Ulf Mehrens: "Rollstuhlbasketball wird in Tokio stattfinden"

Ulf Mehrens

Paralympics Tokio 2020

Ulf Mehrens: "Rollstuhlbasketball wird in Tokio stattfinden"

Ulf Mehrens ist Präsident des Weltverbandes IWBF und Vorsitzender des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes. Trotz der aktuellen Unsicherheit setzt der 63-Jährige auf einen Dialog mit dem IPC und den Rollstuhlbasketball in Tokio.

Frage: Wie ist der offizielle Stand der Dinge?

Ulf Mehrens: "Der Stand der Dinge ist unschön. Wir haben seit 2015 einen Dialog mit dem Klassifizierungskomitee des IPC, um das Wording im Bereich der Klassifizierung anzupassen. 2016 haben alle gejubelt - Rio ist top gewesen. Die Basketballer haben bei den Paralympics eine Hauptrolle gespielt und wir hatten guten Kontakt zueinander. Vor kurzem gab es die Entscheidung vom IPC, dass wir einen Aktionsplan vorzulegen haben, um möglicherweise unsere Klassifizierung dem IPC-Code anzupassen. Wir haben eine andere Philosophie, nämlich dass wir Menschen, die keinen Basketballsport im Stehen mehr ausüben können, bei uns integrieren. Das heißt, wir leben seit langem Inklusion, lange bevor es das Wort gegeben hat. Das hat uns hohe Akzeptanz gebracht, nur leider nicht beim IPC. Vor wenigen Wochen gab es die Maximalstrafe, dass wir sämtliche Spieler zu überprüfen haben. Ansonsten wäre Tokio und auch Paris gefährdet."

Schwingt ein Vorwurf des IPC mit, dass Sie Menschen mitnehmen, die nicht behindert sind?

"Das kann man so interpretieren. Dieses Klassifizierungssystem ist erfunden worden von Sir Philip Craven, der sich dafür stark gemacht hat, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam im Sport agieren können."

Wie gehen Sie mit der Entscheidung um?

"Wir versuchen zu retten, was zu retten ist. Wir überprüfen derzeit von zwölf Herren- und zehn Damen-Teams, die sich für Tokio qualifiziert haben, die 4,0- und 4,5-Punkte-Spieler nach unserem Dünken. Wir gehen auf die Nationen zu und sammeln medizinische Daten ein, um zu beweisen, dass dieser Mensch eine permanente Einschränkung hat. Was noch nicht geklärt ist: Ein Mensch, der durch das Raster fällt, muss ja eine Beschwerdemöglichkeit haben. Da ist das IPC aufgefordert, das zu tun. Da gibt es intern derzeit noch technische Diskussionen."

Ist das IPC auf Sie zugekommen und hat eine Vorwarnung gegeben?

"In der Konsequenz nicht. Ich habe vor kurzem noch Spielerinnen und Spielern Entwarnung gegeben. Wir sind ja auch nicht die Einzigen, die in der Diskussion sind. Das ist Rollstuhl-Tennis für die Paralympics genauso. Denen hat man jetzt einen Freibrief erteilt und gesagt, ihr macht Tokio ganz in Ruhe mit dem Klassifizierungssystem, das ihr habt. Danach habt ihr vier Jahre Zeit, um Dialoge zu führen. Ich bin davon ausgegangen, dass für Tokio nichts in Gefahr ist. Nun ist es anders gekommen - ohne dass über das System als solches diskutiert worden ist. Nach wie vor ist Rollstuhlbasketball das Highlight der Paralympischen Spiele. Und es wäre fatal, wenn es nicht mehr so sein würde."

Was sagen Sie den Spielern, die sich jetzt einer Prüfung stellen müssen?

"Das muss akzeptiert werden. Es geht nicht darum, nach Schuldigen zu suchen. Es ist eine Entscheidung getroffen worden, der wir nachkommen müssen. Wir haben das akzeptiert, wobei wir auch rechtlich prüfen lassen müssen, ob das zum jetzigen Zeitpunkt so gemacht werden kann oder nicht. Auf der ganzen Welt sind schon letztes Jahr Qualifikationsturniere gespielt worden. Die Mannschaften sind unter dem alten Klassifizierungssystem angetreten. Wenn wir Spieler herausnehmen müssen, gibt es sportlich völlig neue Verhältnisse. Ich kann nur empfehlen, kooperativ zu sein. Es gibt Nationen wie Kanada, England oder Deutschland, die eine hohe Wirtschaftlichkeit erzeugt haben. Die haben Sponsoren, die auch fragen, warum seid ihr bei den Highlights möglicherweise nicht dabei?"

Wie schätzen Sie die Entwicklung in den nächsten Monaten ein?

"Wir werden hoffentlich alle 4,0- und 4,5-Punkte-Spieler bestätigen können. Wir werden Tokio spielen - Rollstuhlbasketball wird in Tokio stattfinden. Und wir werden uns weiter intensiv mit den IPC-Gremien auseinandersetzen. Nach Tokio werden wir sämtliche Spieler weltweit neu klassifizieren müssen. Dabei reden wir von 95.000 Sportlern auf der Welt. Da ist kein kleiner Kuchen."

Gibt es einen Plan B, wenn sich die Vorstellungen des Rollstuhlbasketball-Weltverbandes und des IPC nicht vereinbaren lassen?

"Das IPC hält die Rechte an den Paralympics und kann entsprechend Vorgaben machen. Das will aber keiner. Wir werden weiterhin einen Dialog führen und müssen uns unterhalten, ob man mit inklusiven Bemühungen in die Paralympics hineingeht. Das wird in Kürze jedoch nicht dazu führen, dass Nichtbehinderte teilnehmen können. Im nationalen Spielbetrieb beim Rollstuhlbasketball ist das ja möglich - international wird das nicht gehen."

Vielen Dank für das Gespräch.

Thema in: ARD-Mittagsmagazin, 12.02.2020

jmö/fth | Stand: 12.02.2020, 20:45

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