"Eine Frage von Wochen" - Reitschulen kämpfen um ihre Existenz

Eine junge Frau reitet am 23.06.2017 auf einem Reiterhof in Witzhave (Schleswig-Holstein) ihr Pferd

Auswirkungen der Corona-Krise

"Eine Frage von Wochen" - Reitschulen kämpfen um ihre Existenz

In dieser Woche ist der CHIO, das größte Reitturnier der Welt, der Coronakrise zum Opfer fallen. Besonders die Basis des Reitsports ist betroffen - finanziell wie emotional. In Deutschland gibt es 11.500 Reitschulen oder Pferdebetriebe mit fast 700.000 Mitgliedern. Sehr eingeschränkt ist die Versorgung der Pferde erlaubt. Vor allem sind keine Reitstunden oder Turniere möglich. Thomas Ungruhe von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung schildert die teils dramatische Situation auf den Reiterhöfen.

Thomas Ungruhe, Sie leiten den Bereich Vereine und Breitensport bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung - dem bundesweiten Dachverband für Reitschulen, Reiterhöfen oder Reitsportvereinen. Wie viele Nachfragen oder auch Hilferufe sind bei Ihnen seit Beginn der Coronakrise gelandet?

Wir haben in den letzten Wochen weit über 6000 Mail-Anfragen bekommen. Auch am Telefon ist es sehr intensiv, weil es um das Verständnis der Regeln geht und um die praktische Umsetzung. Jedes Mal, wenn Dinge sich ändern, fragen die Vereine und Betriebe "Was heißt das für uns im Einzelnen?" Und wir reagieren sehr schnell und versuchen, vor allem über unsere FAQ die Informationen weiterzugeben.

Im Reitsport fallen nicht nur die Spitzensportveranstaltungen der Corona-Krise zum Opfer

Sportschau 24.04.2020 05:52 Min. Verfügbar bis 24.04.2021 ARD

Gibt es auch wirklich dramatische Fälle, in denen Vereine um die Existenz kämpfen?

Das tun vor allem die Reitschulen. Die sind seit Mitte März mit ihren Einnahmen auf Null. Und die leben absolut von der Substanz. Einige sagen: Wir halten es nur noch vier Wochen durch, dann sind wir pleite. Und das ist ganz dramatisch, weil die Kosten weiterlaufen und die Reitschulen auch am Kostenapparat nichts schrauben können. Die Pferde sind da, müssen gefüttert, versorgt und bewegt werden. Das ist für uns das ganz große Sorgenkind. Bundesweit haben wir nahezu 6.500 Reitschulen, die ungefähr 65.000 Schulpferde haben. Das sind schon eklatante Zahlen.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass es ab dem 4. Mai Lockerungen für den Pferdesport gibt, der ja Teil des Freizeitsports ist? In Schleswig-Holstein beispielsweise gibt es Gedankenspiele, Reitstunden in der Halle unter Einhaltung des Mindestabstands zu ermöglichen.

Ehrlich gesagt: Da setzen wir sogar drauf. Wir sind eine Natur- und Individualsportart, und so können wir wirklich Sicherheitsabstand und alles, was damit einhergeht, organisatorisch gut darstellen. Wir haben für die Vereine und Betriebe ein Merkblatt für die Wiederaufnahme des Reitunterrichts am Tag X konzipiert. Wir sind solidarisch, und wir sind ein Teil der Gesellschaft und wollen uns dieser Verantwortung auch sehr bewusst stellen. Wir haben in diesem Papier Dinge festgehalten, die die Reitschulen für den Wiedereinstieg aufwändig vorbereiten müssen. Wir sagen aber auch: Ihr müsst die Hygienemaßnahmen auch im Stallbereich organisieren.

In Deutschland gibt es insgesamt unglaublich viele Reitschulen und Reiterhöfe - in den Landesverbänden sind es 11.500 Betriebe mit 690.000 Mitgliedern. Glauben Sie, dass wir nach dieser Krise noch über die gleiche Zahl reden? Oder werden es einige nicht schaffen?

Wir kämpfen darum, dass wir in gleicher Form auch weitermachen können, gerade im Basis- und Breitensportbereich. Das hängt aber als Dreh- und Angelpunkt an den Reitschulen. Die müssen jetzt ihre Schulpferde halten. Die Pferde sind ja gewissermaßen Profis: Sie sind trainiert, sind für den Anfängerbereich speziell ausgebildet.

Das ist eine ganz enge emotionale Bindung. Es sind unsere Partner im Sport, im Basis-Bereich. Und da kämpfen wir darum, dass wir die halten. Doch die Existenzfragen stellen sich wirklich, denn einige sagen sich: Ich kann nur noch ein paar Wochen, dann muss ich mich von meinem Herzblut trennen. Man kann sich vorstellen, was da emotional gerade in den Reitställen abgeht.

Nicht wenige Reit- oder Voltigierschulen müssen die Mitgliedsbeiträge aktuell weiter einziehen, obwohl sie keinen Unterricht geben können. Wie groß ist die Solidarität aktuell auf den Reiterhöfen? Welche Rückmeldungen bekommen Sie da?

Das ist für uns ein ganz starkes Fundament. Die Vereine als gemeinnützige Organisationen haben ja gar keine Rücklagen. Die sind - salopp gesagt - doppelt gekniffen. Weil sie ohne wirtschaftliche Gewinnorientierung leben. Und da leben sie von der Solidarität und davon, dass die Leute sagen: Okay, wir zahlen unsere Mitgliedsbeiträge weiter. Ein Stück weit zahlen wir auch einen Solidarbeitrag, damit es irgendwie noch weitergehen kann. Wir sind stolz, dass die gelebte "Solidargemeinschaft Verein" auch funktioniert.

Das Interview führte Marc Eschweiler.

Stand: 24.04.2020, 21:30

Darstellung: