Team Bora-hansgrohe: Hemdsärmelig in die Weltspitze

Bora-hansgrohe: Macher Denk mit Mut nach oben Sportschau 30.08.2019 03:21 Min. Verfügbar bis 30.08.2020 ARD

Startschuss vor zehn Jahren

Team Bora-hansgrohe: Hemdsärmelig in die Weltspitze

Von Michael Ostermann (Göttingen)

Ralph Denk hat seine Radsport-Equipe binnen zehn Jahren von einem drittklassigen Continental-Team zum Top-Team in der World Tour geformt. Als er begann, wurde Denk belächelt. Heute nimmt man ihn auch ernst, wenn er den Gewinn der Tour de France als Ziel ausgibt.

Man sieht Ralph Denk in diesen Tagen bei der Deutschland-Tour viel Lächeln, manchmal sogar herzhaft lachen. Etwa bei der Teampräsentation am vergangenen Mittwoch (28.08.2019) in Hannover, wo er hinter der Bühne an einer Mauer lehnte und mit der Pressechefin der Rundfahrt scherzte. Oder in Halberstadt, wo Denk den 44. Saisonsieg seiner Equipe miterlebte, als Pascal Ackermann die erste Etappe überlegen im Sprint gewann .

Start in einer Villa in der Schweiz

Denk, 45, aus Raubling in Oberbayern, hat allen Grund, gut gelaut zu sein. Ein bisschen ist das ja auch sein Verdienst, dass sehr viele prominente Radprofis vier Tage durch das deutsche Mittelgebirge entlang der einstigen innerdeutschen Grenze radeln. "Unsere Arbeit hat 50 Prozent dazu beigetragen", schätzt er selbst. Die andere Hälfte sei dem Tour-de-France-Veranstalter ASO zuzuschreiben, die das Rennen im vergangenen Jahr wiederbelebt hat.

Der Anteil, den er sich selbst auf die Fahnen schreibt, hat mit seinem Radsport-Team zu tun, das er von Raubling aus von einem kleinen Continental-Team zu einem der weltbesten Mannschaften des Radsports formte. Vor zehn Jahren, im September 2009, stellte Denk sein Projekt erstmals der Öffentlichkeit vor. Am Rande der Straßenrad- WM in Mendrisio in der Schweiz präsentierte er in einer mondänen Villa oberhalb des Luganer Sees das Team NetApp und kündigte an, es von der dritten Liga schon bald ins Oberhaus des Radsports führen zu wollen, das damals noch Pro Tour hieß und heute den Namen World Tour trägt.

Nicht wenige hielten das damals für ein waghalsiges wenn nicht gar komplett verrücktes Unterfangen. Der Radsport steckte in dieser Zeit bis zum Hals im Dopingsumpf. Der Fuentes-Skandal hatte drei Jahre zuvor die Helden des deutschen Radsportbooms um Jan Ullrich und Erik Zabel als Betrüger enttarnt. Ein Dopingskandal jagte den nächsten. Radrennen wie die Deutschland-Tour wurden eingestellt, weil Publikum und Sponsoren sich angewidert abwandten.

Mit Euphorie einige Watsch'n kassiert

Aber Denk war sicher, dass er sein Projekt dennoch zum Erfolg führen würde. Mut und Durchhaltevermögen seien dafür nötig gewesen, sagt er zehn Jahre später. "Natürlich haben wir auch unsere Watsch'n gekriegt. Wir sind mit viel Euphorie in Sponsorengespräche gegangen und genau mit dem Schwung auch wieder wieder rausgeflogen", erinnert sich Denk. Beim Thema Doping habe er sich stets auf sein Bauchgefühl verlassen bei der Verpflichtung neuer Fahrer, sagt Denk. Ältere Fahrer aus der belasteten Ära habe er in der Regel nicht in sein Team geholt. Mit Ausnahme von Marcus Burghardt, 36, der seit 2004 Profi ist, dem Denk aber vertraut.

Ralph Denk - "Doping kann man nie ausschließen" Sportschau 29.08.2019 01:24 Min. Verfügbar bis 29.08.2020 Das Erste

"Da haben wir ein ganz gutes Händchen gehabt", findet Denk. Einen Dopingfall gab es jedoch in den zehn Jahren auch in seinem Team. Im Frühjahr 2016 wurde Ralf Matzka positiv auf die verbotene Substanz Tamoxifen getestet und von der UCI für zwei Jahre gesperrt. Und auch mit den Altlasten des Radsports hat Denk seine Erfahrungen gemacht. Als sein ehemaliger Sportlicher Leiter Jens Heppner 2013 bei Nachtests von Dopingproben der Tour de France 1998 EPO-Doping nachgewiesen wurde, blieb Denk nichts anderes übrig, als sich von dem Mann zu trennen, mit dem er das Projekt 2009 gestartet hatte.

Der Coup mit Sagan

Drei Jahre sollte der Aufstieg nach ganz oben ursprünglich dauern, das war der öffentlich verkündete Plan damals. Es dauerte dann sieben Jahre. Und es war kein gerader Weg dorthin. Als Denk für die Saison 2015 den damals hoffnungsvollsten deutsche Rundfahrer Dominik Nerz in sein Team holte und ankündigte, das dieser bei der Tour de France unter die Top-10-Fahren solle, ging die Sache bedrohlich schief. Nerz kam mit der Erwartungshaltung nicht klar, wurde magersüchtig, stürzte mehrfach schwer und musst seine Karriere schließlich physisch und psychisch ausgelaugt beenden.

Denk und sein Team waren da aber schon dabei, den letzten Schritt in die World Tour zu machen. Mit einem Paukenschlag: Anfang August 2016 verkündete Denk die Verpflichtung des größten Stars, den der Radsport zu bieten hat: Peter Sagan. "Das war unser Eintritt in die erste Liga", sagt Denk. Und ein Coup, der die gesamte Szene überraschte: "Viele haben gesagt, jetzt übertreiben sie. Ist das nicht zu schnell? Aber es war genau richtig, weil jeder bei uns wusste, jetzt muss auch ich weltmeisterliche Leistungen bringen, sonst bin ich hier nicht mehr mit dabei."

Ralph Denk zur Sagan-Verpflichtung - "Wenn die Chance da ist, versucht es" Sportschau 29.08.2019 01:46 Min. Verfügbar bis 29.08.2020 Das Erste

Junge Fahrer in die Weltspitze geführt

Mit Sagans Verpflichtung wuchs auch das Personal von knapp 40 auf um die 100 Mitarbeiter, die heute bei der Ralph Denk Pro Cycling GmbH angestellt sind. Seitdem spielt der Oberbayer aus dem beschaulichen Raubling mit den Großen mit, aber das nicht nur wegen Sagan.

Der dreimalige Weltmeister sorgte zwar gleich in seinem ersten Jahr bei Bora-hansgrohe für den ersten Tour-de-France-Etappensieg des Teams und gewann 2017 den Klassiker Paris-Roubaix im Trikot der deutschen Mannschaft. Aber in seinem Windschatten hat Denk nicht versäumt, selbst Fahrer auszubilden und in Richtung Weltspitze zu führen.

Von den 44 Siegen, die das Team in dieser Saison bereits eingefahren hat, gehen lediglich fünf auf das Konto von Sagan. Die Mannschaft ist breit aufgestellt: Mit Pascal Ackermann und dem Iren Sam Benett hat Denks Team zwei Weltklasse-Sprinter in seinen Reihen, die er selbst aufgebaut hat. Maximilian Schachmann gelang in seinem ersten Jahr in Denks Mannschaft ein fantastisches Frühjahr, mit drei Etappensiegen bei der Baskenland-Rundfahrt und einer Podiumsplatzierung beim Frühjahrsklassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich.

Neue Herausforderungen

Emanuel Buchmann ist seit diesem Sommer das prominenteste Beispiel für die Entwicklung von Talenten, die Denk selbst in den Profiradsport geholt hat. Seit 2015 fährt Buchmann für Denks Team und nun hat er die Tour de France im Juli als Vierter beendet. Das Podium in Paris verpasste er nur um 25 Sekunden. Ein toller Auftritt. "Das ist emotional was anderes, als wenn Peter (Sagan, Anm. d. Red.) seine 13. Touretappe gewinnt", sagt Denk.

Ralph Denk - "Ein Eigengewächs als Sieger ist was Besonderes" Sportschau 29.08.2019 01:09 Min. Verfügbar bis 29.08.2020 Das Erste

Mit dem Höhenflug seiner Equipe steht Denk nun aber vor neuen Aufgaben. Er muss die vielen Aufsteiger und den Superstar Sagan bei Laune halten. Pascal Ackermann etwa hat beim Start der Deutschland-Tour in Hannover schon angekündigt, dass er im kommenden Jahr gerne bei der Tour de France starten würde. Das aber kollidiert mit den Interessen von Emanuel Buchmann, der sich mehr Helfer an seiner Seite wünscht, um es im kommenden Jahr vielleicht aufs Podium zu schaffen. Und dann ist da natürlich noch Peter Sagan.

Gelbes Trikot das nächste Ziel

"Das wird eine große Herausforderung", sagt Denk. Aber er ist sicher, dass er auch dieses Problem mit dem in seinem Team verankerten Stil lösen wird, den Denk selbst als "hemdsärmelig und menschlich" beschreibt. "Es ist für mich wahnsinnig wichtig, dass man sagen darf, was man den denkt, aber mir ist auch wichtig, dass man kommuniziert, wenn die Tür zu ist und nicht öffentlich", sagt Denk.

In der Weltrangliste wird Bora-hansgrohe derzeit als zweitbestes Team der Welt hinter der belgischen Mannschaft Deceuninck-Quick Step und noch vor der britischen Equipe Ineos um Toursieger Egan Bernal geführt. Denk erfüllt der Aufstieg in Spitze binnen zehn Jahren sichtbar mit Stolz, aber er gibt sich damit nicht zufrieden.

Was ihm noch fehlt, ist ein Leader-Trikot bei einer der drei großen Landesrundfahrten am liebsten bei der Tour de France. "Das Gelbe Trikot steht einfach über allem und darum wäre es mir auch so wichtig, es mit unserer Mannschaft nach Paris zu bringen", sagt Denk: "Das ist ein Traum von mir und ein Ziel." Für verrückt hält diese Ambition inzwischen niemand mehr.

Stand: 29.08.2019, 14:49

Darstellung: