Deutschland-Tour - Erlösung für Politt

Nils Politt

Erster Profisieg

Deutschland-Tour - Erlösung für Politt

Von Michael Ostermann, Stuttgart

Der Etappensieg auf der letzten Etappe der Deutschland-Tour ist Nils Politts erster Erfolg als Profi. Gemeinsam mit Maximlian Schachmann leitet der Kölner einen Generationenwechsel im deutschen Radsport ein.

Wieder donnerte Nils Politt seine Faust auf den Lenker seines Rades. So wie in den letzten Tagen auch. Doch diesmal begleitete den Fausthieb kein Fluch, sondern ein lang gezogenes und sehr lautes: "JAAAAAAAAAAAA!" Dann breitete Politt noch die Arme aus. Fast 100 Meter rollte er in dieser Pose hinter der Ziellinie der vierten und letzten Etappe der Deutschland-Tour in Stuttgart aus. So lange wie möglich wollte er diesen Glücksmoment genießen, den ihm sein erster Sieg als Radprofi bescherte.

Passender Kurs für Politts Qualitäten

"Das war mein Ziel: Ich wollte in diesem Jahr meinen ersten Profisieg einfahren", sagte Politt. Aber nicht einmal seine Freundin hatte geglaubt, dass ihm das noch gelingen würde. Kurz vor der Deutschland-Tour habe sie ihn gefragt, was denn nun sei damit, erzählte Politt: "Ich habe ihr gesagt: 'Bleib ruhig, ich mache mein Ding.' Wir haben sogar gewettet. Und die Wette hat sie jetzt verloren."

Politt hat sich diesem Sieg angenähert bei dieser Deutschland-Tour. Am ersten Tag war er im Sprintzug seines Teams Katusha-Alpecin für Marcel Kittel eingeteilt gewesen, doch Kittel kam geschwächt gar nicht bis ins Finale. Danach war Politt selbst der Kapitän seines Teams. "Ich wollte versuchen, hier auf Gesamtklassement zu fahren", erklärte er. Das Profil der Rundfahrt schien wie gemacht für ihn. Mit den steilen aber kurzen Anstiegen entsprach der Kurs seinen Qualitäten als Radprofi.

Stark bei den Klassikern

Solche Strecken animieren das Feld zu zahlreichen Attacken, die Kräfte zehren und das Peloton auseinanderziehen. "Wenn 60, 70 Kilometer vor dem Ziel das Gespringe losgeht und viele Gruppen da rum fahren, das mag ich", sagte Politt. Es ist eine Fahrweise, wie sie auch bei den Frühjahrsklassikern praktiziert wird. Dort ist der Kölner in diesem Jahr schon mit sehr guten Ergebnissen aufgefallen. Bei Paris-Roubaix fuhr er als bester Deutscher auf Platz sieben. Danach begann seine Arbeit als Helfer für seine Kapitäne unter anderem bei der Tour de France.

Jetzt durfte er wieder auf eigene Rechnung fahren. Aber um bei der Deutschland-Tour ganz vorne zu landen, musste Politt in den Kampf um die Bonussekunden eingreifen, die es für die ersten drei jeder Etappe gab. Vierter war Politt auf der zweiten Etappe nach Trier, Zweiter auf der dritten Etappe nach Merzig. Und in Stuttgart sah es schon so aus, als werde das sein bestes Ergebnis bleiben. Zwei Mal ging es im Finale der Etappe über den Herdweg, einen 1,5 Kilometer langen und im Schnitt 7,3 Prozent steilen Anstieg, der auch schon bei der WM 2007 eine entscheidende Rolle gespielt hatte.

Geben und Nehmen mit Mohoric

Beide Male war Politt nicht ganz vorne oben angekommen. Beim zweiten Mal schien das Rennen dann schon verloren. Vorne fuhren mit Maximilian Schachmann und Tom Dumoulin zwei Anwärter auf den Gesamtsieg, die nicht nur Politt, sondern auch den Gesamtführenden Matej Mohoric losgeworden waren. "Scheiße, das war's", habe er gedacht, erzählte Politt. Doch dann habe er registriert, dass man sich vorne nicht einig war. Und so arbeitete er auf der Abfahrt hinunter ins Ziel gemeinsam mit Mohoric daran, die Gruppe vorne wieder zu stellen - mit Erfolg. "Es war ein Geben und Nehmen", sagte Politt, der dem Slowenen so zum Gesamtsieg verhalf.

1,5 Kilometer vor dem Ziel waren beide wieder dran. Aus dem Teamauto bekam Politt von seinem Sportlichen Leiter per Funk die Ansage, diesmal die Ruhe zu bewahren und seinen Sprint nicht wie in den beiden Tagen zuvor zu früh zu lancieren. Und diesmal erwischte er dann tatsächlich den richtigen Moment, weil jemand anderes die Nerven verlor - der Südafrikaner Reinardt Janse van Rensburg. "Er hat mir den Sprint perfekt angezogen, dann habe ich die 200-Meter-Marke gesehen und bin raus", sagte Politt. Und anders als am Vortag schaffte es Mohoric diesmal nicht, an ihm vorbeizuziehen.

Politt und Schachmann - die nächste Generation

Dank der zehn Bonussekunden, die Politt für den Etappensieg in Stuttgart gut geschrieben bekam, rückte er in der Gesamtwertung auf Rang zwei hinter Mohoric vor und verdrängte Maximilian Schachmann auf den dritten Platz. Der Berliner ärgerte sich im Ziel mächtig über den Niederländer Tom Dumoulin, der ihn im Finale die Führungsarbeit in der Spitzengruppe alleine hatte machen lassen. "Er hat damit seine eigenen Siegchancen begraben", fand Schachmann.

Politt und Schachmann haben die Deutschland-Tour genutzt, um sich mit einer packenden, offensiven Fahrweise ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit zu fahren. Beide sind erst 24 Jahre alt und stehen damit für die nächste Generation deutscher Radprofis, die irgendwann Greipel, Kittel, Martin und Co. ablösen wird. "Irgendwann findet ein Generationenwechsel statt. Das ist normal", sagte Politt.

Nun, da der Knoten geplatzt ist, würde er diesen Übergang gerne beschleunigen. Im kommenden Jahr beansprucht er bei den Klassikern im Frühjahr eine Führungsrolle. Nach dem Sieg von Stuttgart dürfte es seinem Team Katusha-Alpecin schwer fallen, ihm diese zu verwehren.

Stand: 26.08.2018, 19:37

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