegen Richard Carapaz zurück. Während der Ecuadorianer energisch um das Rote Trikot kämpft, kämpft Froome darum, im Peloton mitzuhalten.

Kampf um Trikots am ersten Tag abgehakt

"Ja, es geht mir schon besser, heute war es wichtig, einen guten Platz im Peloton zu finden", sagte er zum Ende der 3. Etappe, bei der es zum knackigen, aber nicht ultraschweren Anstieg zur Schwarzen Lagune hochgegangen war. Der "gute Platz im Peloton" bedeutete da Rang 72, mehr als sieben Minuten von den Besten entfernt. Zwei Tage vorher erging es dem Briten sogar noch schlechter. Bei der allersten Bergankunft der Rundfahrt bedeutete die Tagesplatzierung 72 mehr als elf Minuten Rückstand.

Seit dieser ersten Etappe bereits war klar, bei dieser 75. Spanienrundfahrt wird der vormalige zweifache Vuelta-Sieger nicht in dem Kampf um farbige Trikots eingreifen können. "Ich bin hier, um Richard Carapaz dabei zu helfen, für das Team einen weiteren Grand-Tour-Sieg zu holen", sagte er ganz bescheiden von Beginn an - und wohl auch in realistischer Einschätzung seiner aktuellen Möglichkeiten.

Regelmäßig im Gruppetto

Das Verblüffende aber ist, dass auch der Helfer Froome noch bescheidenere Leistungen erbringt, als weithin befürchtet. Froome ist bei dieser Vuelta nicht der letzte Helfer am Berg für Carapaz. Diese Rollen nehmen abwechselnd Ivan Sosa (Kolumbien) und Andrey Amador (Costa Rica) ein. Froome sieht man bestenfalls am vorletzten Berg etwas Tempo machen. Danach lässt er sich zurückfallen - und trudelt dann im abgehängten Gruppetto der Sprinter über den Zielstrich.

In Formigal war das so, dem Alternativberg in den Pyrenäen, der nach der Absage der Tourmalet-Etappe durch die französischen Behörden schnell ins Programm aufgenommen wurde. Da kamen die deutschen Sprinter Max Kanter und Pascal Ackermann zeitgleich mit Froome an. Tags darauf war Froome erneut im Sprinter-Grupetto. Wieder einen Tag später erwischte er immerhin das Teilpeloton unmittelbar vor den Massensprintern. Er war aber auch da mehr als 20 Minuten hinter den Besten zurück.

"Ich bin hier, um Carapaz zu helfen"

Froome nimmt die doch sehr ungewöhnliche Situation äußerlich zumindest gelassen, ja geradezu demütig hin. "Ich bin hier, um Carapaz zu helfen", lautet sein Mantra. "Zu Beginn dieser Vuelta fiel es mir noch sehr schwer, den Rhythmus zu halten. Aber meine Verfassung wird immer besser, und ich kann jetzt schon häufiger vor Carapaz fahren und ihm so helfen", analysierte er die erste Vuelta-Woche aus seiner Leidensperspektive.

Im Ecuadorianer hat er immerhin einen gütigen Anführer. "Wir wussten ja, dass Chris aus einer schwierigen Phase kam und nicht viel Rennkilometer hatte. Aber er macht sich nützlich", meinte Carapaz. Er schlug sogar eine bewundernde Tonlage an. "Ich bin erst seit vier Jahren Profi, und jetzt habe ich einen im Team, der sieben Grand Tours gewonnen hat - das ist einfach toll. Und wir profitieren viel von seiner Erfahrung."

Letzte Phase der Reha?

In Sachen Erfahrung ist Froome tatsächlich ein Gewinn für diese Ineos-Truppe. Wie man Rennen gewinnt, wie man dabei die Nerven behält - das weiß er wie kaum ein anderer Teilnehmer dieser Rundfahrt. Was man auch weiß, ist, dass er selbst in den Hochphasen seiner Karriere freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit gegenüber seinen Teamkollegen war (solange es sich jedenfalls nicht um das erste Alphatier des britischen Rennstalls, Bradley Wiggins, handelte). Froome konnte fordern als Chef. Der gebürtige Kenianer kann aber auch Unterstützung geben. Den ersten Teil seiner Karriere, bis zur Auskurierung der Wurmerkrankung Bilharziose, verbrachte er schließlich meist in der zweiten Hälfte des Pelotons.

Sein heftiger Sturz bei der Dauphiné 2019 hat ihn nach seinen sieben Grand-Tour-Siegen wieder in diese Underperformance-Regionen der ersten Jahre zurückgeworfen. Froome kämpft immer noch um die volle Wiedehrstellung seiner Leistungsfähigkeit. "Ich befinde mich hier in der letzten Phase meiner Rehabilitation", sagte er am Rande der Vuelta. Ob diese Rehabilitätion ihn je wieder an sein früheres Niveau heranbringen kann, ist derzeit sehr zweifelhaft.

Froome will fünften Tour-Erfolg im nächsten Jahr

Im kommenden Jahr will er als Kapitän des Rennstalls Israel Start-Up Nation einen fünften Toursieg anpeilen. Sein zukünftiger Teamgefährte Dan Martin freut sich zumindest schon darauf. Martin ist derzeit Dritter im Klassement der Vuelta. Er scheint der einzige, der ernsthaft in den Zweikampf zwischen Carapaz und dem Tour-Zweiten Primoz Roglic eingreifen kann - Martin ist also da, wo man sonst Froome erwartet. "Wir reden hier jeden Tag miteinander", sagte Martin über sein Verhältnis zu Froome. "Und ich kann es gar nicht erwarten, mit ihm in einem Team zu fahren. Seine Präsenz ist einfach ungeheuer, und er inspiriert jeden", schwärmte der Ire.

Das zeichnet sich als Jobbeschreibung für die letzte Karrierephase des Christopher Froome ab: Aura ausstrahlen, am Frühstückstisch und auf der Strecke. Und wenn es gut kommt, den jeweiligen Kapitän auch ein paar Kilometer aus dem Wind nehmen. Letzteres muss er bei dieser Vuelta nun verstärkt machen. Team Ineos Grenadiers hat bereits zwei Teammitglieder verloren. Da drohen Zusatzschichten für den Helfer Froome. Denn von Aura allein lässt sich nicht die Konkurrenz einschüchtern, sie verpufft auch als Waffe, wenn sie nicht immer wieder neu durch phänomenale Beinkraft bestätigt wird.

Stand: 30.10.2020, 12:35

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