"Olympische Spiele stecken in einer Vertrauenskrise"

Torsten Schlesinger

Rhein Ruhr City 2032

"Olympische Spiele stecken in einer Vertrauenskrise"

Olympische Spiele stecken in einer Vertrauenskrise und die Ausrichtung der Spiele sind der Bevölkerung nur noch schwer vermittelbar. Torsten Schlesinger, Professor für Sportökonomie an der Ruhr-Universität Bochum, hat zum Thema geforscht.

WDR: Es gibt eine private Initiative, die die Olympischen Spiele 2032 in die Region Rhein/Ruhr holen möchte. Zuletzt haben sich die Menschen in Hamburg und München bei zwei Bürgerbefragungen gegen solche Spiele ausgesprochen. Warum könnte es in NRW anders laufen?

Torsten Schlesinger: Zunächst ist klar festzustellen, dass die Durchführung Olympischer Spiele sowohl in Deutschland aber auch in anderen westlich geprägten Ländern offenbar nur noch schwer vermittelbar scheint. Seit 2013 scheiterten 16 Olympiabewerbungen am Widerstand von Steuerzahlern und Politikern. Die Idee der Ausrichtung Olympischer Spiele steckt in einer Vertrauenskrise. Dennoch sollte dies in einer Sportnation wie Deutschland nicht als Anti-Haltung gegen den Sport oder generell gegen sportliche Großveranstaltungen fehlgedeutet werden. Die in diesem Jahr erfolgreich durchgeführte Handball-WM zeigte ja recht eindrücklich, dass sportliche Großereignisse in Deutschland sehr wohl eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz genießen können. Doch inwiefern eine Bürgerbefragung in NRW tatsächlich anders laufen könnte, kann man mit Gewissheit nicht sagen.

WDR: Warum stehen die Menschen sportlichen Großereignissen dieser Art mittlerweile so skeptisch gegenüber?

Schlesinger: Es sind vor allem Entwicklungen wie die maßlose Kommerzialisierung, Gigantismus, korrupte Sportfunktionäre, Hinterzimmerpolitik oder auch die restriktiven Vertragsbedingungen seitens des IOC für die Austragungsorte, die die Bürgerinnen und Bürger gegenüber den Olympischen Spielen so skeptisch macht. Vor allem die exorbitant steigenden Kosten - bei einem offenbar immer weniger klar erkennbaren Gegennutzen - schrecken die Bevölkerung ab. Und dies aus gutem Grund: Die Winterspiele von Peking im Jahr 2022 könnten die teuersten Spiele aller Zeiten werden, sogar noch teurer als die Winterspiele von Sotschi, die 50 Milliarden Dollar gekostet haben. In Tokio, Gastgeber der Sommerspiele 2020, hat der japanische Rechnungshof die Gesamtkosten jüngst auf 26 Milliarden Dollar geschätzt.

WDR: Was müssten Organisatoren und Funktionäre der Sportverbände leisten, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen?

Schlesinger: In der Tat steht mittlerweile die größte Hürde, die es in einem Bewerbungsprozess zu überspringen gilt, zunächst im eigenen Land. Natürlich lassen sich konkrete Argumente finden, die den Nutzen Olympischer Spiele für die Region Rhein-Ruhr verdeutlichen: Beschleunigung des Strukturwandels insbesondere durch eine Forcierung der ohnehin nötigen Verkehrs- und Infrastrukturmaßnahmen, die Verbesserung überregionaler Vernetzung und damit einhergehend die Nutzung schlummernder Potentiale, mögliche Imagegewinne für die Region usw.

WDR: Worin liegt die größte Skepsis der Bevölkerung?

Schlesinger: Es lassen sich für alle Argumente immer auch Gegenargumente finden: So könnte auch direkt in Infrastruktur investiert werden (nicht nur für oder im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen). Zudem könnten öffentliche Gelder aber auch in andere Bereiche wie Gesundheit, Bildung und Umweltschutz investiert werden. Viele Kommunen in NRW sind bereits verschuldet und haben somit selbst nur wenig Handlungsspielraum. Es muss daher jeweils am konkreten Sachverhalt aufgezeigt werden, welche Verbesserungen sich im Zuge einer Ausrichtung Olympischer Spiele für die jeweilige Kommune und damit für den Einzelnen im Hinblick auf seine unmittelbaren Lebensverhältnisse abzeichnen könnten. Wenn dies glaubhaft gelingt, kann eine Bewerbung deutlich an Akzeptanz gewinnen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern ein vielleicht tragfähiges (mehrheitsfähiges) und nachhaltiges Gesamtkonzept für die Metropolregion Rhein-Ruhr auch noch den Erwartungen und Eigeninteressen des IOC in Bezug auf Attraktivität, Exklusivität und Renditechancen entspricht? Auch hier braucht es weiteres Umdenken und Überzeugungsarbeit. Denn noch nie waren 14 Städte, stellvertretend für eine Region, Gastgeber der Olympischen Spiele.

WDR: In NRW sagt man, 90 Prozent der notwendigen Sportstätten existierten bereits. Es fehle lediglich ein Olympiastadion mit Laufbahn und ein Olympisches Dorf. Ist das realistisch? Würden die notwendigen Investitionen tatsächlich nicht die Kassen der Kommunen belasten?

Schlesinger: Dies mag sein und ist sicherlich eine Stärke der Bewerbung. Dennoch wird es Kosten für Modernisierungen oder Kapazitätserweiterungen bei den Sportstätten geben, um den Forderungen des IOC Rechnung zu tragen. Entscheidend wird vielmehr sein, die Sportstätten in einem nachhaltigen Nutzungskonzept nicht nur exklusiv für den Spitzensport, sondern auch dem Breitensport bereitzustellen. Übrigens: die Kostenaufstellung der Olympischen Spiele in London 2012 hat gezeigt, dass lediglich 10 Prozent der Gesamtausgaben auf die Sportstätten entfielen. Das heißt, es wird gegebenenfalls gar keine zu starke Kostenverringerung durch bestehende Sportstätten möglich sein. Daher sollten andere Kostenreiber wie das Olympische Dorf, ein Olympiapark mit Medienzentrum sowie die Kosten für die Organisation, Verkehrsanbindung oder Sicherheit nicht unterschätzt werden. Auch sogenannte"hidden costs", also versteckte Kosten z.B. für Verkehr (Staus, erhöhtesVerkehrsaufkommen = mehr CO2-Emissionen; Lärm etc.) dürfen nicht vernachlässigt werden.

WDR: Wie könnte eine tragfähige Lösung aussehen?

Schlesinger: Es braucht ein Finanzkonzept, das möglichst ohne oder nur mit vergleichsweise wenig öffentlichen Geldern auskommt, die unmittelbar mit den Spielen im Zusammenhang stehen. Wenn öffentliche Gelder aufgewendet werden, dann sollten diese mit einem unmittelbar erkennbaren Nutzen für das Gemeinwohl einhergehen und dabei gesellschaftlich hochrelevante Zukunftsthemen wie vernetzte Mobilität, Digitalisierung und Umweltschutz auch direkt tangieren. Hierfür ließe sich Resonanz in der Bevölkerung erzeugen. Da dies in der Vergangenheit bei anderen Ausrichtern aber oftmals nur bedingt gelungen ist (z.B. in Rio 2016), könnte eine gewisse Skepsis bestehen bleiben. Fakt ist aber auch: Olympische Spiele sind - trotz aller Nebengeräusche - ein Fest der Völkerverständigung, bei dem Menschen über Grenzen hinweg verbunden sind. Es ist ein friedliches Miteinander von Menschen verschiedenster Kulturen und der Austragungsort kann seine Gastfreundschaft der ganzen Welt zeigen (Stichwort Sommermärchen Fußball WM 2006). Zwar ist dieser Nutzen nicht konkret monetarisierbar - aber in einer zunehmend durch Vielfalt geprägten Welt von enormer Bedeutung und ein wichtiges Signal.

WDR: Kann man eine so heterogene Region wie Rhein-Ruhr mit einem Projekt wie den Olympischen Spielen politisch und infrastrukturell verschweißen? Sind die Interessen der Kommunen gerade in punkto Verkehr und Digitalisierung miteinander zu verknüpfen?

Schlesinger: Um gemeinsam handlungsfähig zu sein, wird es zunächst darauf ankommen, Vertrauen für eine gemeinsame Vision und Zielsetzung Olympia zu entwickeln. Eine große Herausforderung im Vorfeld besteht sicher darin, die verschiedenen Kommunen mit ihren je unterschiedlichen Einzelinteressen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dies ist kein einfaches Unterfangen, zu unterschiedlich sind die jeweiligen strukturellen Ausgangsbedingungen und Voraussetzungen vor Ort und die daraus resultierenden Erwartungen und Hoffnungen, die sich an eine Bewerbung um die Spiele knüpfen.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 21.10.2019, 10:08

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