Deutschland Tour: Kristoff schlüpft nach Tempoetappe ins Rote Trikot

Alexander Kristoff

Norweger gewinnt 2. Etappe

Deutschland Tour: Kristoff schlüpft nach Tempoetappe ins Rote Trikot

Von Michael Ostermann (Göttingen)

Alexander Kristoff gewinnt die 2. Etappe der Deutschland Tour und übernimmt die Gesamtführung. Nach einem schwierigen Tag, an dem die Tour erneut beweist, dass ihr Streckenprofil die Profis zu einer offensiven Fahrweise animiert.

Der Mann des Tages kam spät zum Bus seines Teams, in dem die Kollegen auf ihn warteten, um ins Hotel abzufahren. Remco Evenepoel hatte die zweite Etappe der Deutschland Tour von Marburg nach Göttingen zwar nicht gewonnen, aber zum Podium hatte dieses neue Wunderkind des Radsports dennoch gemusst. Eine Jury hatte den 19 Jahre alten Belgier zum kämpferischsten Fahrer gekürt. Eine Entscheidung, die man als definitiv richtig bezeichnen musste. Rund 100 Kilometer war Evenepoel vor dem Feld gefahren, und erst 9,6 Kilometer vor dem Ziel war seine Flucht vorbei.

Evenepoels Hunger wird nicht gestillt

"Ich habe angefangen, an den Sieg zu denken", erzählte der junge Mann später und fügte eher schlecht gelaunt hinzu: "Wir sind hier, um zu gewinnen, und wenn man das dann nicht tut, ist der Plan nicht aufgegangen." Man versteht jetzt, warum sie Evenepoel in seiner Heimat schon den "neuen Eddy Merckx" nennen. Auch den zeichnete ja in seiner Zeit ein kanibalischer Siegeshunger aus, den auch der neue Shootingstar des belgischen Radsports zu verspüren scheint.

Evenepoel absolviert gerade sein erstes Jahr als Radprofi. Im vergangenen Jahr gewann er den WM-Titel auf der Straße und im Zeitfahren bei den Junioren. Und nun fährt er als Europameister und Sieger des Klassikers San Sebastian sowie der Belgien-Rundfahrt durch Deutschland. Und hätte dort beinahe einen Etappensieg a la Merckx gefeiert. "Ich hatte wirklich Bedenken, dass wir den nochmal wiedersehen", sagte der deutsche Radprofi Simon Geschke. "Wer drei Minuten rausfahren kann, der kann dann auch ankommen. Ich denke mal, wir werden in den nächsten Jahren noch viel von ihm sehen, und dann wird er so eine Aktion auch mal zuende bringen."

In hohem Tempo Richtung Göttingen

In Göttingen war es noch nicht soweit, weshalb der Etappensieg am Ende an den Norweger Alexander Kristoff ging. Der gewann den Sprint des auf 27 Fahrer reduzierten Feldes und übernahm damit das Rote Trikot des Gesamtführenden von Pascal Ackermann. Ackermann war im Finale der zweiten Etappe schon weit abgeschlagen, weshalb er keine Chance hatte, das Leader-Trikot zu verteidigen. Am Ende betrug sein Rückstand 16:13 Minuten. "Das war eins der härtesten Rennen in diesem Jahr", urteilte der 25 Jahre alte Sprinter vom Team Bora-hansgrohe. "Es war von Anfang an wie Krieg heute, und ich glaube, es war kein Team dabei, das wollte, dass wir das Trikot heute behalten, und dementsprechend sind sie auch von Anfang an gefahren."

Deutschland-Tour: Kristoff gewinnt 2. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 30.08.2019 04:26 Min. Verfügbar bis 30.08.2020 Das Erste

Das Rennen war vor allem schnell. Mit einem Schnitt von 46,425 Stundenkilometern hatte das Peloton die 202 Kilometer zurückgelegt. "Die ersten 100 Kilometer waren eigentlich nur Vollgas", sagte Geschke, der als einer von drei Deutschen mit der ersten Gruppe als 15. ins Ziel gekommen war. Die beiden anderen heimischen Radprofis waren Emanuel Buchmann als 13. und Nils Politt als Elfter. Buchmann und Geschke hatten es zu Beginn des Rennens in eine 25-köpfige, prominent besetzte Ausreißergruppe geschafft. Darin fanden sich so illustre Profis wie der Tour-de-France-Sieger von 2014, Vincenzo Nibali, und der Franzose Julian Alaphilippe, der im Juli seine Landsleute mit 14 Tagen im Gelben Trikot beglückt hatte.

Politts Team jagt hinterher

Auch Ackermann gehörte zur Gruppe der Ausreißer, musste aber schon bald einsehen, dass er keine Chance haben würde, die Führung in der Gesamtwertung zu behalten. "Irgendwann bin ich halt aufgeplatzt, und dann war der Tag vorbei", sagte Ackermann. Auch Katusha-Alpecin hatte zunächst einen Fahrer in der Gruppe vorne, aber das passte nicht so richtig in die Strategie des Teams, das ja auf Nils Politt setzt bei dieser Deutschland-Tour. "Wir haben uns dann entschlossen, für mich zu fahren, und sind dann hinterhergejagt", sagte der Kölner. Als diese Jagd dann erfolgreich zu Ende gebracht war, startete Evenepoel zu seiner Solofahrt, weshalb auch danach weiter "richtig Zug auf der Kette" war, wie Politt erklärte.

Dem hohen Tempo wäre auch der spätere Tagessieger Kristoff beinahe zum Opfer gefallen. "Ich hatte schon den Anschluss verloren, konnte aber glücklicherweise nochmal zurückkommen", sagte der Norweger. "Im Zielsprint war ich dann kurz eingebaut, aber ich konnte mich befreien und noch vorbeifahren." Kristoff liegt dank der Bonussekunden in der Gesamtwertung zehn Sekunden vor dem Italiener Sonny Colbrelli, dem Tageszweiten in Göttingen. Er werde alles dafür tun, das Rote Trikot zu verteidigen, versprach Kristoff. Aber das Profil der dritten Etappe sehe noch schwieriger aus. "Das wird sehr hart."

"Brutal wie ein Ardennenklassiker"

Zumal die Streckenprofile der Deutschland-Tour auf dem Papier offenbar harmloser aussehen, als sie es tatsächlich sind. "Auf dem Profil konnte man gar nicht richtig erkennen, wie schwierig das tatsächlich war", sagte Politt. "Es war brutal wie ein Ardennenklassiker." Es scheint, als wäre es den Streckenplanern der Deutschland-Tour wie schon bei der Neuauflage der Rundfahrt im vergangenen Jahr gelungen, einen Parcours zu entwickeln, der eine offensive Fahrweise fördert, und damit für Spannung sorgt.

"Das ist der Weg, ein attraktives Radrennen zu sehen", meint Simon Geschke. "Ich finde es sehr schön. Die Profile sind super so, das lädt wirklich zum Attackieren ein." Das dürfte auch für die 189 Kilometer lange dritte Etappe von Göttingen nach Eisenach gelten. Und es wird darauf ankommen, wie die Fahrer den schnellen Freitag verkraftet haben. "Viele haben heute sehr, sehr viele Körner auf der Straße gelassen", sagte Politt.

Stand: 30.08.2019, 21:06

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