Die "Goldene Anna" und der tiefe Seufzer

Anna Schaffelhuber zur Parasportlerin des Jahrzehnts gewählt Sportschau 24.11.2020 01:42 Min. Verfügbar bis 24.11.2021 Das Erste

Parasportlerin des Jahrzehnts

Die "Goldene Anna" und der tiefe Seufzer

Von Burkhard Hupe

Fast 20 Jahre stürzte sich Anna Schaffelhuber in einem Monoskibob die steilsten alpinen Hänge der Welt hinunter. Die Fahrt in einem Monoskibob fühlt sich womöglich an, als säße man auf einem Schreibtischstuhl, der auf einen breiten Ski geschraubt wurde. Die Beine stecken in einem engen Schlafsack, und dann geht’s eben hinunter, mit mehr als 100 Stundenkilometern und zwei kurzen, breiten Stützen in den Händen.

Als die letzten Blitzlichter erloschen waren, keine Selfies mehr ausstanden und eigentlich auch schon alles gesagt und gefragt worden war, ging ich zu ihr. Denn so eine Ehrung zur Behindertensportlerin des Jahres ist ja eine große Sache, auch wenn es nicht die erste für Anna Schaffelhuber war. Der Advent 2017 hatte begonnen, und in das Kölner Sport- und Olympiamuseum strich das weiche Licht des nahen Weihnachtsmarktes.

Das strahlende Gesicht der paralympischen Bewegung

Anna saß in ihrem Rollstuhl und wirkte zarter und verletzlicher als ich sie in Erinnerung hatte. Sie lächelte wie immer, auch das letzte Interview des Abends würde sie mit geradem Rücken und erschöpften Augen durchstehen. Sie bedankte sich also, beschrieb, wie es sich anfühlt, wenn man auf nur einem Ski und ohne Gefühl in den Beinen einen steilen Hang hinuntersaust, und sagte dann, dass sie sich auf die Paralympics in Pyeongchang freue.

Es gab keinen Grund, an dieser Vorfreude zu zweifeln. Denn Anna war seit ein paar Jahren das strahlende Gesicht der paralympischen Bewegung. Sie war dauerpräsent. Auf Titelseiten und Plakaten, im Radio und im Fernsehen. Denn sie war ja die "Goldene Anna", die 2014 in Sotchi fünfmal an den Start gegangen war und fünf Mal gewonnen hatte.

Sieben paralympische Goldmedaillen

Vier Monate später hatte Anna Schaffelhuber ihre sechste paralympische Goldmedaille gewonnen. In den welligen Bergen von Pyeongchang in Südkorea war sie die Schnellste im Abfahrtslauf. Abends rollte sie dann zur Siegerehrung auf die Bühne, und als ihr Name in zweifelhaftem Englisch aufgerufen wurde, da riss sie die Arme nach oben, als habe sie gerade erst die Ziellinie durchfahren. Sie sang die Nationalhymne, laut und vernehmlich. Und mittendrin zog sie auf einmal die Schultern nach oben und ließ sie gleich wieder fallen. Begleitet von einem tiefen Seufzer.

Anna Schaffelhuber: "Parasportlerin des Jahrzehnts ist echt wirklich richtig cool"

Sportschau 24.11.2020 00:59 Min. Verfügbar bis 24.11.2021 ARD


Später sagte sie, es sei die schönste alle Goldmedaillen gewesen. Weil sie den großen Erwartungen standgehalten hatte. Diesen enormen Erwartungen, die sie immer wieder eingeholt hatten, die sie durchs Training getrieben hatten. Diesen Erwartungen, die sie noch mehr bedrückten, nachdem sie im Training zur paralympischen Abfahrt gestürzt war.

Sport und Studium als Zerreißprobe

Anna sagt heute, die Zeit zwischen Sotchi und Pyeongchang sei "schwierig gewesen und wirklich nicht schön". Da waren die Vorschusslorbeeren an das Goldmädchen von Sotchi auf der einen, und das Studium, dem sie gerecht werden musste, auf der anderen Seite. Eine Zerreißprobe.

Von alldem hatte ich keine Ahnung, als ich Anna Schaffelhuber im Advent 2017 begegnete und sie nicht mehr fragte, als offensichtlich gefragt werden musste. Denn vom tiefen Seufzer der großen Sportlerin aus Niederbayern hatte ich keinen blassen Schimmer.

Zur Person

Burkhard Hupe

Burkhard Hupe ist seit 20 Jahren ein begeisterter Wegbegleiter des Behindertensports und berichtet seit 2008 von den Paralympischen Spielen. "Die Paralympics sorgen für mich jedes Mal für das große Aufräumen meiner Reporter-Festplatte: Das Überflüssige landet im Papierkorb, das Wesentliche in meiner Erinnerung."

Stand: 23.11.2020, 18:00

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