Deutschland Tour - Herausforderung für Talente

Ausreißer auf der 3. Etappe: Mads Pedersen (r) Mika Heming (M) und Julian Alaphilippe

Chance für junge Fahrer

Deutschland Tour - Herausforderung für Talente

Von Michael Ostermann (Erfurt)

Bei der Deutschland Tour fahren neben den Topprofis auch eine Menge junger Fahrer aus den Continental-Teams. Das Spitzenniveau stellt sie vor eine große Herausforderung, aber manch einer wird schon bald den Schritt in die World-Tour wagen.

Der Franzose Julian Alaphilippe ist "ein netter Typ", hat Miká Heming festgestellt. Am Samstag (31.08.2019) hatte er Gelegenheit gehabt, den derzeit vielleicht besten Radprofi der Welt näher kennenzulernen. Auf der 3. Etappe der Deutschland Tour hatte Heming es in die Ausreißergruppe des Tages geschafft, in der sich neben Alaphilippe auch noch der Däne Mads Petersen befand, der im vergangenen Jahr Zweiter der Flandern-Rundfahrt war. "Mit zwei solchen Rennfahrern zu fahren", sagt Heming, "war schon wie ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist."

Berufswunsch Radprofi

Heming ist 19 Jahre alt und kommt aus Bocholt. Im Frühjahr hat er sein Abitur gemacht und wird bald ein Studium beginnen. Architektur oder Design, das weiß er noch nicht so genau. Aber eigentlich ist sein Berufswunsch ja auch ein anderer. Radprofi will Heming werden. "Auf jeden Fall nach oben, das kann ich mir schon schön vorstellen", sagt er: "Mein Ziel ist auf jeden Fall auch, da vorne mitzufahren."

Am Samstag, in der prominent besetzten Ausreißergruppe, hat er schon mal einen Eindruck davon bekommen, wie sich das anfühlt, wenn man vorne mitfährt mit den Großen. Die Deutschland Tour ist prominent besetzt, aber auch ein Schaufenster für junge Talente, die - so wie Heming - erst am Anfang ihrer Profikarriere stehen oder noch davon träumen, bei einem der großen Teams des Radsports unterzukommen.

Höhepunkt für die Continental-Teams

Vier der insgesamt neun deutschen Continental-Teams haben einen Platz für die Rundfahrt erhalten. Das bestklassierte Team der Rad-Bundesliga und bestplatzierte deutsche Team im Ranking der UCI Europe Tour zum Stichtag Ende Juni waren automatisch für die Deutschland Tour 2019 qualifiziert. Die Mannschaften P&S Metalltechnik sowie Bike Aid sicherten sich die Plätze. Zusätzlich vergab der Veranstalter eine Wildcard an die Teams Dauner und Lotto-Kernhaus.

Deutschland Tour - die Zusammenfassung der 3. Etappe Sportschau 31.08.2019 07:27 Min. Verfügbar bis 31.08.2020 Das Erste

"Das ist unser absolutes Jahreshighlight", sagt Ex-Profi Gerald Ciolek, Sportlicher Leiter beim Team Dauner, für das auch Heming seit einem halben Jahr unterwegs ist: "Wir müssen uns hier bestmöglich präsentieren. Wenn man sich die Startliste anguckt, bleibt uns da relativ wenig Raum. Da müssen wir uns eben die Nischen suchen und uns darüber bestmöglich verkaufen."

Ein weiter Weg nach oben

Mit dem Auftritt von Heming an der Seite von Alaphilippe und Petersen ist ihnen das gut gelungen. "Ich hatte erst so ein bisschen Bammel als ich die beiden Namen gehört habe", sagt Ciolek: "Aber er hat sich ja ganz clever angestellt, die haben super zusammengearbeitet." Zumindest bis ihn die beiden World-Tour-Profis vor dem Anstieg zur Hohen Sonne etwa 40 Kilometer vor dem Ziel abschüttelten.

"20 Kilometer vor der zweiten Bergwertung wurde es echt schon hart und dann hat Alaphilippe auch schon gesagt, dass es nicht mehr unbedingt was wird, und ist dann vorne mit Petersen sein Tempo weitergefahren", erzählt Heming: "Ich wusste, dass es nichts mehr bringt da jetzt dranzubleiben, weil ich schon total fertig war." Heming weiß, dass es noch ein weiter Weg ist, bis er World-Tour Niveau erreicht hat, aber das Ziel ist nicht unerreichbar. "Der hat auf jeden Fall die richtige Haltung, die es braucht, um Rennfahrer zu werden", meint Ciolek.

Hollmann als Praktikant

Juri Hollmann

Juri Hollmann

Juri Hollmann, 20, ist schon einen Schritt weiter. Der kecke, junge Mann aus Berlin fährt normalerweise für das Continental-Team Heizomat Rad-Net. Bei der Deutschland Tour trägt er aber das Trikot des World-Tour-Teams Katusha-Alpecin, bei dem er seit Anfang August ein Praktikum absolviert. "Das ist definitiv was Aufregendes, es ist sehr schön, mal reinschnuppern zu können bei den Profis. Das ist ein ganz anderes Niveau", sagt Hollmann: "Wenn ich neben den richtigen Größen fahre wie Geraint Thomas oder Alaphilippe, dann denke ich noch so: Hoffentlich mache ich nichts falsch, bloß ruhig auf dem Rad sitzen bleiben."

Stagiaire heißen diese Praktikanten im Radsport und Hollmann hat seinen Platz bei einem Casting klar gemacht. Katusha-Alpecin hatte Anfang des Jahres gemeinsam mit einem Radsportmagazin die Suche nach dem "Super Stagiaire" ausgerufen und Hollmann hatte sich gegen fünf weitere Kandidaten durchgesetzt. "Ausschlaggebendes Kriterium für die Auswahl von Juri war sein Alter verbunden mit seinem Talent", begründet der Performance-Manager des Team Erik Zabel die Entscheidung: "Seine bisherigen Erfolge im Junioren und U23-Bereich sowie seine hervorragende Rennintelligenz und Einstellung zum Sport machen ihn zu einem der größten Talente im deutschen Radsport.“

World-Tour-Vertrag in der Tasche

Das ist auch anderswo nicht verborgen geblieben: Hollmann hat für das kommende Jahr einen Platz im Kader eines World-Tour-Teams ergattert. Allerdings nicht bei Katusha-Alpecin, wo es wohl nach dieser Saison nicht weitergehen wird. Der Sprung aus dem Continental-Bereich in die World Tour ist gewaltig, aber Hollmann meint, es sei wichtig, die Chance zu ergreifen, wenn sie sich bietet: "Wer weiß, ob man diese Gelegegenheit nochmal kriegt."

Dass Hollmann quasi zwei Stufen auf einmal nach oben nimmt, hat auch damit zu tun, dass in Deutschland zwischen dritter und erster Liga eine Lücke klafft. "Ich bin auch der Meinung, dass das vielleicht einen Ticken zu früh ist", sagt Erik Zabel: "Aber die Problematik ist, dass wir in Deutschland kein Pro-Continental-Team haben. Da wäre er vielleicht in den nächsten zwei Jahren noch besser aufgehoben." Wichtig ist deshalb, dass die Top-Teams behutsam mit den jungen Fahrern umgehen, damit die sich an das neue Niveau anpassen können.

Federn gelassen

Auch Jonas Rutsch wagt in der kommenden Saison den Sprung in die World-Tour. Der 21-Jährige aus Erbach in Hessen, der im Frühjahr die U23-Ausgabe des belgischen Klassikers Gent-Wevelgem gewann, wird in der kommenden Saison für die US-Mannschaft EF Education First fahren. "Das bringt sicher auch mehr Verantwortung für den Sportler mit sich, weil man dann dafür bezahlt wird, schnell Rad zu fahren", sagt Rutsch: "Ich erwarte, dass ich mich verbessern kann, aber ich muss auch schauen, dass ich meinen Weg in diesem ganzen professionellen Umfeld finden kann."

Das alleine wird schwer genug, was die Fahrer aus den kleinen Teams bei der Deutschland Tour vier Tage lang zu spüren bekommen haben. Auch Rutsch hat gemerkt, dass es "zeitweise ziemlich hart" ist, auf diesem Niveau Rad zu fahren. "Die haben ein paar Federn gelassen", sagt Gerald Ciolek über seine Fahrer im Team Dauner: "Aber das ist das Level, wo sie hinkommen wollen, und das ist das Level, wo wir sie eigentlich auch hinbringen wollen. Die werden hier jetzt damit konfrontiert, was super ist. Aber da haben sie dann schon auch schwer dran zu schlucken."

Aber die Profis sind oft nette Kerle. Alaphilippe und Petersen überließen Heming am Samstag die Punkte und die Prämien bei der Sprint und der Bergwertung. "Ich habe sie gefragt", sagt Heming, "und sie hatten nichts dagegen."

Stand: 01.09.2019, 13:55

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