Wegmann - "Jede Etappe der Deutschland-Tour wie ein Klassiker"

Fabian Wegmann, Sportlicher Leiter der Deutschland Tour

Interview mit dem Sportlichen Leiter der Deutschland-Tour

Wegmann - "Jede Etappe der Deutschland-Tour wie ein Klassiker"

Nach zehn Jahren Pause kehrt die Deutschland-Tour auf die Radsport-Bühne zurück. Der ehemalige Radprofi und Sportliche Leiter des Rennens, Fabian Wegmann, spricht im Interview über die Gestaltung der Strecke, die Favoriten auf den Gesamtsieg und die Akzeptanz des Publikums.

Herr Wegmann, was genau macht ein Sportlicher Leiter bei einem Radrennen wie der Deutschland-Tour?

Fabian Wegmann: Fabian Wegmann: Ich werde während der Etappen im Auto vorne wegfahren und das Geschehen beobachten. Sollte es unterwegs Probleme geben, werde ich gemeinsam mit einem Kollegen entscheiden, was zu tun ist. Außerdem werde ich bei der Teampräsentation mit den beiden Moderatoren auf der Bühne stehen. Im Vorfeld war ich für die sportliche Gestaltung der Strecke zuständig und habe dabei meine Expertise als Ex-Radprofi eingebracht, damit das Rennen sportlich möglichst spannend wird.

Worauf haben Sie dabei geachtet?

Wegmann: Dass Grundproblem war, dass wir nur vier Etappen haben. Wir wollten auf keinen Fall, dass es nur Flachetappen gibt und die Deutschland-Tour dann über Zeitbonifikationen bei den Sprints entschieden wird. Das kann natürlich trotzdem passieren, denn letztlich gestalten die Fahrer das Rennen. Wir haben zudem mit der Vuelta a España eine große, schwere Rundfahrt, die zeitgleich stattfindet. Darum haben wir versucht, jede Etappe wie einen Eintages-Klassiker zu gestalten. Außerdem war uns wichtig, dass das Rennen vor allem in den letzten anderthalb Stunden spannend ist, wenn das Fernsehen live überträgt.

Wie haben Sie das geschafft?

Wegmann: Wir sind seit September vergangenen Jahres die Strecke drei Mal abgefahren. Wir hatten außerdem die Vorschläge der Radsport-Fans, die sich bei “Deutschland Deine Tour” beteiligt haben. Manches davon konnten wir tatsächlich nutzen, anderes nicht. Auf der ersten Etappe zum Beispiel geht es von Koblenz aus rund 30 Kilometer am Rhein entlang und dann links weg. Da hatte ein Fan, einen bis zu 20 Prozent steilen Anstieg auf einer schmalen, schlechten Straße vorgeschlagen. Das konnten wir nicht machen, weil wir nicht wollen, dass es da schon Stürze gibt und sich alles auseinander zieht. Und dann ließ sich auch nicht alles umsetzen, was aus sportlicher Sicht gut gewesen wäre.

Warum nicht?

Wegmann: Naja, da spielen oft andere Aspekte eine Rolle. Wenn man zum Beispiel bei der Zielanfahrt in einen Ort eine sichere, große, breite Straße hat und wir gesagt haben, da wollen wir reinfahren, dann hieß es schon mal: Das geht nicht, da fährt eine Bahn, die können wir nicht anhalten. Dann muss man eben eine Alternative finden. Ich denke, dass ist uns auch sehr, sehr gut gelungen, das hat Albrecht Röder übernommen.

Was waren die größte Schwierigkeiten bei der Gestaltung der Strecke?

Wegmann: Das Klein-Klein mit den Behörden. Wir haben es mit mehr als 60 Kommunen zu tun und jeder sieht natürlich nur seinen Abschnitt. In Frankreich bei der Tour de France etwa geht das dagegen über die jeweiligen Departments, da gibt es einen Ansprechpartner, nicht 30. Es ist dabei gar nicht so, dass die Leute hier nicht gewillt sind, aber es ist eben nicht so wie in Frankreich und Belgien, wo sie mehrmals im Jahr mit Radrennen zu tun haben. Das war früher, als es in Deutschland noch mehr Rennen gab, auch anders. Aber heute wissen die Leute oft nicht, was Radrennen bedeutet, und dass die Strecken nicht den ganzen Tag, sondern nur für einen kleinen Zeitraum gesperrt sind. Das mussten wir denen oft erst erklären. Aber um all die Genehmigungen musste ich mich zum Glück nicht kümmern.

Was erwartet der Sportliche Leiter sportlich von der Deutschland-Tour?

Wegmann: Wir haben mit elf World-Tour-Teams ein hochkarätiges Feld am Start. Der Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas ist dabei, der Tourzweite Tom Dumoulin auch, dazu noch der Franzose Romain Bardet. Das ist schon gigantisch. Es starten auch eine Menge anderer sehr guter Fahrer, die dem deutschen Publikum aber vielleicht nicht so bekannt sind. Die Tour de France bekommt hierzulande auch medial die größte Aufmerksamkeit, deswegen ist es wichtig, dass Fahrer dabei sind, die dort vorne waren. Ich glaube, dass die großen Teams das Heft in die Hand nehmen und versuchen werden, das Rennen zu kontrollieren. Allerdings stehen pro Mannschaft nur sechs Fahrer am Start, und wenn man den Leader in seinen Reihen hat, stehen nur noch fünf Fahrer zur Verfügung, die kontrollieren können. Das wird nicht leicht.

Hatten Sie auch Einfluss auf die Auswahl der Teams?

Wegmann: Nein, das hat die ASO (Veranstalter der Tour de France und der Deutschland-Tour, Anm. d. Red,) gemacht. Aber ich war ja im Sommer auch in Frankreich bei der Tour und da haben mich die Sportlichen Leiter der Teams schon angesprochen und gefragt, wie ist die Strecke, was soll ich für Fahrer schicken? Bei etablierten Rennen weiß man ja schon vorher ungefähr wie es abläuft. Aber die Deutschland-Tour ist ein neues Rennen, da gibt es keine Erfahrungswerte, wie gefahren wird. Das macht es zusätzlich spannend.

Wer sind Ihre Favoriten auf den Gesamtsieg?

Wegmann: Ich bin sehr gespannt auf Pascal Ackermann. Der ist jede Etappe abgefahren, hat sich das ganz genau angeguckt und ist in Bombenform. Sein deutscher Meistertitel war kein Zufall. Und er kommt gut über die Hügel. Auch André Greipel kann das, aber bei ihm muss man sehen, in welcher körperlicher Verfassung er nach der Tour ist. Für Marcel Kittel wird es dagegen zu schwer sein. Maximilan Schachmann ist ebenfalls sehr stark. Er hat sich bei Quick Step Floors einen guten Platz erarbeitet und darf auch mal für sich fahren, was in einem solchen Team schon etwas heißt. Und dann natürlich Tom Dumoulin, der kann so was auch. Sein Team Sunweb fährt mit deutscher Lizenz, deswegen ist das Rennen wichtig für die Mannschaft. Allerdings hat er den Giro d'Italia und die Tour in den Beinen, da muss man abwarten, wie gut die Form noch ist.

Die Deutschland-Tour kehrt nach zehn Jahren zurück auf die Radsport-Bühne, die sie nach der bisher letzten Ausgabe 2008 auch wegen all der Dopingskandale verlassen musste. Was glauben Sie, wie das Rennen vom Publikum angenommen wird?

Wegmann: Ich hoffe auf eine große Akzeptanz. Beim Start der Tour de France im vergangenen Jahr in Düsseldorf hat man gesehen, dass der Zuspruch für den Radsport da ist. Es stehen einige Stars am Start. Und wenn das Wetter mitspielt, werden wir hoffentlich viele Zuschauer an der Strecke sehen.

Und welche Etappe hätte sich der Radprofi Fabian Wegmann ausgeguckt?

Die letzten drei (lacht).

Die Fragen stellte Michael Ostermann

Stand: 20.08.2018, 08:45

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