Flandern-Rundfahrt: Die blaue Übermacht

Deceuninck-Quick Step

Flandern-Rundfahrt

Flandern-Rundfahrt: Die blaue Übermacht

Von Michael Ostermann

Die Flandern-Rundfahrt gilt in Belgien als Höhepunkt des Radsport-Frühjahrs. Vor allem Deceuninck-Quick-Step steht im Fokus. Die Equipe hat fast alle Klassiker in diesem Jahr gewonnen, ging aber bei der Generalprobe leer aus. Jetzt wittert die Konkurrenz ihre Chance.

Sie gewinnen doch nicht jedes Rennen, die Konkurrenz darf aufatmen. Am vergangenen Sonntag (31.03.2019) beim Klassiker Gent-Wevelgem stand kein Fahrer im blauen Trikot des Teams Deceuninck-Quick-Step auf der obersten Stufe des Podiums. Mehr noch: Es war überhaupt kein Fahrer der belgischen Radsport-Equipe auf dem Treppchen vertreten. Ein außergewöhnliches Bild in diesem Radsport-Frühjahr, das Deceuninck-Quick-Step bisher so äußerst dominant gestaltet.

Blaupause für die anderen

20 Siege hat die Mannschaft in dieser noch so jungen Saison bereits gefeiert. Darunter war der Erfolg beim ersten großen Frühjahrsklassiker des Jahres, Mailand-Sanremo, durch den Franzosen Julian Alaphilippe. "Das ist wie schon in den letzten Jahren echt beeindruckend", sagt der deutsche Klassikerspezialist John Degenkolb. Auch die anderen klassischen Eintagesrennen entschied Deceuninck-Quick-Step alle für sich - eben bis auf Gent-Wevelgem.

Ausgerechnet bei der Generalprobe für die Flandern-Rundfahrt am Sonntag (07.04.2019), dem wichtigsten Rennen der Saison für das Team, hat man sich nun erstmals eine Blöße gegeben. Und den Konkurrenten dient das Geschehen nun als Blaupause dafür, wie sich ein Sieg von Deceuninck-Quick-Step beim zweiten Monument des Jahres verhindern lässt. Auf der Fahrt von Gent nach Wevelgem verpasste die Equipe einen Split des Feldes an der Windkante und war fortan in der Defensive.

Gegen das Kollektiv als Ganzes

"Das war ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie wir agieren müssen, um mit Fahrern unserer Klasse, die wir in der Mannschaft haben, die anderen am besten düpieren", sagt Degenkolb, der am Ende Zweiter wurde und dessen Team Trek-Segafredo das Auseinanderreißen des Feldes mit einer Tempoverschärfung provoziert hatte. "Am Ende ist es so gewesen, dass wir den Jungs von Quick-Step immer einen Schritt voraus gewesen sind, weil sie dort diesen Split verpasst haben. Diesen Vorteil haben wir uns dann nie mehr aus der Hand nehmen lassen bis zum Ziel. Das ist genauso, wie wir auch Radrennen fahren müssen."

Flandern-Rundfahrt - Degenkolb und Politt mit Außenseiterchancen

Sportschau 06.04.2019 01:27 Min. Verfügbar bis 06.04.2020 ARD

Man muss das blaue Kollektiv als Ganzes angreifen. Denn der Erfolg von Deceuninck-Quick-Step beruht vor allem darauf, dass das Team mehr als nur einen Fahrer hat, der bei den schweren Kopfsteinpflasterklassikern in Belgien um den Sieg mitfahren kann. Und genau das macht es für die anderen Mannschaften so schwer, ein Mittel gegen diese Übermacht zu finden. "Quick-Step ist ein Faktor in jedem Teambus bei der Besprechung vor dem Rennen", hat Erik Zabel, Performance-Direktor beim Team Katusha-Alpecin, dem Magazin "Velonews" erklärt. "Sie fahren als ein Block. Wenn bei uns nur noch der Kapitän da ist, haben sie immer noch vier, fünf Fahrer im Spiel. Das macht es so schwierig, gegen sie zu fahren."

Jedem seine Chance

Patrick Lefevere

Teamchef Patrick Lefevere hat Deceuninck-Quick-Step seit den 90er Jahren zum führenden Klassiker-Team gemacht. Seine Mannschaft nimmt bei diesen Eintagesrennen im Frühjahr eine ähnliche Rolle ein, wie das Team Sky bei den großen Rundfahrten. Allerdings mit einem nur halb so großen Etat. Lefevere, der seine sportlichen Leiter auch schon mal am Telefon zusammenfaltet, wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt, stellt das Team stets über den Einzelnen. Aber alle Fahrer bekommen ihre Gelegenheit.

"Die Fahrer attackieren sich nicht gegenseitig, weil sie wissen, dass sie - wenn sie ihren Job machen - früher oder später ihre Chance bekommen werden", erklärt Laurenzo Lapage, sportlicher Leiter beim australischen Team Mitchelton-Scott. "Sie wissen, dass das ganze Team für sie arbeiten wird, sollten sie in der Position sein, zu gewinnen." Tatsächlich ist das selbst ernannte "Wolfsrudel" breit aufgestellt. Die 20 Saisonsiege verteilen sich auf acht verschiedene Fahrer.

Degenkolb nur Außenseiter

So erfolgreich die Saison für Deceuninck-Quick-Step bislang auch verlaufen sein mag, sollte das Team bei der Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix eine Woche später leer ausgehen, würde das Frühjahr als misslungen gelten. Es sind diese beiden Rennen, auf denen der Fokus der Mannschaft vor allem ruht. Die Chance für die Konkurrenz besteht darin, das Rennen schon früh aggressiv zu gestalten, um das Kollektiv zu sprengen.

Bitteres Ende für Degenkolb bei Mailand-Sanremo Sportschau 23.03.2019 03:55 Min. Verfügbar bis 23.03.2020 Das Erste

Denn wenn es am Ende Mann gegen Mann geht, muss nicht zwingend ein Fahrer aus Lefeveres Rennstall ganz vorne landen. Zu den Favoriten zählen neben den Deceuninck-Quick-Step-Fahrern Philippe Gilbert, Zdeněk Štybar, Yves Lampaert und Bob Jungels vor allem der Belgier Greg Van Avermaet (CCC), Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe, Vorjahressieger Niki Terpstra (Direct Energie), Oliver Naesen (Ag2R) und der ehemalige Cross-Weltmeister Wout van Aert (Jumbo-Visma).

John Degenkolb gilt wie auch Nils Politt aus Köln als Außenseiter. "Ich bin keiner der Topfavoriten", sagt er. "Wir haben aber eine starke Mannschaft. Und wenn wir als Mannschaft so fahren wie bei Gent-Wevelgem mit vier Mann da vorne, dann haben wir auch die Chance, am Ende einen vorne drin zu haben." Im vergangenen Jahr war das der Däne Mads Petersen, der 2018 Zweiter wurde. Geht die von Degenkolb skizzierte Taktik auf, könnten sie die blaue Übermacht von Deceuninck-Quick-Step mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Stand: 05.04.2019, 09:53

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