Deutschland Tour - Gesamtsieger Stuyven hat die nötige Aggressivität

Jasper Styuven trinkt Bier

Belgier gewinnt, Veranstalter zufrieden

Deutschland Tour - Gesamtsieger Stuyven hat die nötige Aggressivität

Von Michael Ostermann (Erfurt)

Der Belgier Jasper Stuyven gewinnt die zweite Auflage der Deutschland Tour. Dass ein Klassiker-Spezialist als Sieger der Rundfahrt hervorgeht, ist kein Zufall. Die Veranstalter versuchen, eine aggressive Fahrweise zu belohnen und das Rennen so für das Publikum attraktiv zu machen - mit Erfolg.

Der letzte Etappensieger der Deutschland Tour 2019 verabschiedete sich mit einem beherzten "Auf Wiedersehen". Sonny Colbrelli verließ das Congress Center in Erfurt mehr als zufrieden. Zum Schluss hatte es dann doch noch geklappt mit dem Etappensieg. Zwei Mal war er zuvor nah dran gewesen. Die zweite Etappe hatte Colbrelli als Zweiter beendet, die dritte Etappe als Dritter.

Erster Rundfahrt-Sieg für Stuyven

In Erfurt nun hatte der Italiener den Sprint einer 22 Fahrer starken Gruppe gewonnen. Dafür wurde der 29-Jährige nicht nur mit dem Tagessieg belohnt, sondern auch mit dem Grünen Trikot des besten Sprinters. Zum Gesamtsieg fehlten ihm lediglich drei Sekunden. Aber auf das Rote Trikot hatte der Profi vom Team Bahrain-Merida ohnehin nicht spekuliert. "Es ging heute nur um den Etappensieg", sagte Colbrelli.

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Tatsächlich hätte Colbrelli die Deutschland Tour nur gewinnen können, wenn er mehr als die zehn Bonussekunden für den Etappensieg eingesammelt hätte. So aber konnte der Belgier Jasper Stuyven, der am Vortag das Rote Trikot in Eisenach übernommen hatte, die Gesamtführung verteidigen. "Das ist das erste Etappenrennen, das ich gewonnen habe, deshalb ist das ein einmaliges Gefühl", sagte Stuyven. Der 27 Jahre alte Radprofi vom Team Trek-Segafredo ist eigentlich ein Spezialist für die Eintagesklassiker. Auch eine Etappe der Spanien-Rundfahrt hat er schon gewonnen. Dass Stuyven seiner Bilanz nun den Gesamtsieg der Deutschland Tour hinzufügen konnte, hat auch mit dem speziellen Profil der Rundfahrt zu tun.

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Radsport in all seine Facetten

Streckenchef Fabian Wegmann hat nun schon zum zweiten Mal einen Kurs kreiert, bei dem jede der vier Etappen eine offensive Fahrweise ermöglicht. Lediglich die erste Etappe war prädestiniert für einen Massensprint, den es dann in Halberstadt auch gab. Der Parcours lockte Fahrer wie Stuyven nach Deutschland, die solche Strecken mögen. "Als ich im letzten Jahr von anderen Fahrern gehört habe, wie hier Rennen gefahren wird, nicht so kontrolliert, sondern offensiv, wollte ich unbedingt hierherkommen. Und meine Erwartungen haben sich bestätigt", erzählte Stuyven.

So etwas hören Wegmann und der Chef der Deutschland Tour Claude Rach natürlich gerne. Ihr Ziel ist es ja, dem deutschen Publikum den Radsport in all seinen Facetten näher zu bringen. Die Rundfahrt ist auch eine Art pädagogisches Programm, den skeptischen Deutschen zu zeigen, dass der Sport mehr sein kann als das, was die Tour de France im Juli bietet. "Es ist uns wichtig, den deutschen Fans zu zeigen, wie toll der Radsport sein kann", sagte der Luxemburger Rach.

Offensive Fahrweise

Gleichzeitig fürchteten die Veranstalter, dass die Anziehungskraft der neuen Deutschland Tour nach der erfolgreichen Wiederbelebung im vergangenen Jahr das Rennen ersticken könnte. Gleich 15 World-Tour-Teams hatten sich für das Rennen angemeldet, das die UCI in der Klasse 2. HC einsortiert hat, eine Stufe unter der World-Tour, in dem die Top-Rennen gelistet sind. Die Top-Mannschaften hatten zudem auch prominente Fahrer nach Deutschland geschickt. "Wir hatten das mit Abstand beste Starterfeld für ein HC-Rennen weltweit", sagte Rach nicht ohne Stolz.

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Aber bei aller Freude über die illustren Gäste hätte die Besetzung auch dazu führen können, dass die Etappen kontrollierter gefahren werden. Zumal die Strecke ingesamt auch etwas weniger Höhenmeter aufwies als im Vorjahr. Bei der Sitzung der Sportlichen Leiter im Vorfeld der Rundfahrt hatten Wegmann und Rach deshalb darum gebeten, ihre Profis zu einer aggressiven Taktik zu animieren. "Das haben die Fahrer toll umgesetzt", konnte Rach deshalb erleichtert feststellen.

Konzept soll beibehalten werden

Die Deutschland Tour hat nun also zum zweiten Mal seit dem Neustart packenden Sport geboten. Und auch wieder attraktive Bilder von den Landschaften, durch die sich das Rennen bewegte. Der Radsport ist ja immer auch Werbung für die Gegenden, die er zu seinem Stadion macht. Das spricht sich rum. Hatten die Organisatoren vor dem Neubeginn im vergangenen Jahr Probleme gehabt, Bürgermeister und Kommunen davon zu überzeugen, sich als Etappenort zu bewerben, führt Rach nach eigenen Angaben bereits Gespräche mit potenziellen Bewerbern für 2020 und 2021. "Die Entwicklung passt", meint Rach.

Sportlich wird sich zunächst nichts ändern. Es sollen auch im kommenden Jahr nur vier Etappen werden. "Der Wert der Rundfahrt lässt sich nicht an der Zahl der Renntage messen", sagt Rach. Allenfalls ein Prolog am Vorabend der Tour scheint als nächster Schritt denkbar. Rach hat es gefallen, dass zumindest einige Starter der Deutschland Tour nach der Teampräsentation in Hannover am tradtionellen Kriterium "Nacht von Hannover" teilgenommen hatten. "Das ist sicherlich eine Überlegung", erklärte er.

Geschke bester Deutscher

Für die deutschen Radprofis ist es unterdessen nach wie vor etwas besonderes, sich dem deutschen Publikum zu präsentieren. Auch wenn sie diesmal sportlich nicht die Rolle spielten wie im vergangenen Jahr. Pascal Ackermann gelang zum Auftakt ein Etappensieg, aber im Kampf um das Gesamtklassement spielten sie keine Rolle. Nils Politt, der als Klassikerspezialist die besten Chancen gehabt hätte, landete am Ende auf Rang 20.

So war Simon Geschke als Zwölfter der beste deutsche Profi in der Endabrechnung. Eine Sekunde fehlte ihm auf einen Platz in den Top Ten. "Ich habe ein bisschen bereut, dass ich am ersten Tag nicht aggressiv genug war, da waren die Bonussekunden am leichtesten zu holen", sagte Geschke: "Ist notiert für das nächste Jahr." Offensive, das wissen nun alle, ist der Schlüssel zum Erfolg bei der Deutschland Tour.

Stand: 01.09.2019, 18:09

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