Wie Para-Sportler Shugaa Nashwan für den Jemen kämpft

Shugaa Nashwan (r.) beim Sportfest im Jemen

Sehbehinderter Parasportler setzt sich für seine Heimat Jemen ein

Wie Para-Sportler Shugaa Nashwan für den Jemen kämpft

Von Olaf Jansen

Eigentlich hätte Shugaa Nashwan in diesen Tagen bei den Paralympics für Deutschland auf der Judomatte gestanden. Stattdessen reiste der blinde Athlet für ein Hilfsprojekt in seine Heimat Jemen.

Als Shugaa Nashwan Mitte August sein Heimatland Jemen wieder in Richtung Deutschland verlässt, ist dem 22-Jährigen eine Sache klar: "Ich werde das Leid der Menschen dort nicht vergessen. Werde versuchen, über meinen Sport irgendwie mitzuhelfen, damit dort irgendwann Frieden einkehrt."

Vier Wochen hatte der Judoka, der seit seiner Kindheit in Deutschland lebt, im Jemen verbracht. Eigentlich hätte der fast blinde Sportler in dieser Zeit für Deutschland bei den Paralympics in Tokio starten sollen, doch die Coronakrise machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Plötzlich hatte Nashwan im August mehr Zeit und nutzte sie für ein weiteres Abenteuer in seinem Leben.

"Gott hat meine Augen zu klein gemacht"

Eine Netzhauterkrankung lässt den Sportler seit der Kindheit nur noch Schemen erkennen. "Der liebe Gott hat meine Augen zu klein gemacht", so hat er sich seine Behinderung in der KIndheit erklärt.

Statt zu den Spielen nach Tokio reiste Nashwan gemeinsam mit seinem Vater, seinem Bruder und der Schwester zu dem Ort der eigenen Wurzeln, um sich selbst ein Bild von der Lage im Jemen zu machen. "Das Elend, das wir dann gesehen haben, hat meine schlimmsten Erwartungen noch einmal übertroffen", sagt er: "Kaum hatten wir mit dem Auto mal irgendwo angehalten, waren wir im Nu von mehreren Dutzend Bedürftigen umzingelt, die uns um irgendetwas Essbares angebettelt haben."

Jemen - brutaler Bürgerkrieg sorgt für Elend

Seit vielen Jahren ist der Jemen von einem brutalen Bürgerkrieg gezeichnet. Radikale Huthi-Rebellen liefern sich blutige Kämpfe mit von Saudi-Arabien unterstützten Milizen. Opfer sind die Bürger des Landes, die während der jahrelangen Auseinandersetzungen in einem Klima von Hunger und Gewalt leben. Für den Großteil der Bevölkerung geht es Tag für Tag ums blanke Überleben. Vor allem in der von den Huthis kontrollierten Hauptstadt Sanaa sind die Lebensbedingungen kaum noch menschenwürdig.

Nashwan verließ Sanaa im Alter von fünf Jahren. Mit der Familie lebte er zunächst in Wiesbaden, ehe er auf der Blindenstudienanstalt in Marburg sein Abitur machte. Sport ist - trotz seiner Einschränkungen - sein liebstes Hobby. Er probiert vieles aus. "Ich bin geritten, war im Rhönrad, im Ruderboot, habe getanzt. Auch im Taekwondo habe ich mich ausprobiert. Da meine Augenkrankheit aber immer schlechter wurde, gingen so Sachen wie Fußball irgendwann nicht mehr", erklärt er.

Judo funktioniert trotz Sehbehinderung

Nashwan merkte, dass Judo sehr gut funktioniert. Kraft-Elemente wie beim Rudern findet er wieder, Schnelligkeit wie in der Leichtathletik ist gefragt, auch Techniken, die er vom Tanzen kennt. "Jeder will im Judo seinen eigenen Tanzstil durchbringen und beide wollen führen. Das hat schon Ähnlichkeiten", sagt er. Seit 2010 geht Nashwan den Judosport leistungsorientiert an, schiebt alles andere nach hinten - mit Erfolg. Er wird entdeckt und gefördert, 2017 gelingt ihm als EM-Dritter in Wolverhampton mit 19 Jahren ein erster großer Erfolg. Schließlich qualifiziert er sich für Tokio 2020. Woraus nun nichts geworden ist. Stattdessen geht’s in den Jemen.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Schon Nashwans Anreise ist abenteuerlich. Weil der Flughafen von Sanaa für Zivilflugzeuge gesperrt ist, geht es über die Hafenstadt Aden und einer anschließenden 17-stündigen Autofahrt weiter nach Sanaa. "Das ging aber auch nur, weil sich unser Fahrer sehr gut auskannte und neben sich einen dicken Briefumschlag mit Bargeld hatte, aus dem er an den vielen bewaffneten Straßensperren immer wieder Schmiergelder als 'Zollgebühren' bezahlen konnte", berichtet er.

Angst vor Entführung

Nashwan beim Sportfest im Jemen

Hoffnungsschimmer - ein Sportfest für Kinder

In Sanaa angekommen, wohnt der Sportler bei Familienangehörigen, darf das Haus aber keinesfalls ungeschützt verlassen - aus Angst vor einer Entführung und anschließenden Lösegeldforderungen. Dabei hat Nashwan durchaus einiges in der Stadt zu erledigen, denn er ist keineswegs nur zum Sightseeing in den Jemen gekommen. Gemeinsam mit dem jemenitischen Judoka Ali Khousrof organisiert er für einige Kinder und Jugendliche eine Art "Mini-Olympiade", um für einen sportlichen Lichtblick im sonst dunklen jemenitischen Alltag zu sorgen.

Marschmusik beim Sportfest

Khousrof und Nashwan organisieren eine Halle, sorgen für den Transport der Kinder und verteilen gedruckte Friedensfähnchen an die Kids, die so etwas wie Freiheit demonstrieren sollen. Wie schwierig genau das aber unter der ständigen Kontrolle der Huthi-Rebellen ist, wird auch deutlich, als eben jene Friedensfähnchen nach wenigen Stunden konfisziert werden. Auch sind Nashwan und seine Leute gezwungen, zwischenzeitlich die militärischen Kampfmärsche der Huthi-Rebellen über ihre Musikanlage laufen zu lassen. "Wir mussten immer wieder diese Kompromisse eingehen, um den Verdacht unerwünschter politischer Einflussnahme von uns zu lenken."

Letztlich ist die Sportveranstaltung ein Erfolg, als Höhepunkt gibt es zum Schluss noch einen Judokampf zwischen Khousrof und Nashwan selbst, der unter das Motto "Kämpfen für den Frieden" gestellt wird. "Damit haben wir unsere Form von Friedensbotschaft gesendet", sagt Nashwan. Mit der vierwöchigen Reise will es Nashwan nun keineswegs bewenden lassen. "Ich werde mich in Zukunft weiter engagieren, um Aufmerksamkeit auf den Jemen zu lenken", kündigt er an. Denn, so findet Nashwan: "Die Menschen im Jemen dürfen einfach nicht in Vergessenheit geraten!"

Stand: 02.09.2020, 06:00

Darstellung: