Olympische Jugendspiele - Jenseits der Elendsviertel

Am Tag der Eröffnung des mit Stacheldraht gesicherten Olympischen Dorfs werden davor noch Bäume gepflanzt und grüne Rasenstücke verlegt

Olympische Jugendspiele

Olympische Jugendspiele - Jenseits der Elendsviertel

Von Sandra Schmidt

In Buenos Aires beginnen an diesem Wochenende die Olympischen Jugendspiele. Jenseits der Neubauten des olympischen Dorfes kämpfen die Bewohner der Elendsviertel gegen die desaströsen Lebensumstände.

Während der Spiele von River Plate oder Boca Juniors vernimmt man in Buenos Aires allerortens Ausrufe des Jubels respektive der Enttäuschung. Es gibt dann kaum ein anderes Thema, nicht am Tag vor dem Spiel, nicht am Spieltag und meist auch nicht am Tag danach.

An diesem Wochenende wird alles ein wenig anders, denn kein einziger der sechs Erstligaklubs der Stadt spielt zu Hause. Dafür gibt es die Eröffnungsfeier der Olympischen Jugendspiele, die - eine olympische Premiere, wie die Organisatoren nicht müde werden zu erklären - nicht in einem Stadion, sondern im öffentlichen Raum zur Aufführung kommt. Und zwar am Obelisken mitten auf der 16-spurigen Avenida de Mayo, die wegen der Vorbereitungen seit Tagen gesperrt ist.

4.000 Athleten

Ein Fußballturnier wird es nicht geben bei dieser dritten Ausgabe der Olympischen Jugendspiele, dafür aber einen Wettbewerb in Futsal. Rund 4.000 Athleten, alle zwischen 15 und 18 Jahre alt, treten sowohl in traditionellen olympischen Disziplinen wie Ringen, Rudern oder Fechten an, als auch in neu ins Programm genommenen Disziplinen, darunter zum Beispiel Rollschnelllauf, Breakdance oder BMX.

Brasilianische Jugendsportler beim Fußballtennis im Olympischen Dorf

Brasilianische Jugendsportler beim Fußballtennis im olympischen Dorf

Neben den sportlichen Wettkämpfen soll es in den vier über die Stadt verteilten "Olympischen Parks" auch Kunst, Kultur und allerlei sportive Mitmachangebote geben. Der Eintritt zu allen Parks und Wettkampfstätten ist gratis, die Verteilung der Eintritts-Armbändchen wurde allerdings vergangene Woche eingestellt, da laut Organisationskomitee bereits 650.000 Exemplare ausgegeben worden seien.

Menschen in "Villa 20" haben andere Sorgen

"Hier aus dem Viertel hat niemand so etwas", ist sich Marcos Chinchillo sicher. Sportschau.de trifft den 44-Jährigen im Elendsviertel namens "Villa 20", in dem er selbst geboren und aufgewachsen ist und heute wieder lebt. Seit zehn Jahren setzt sich Marcos in einer Art Nachbarschaftsinitiative dafür ein, dass die neoliberale Stadtregierung sich der erbärmlichen Lebensumstände der Mehrheit der geschätzt über 30.000 Bewohner des Viertels annimmt. In der "Villa 20" gibt es ein paar kleine umzäunte Bolzplätze, in denen Kinder und Erwachsene sich in verschiedenen Spielen mit dem Ball üben und dabei sogar ein paar Zuschauer haben.

Leben im Elend

Wenige Meter neben dem Olympischen Dorf liegt das Armenviertel "Villa 20". Auch für dessen Bewohner wurde viel versprochen, Verbesserungen sind hier aber nicht zu spüren

Wenige Meter neben dem olympischen Dorf liegt das Armenviertel "Villa 20"

Was es für die meisten aber nicht gibt, ist ein Anschluss ans reguläre Wasser- und Stromnetz, Kloaken oder eine städtische Müllentsorgung. Wenn es in Buenos Aires regnet, ist hier Überschwemmung - und das jedes Mal. Erst vergangene Woche standen nach starken Regenfällen etliche Bewohner bis zu den Knien im Wasser, erzählt uns Marcos.

Und die "Villa 20" ist nur eine von zahlreichen Elendsvierteln hier im Süden von Buenos Aires, dem mit Abstand ärmsten der 15 Bezirke der argentinischen Hauptstadt. "Die Leute hier haben ganz andere Sorgen", sagt Marcos mit Blick auf die Jugendspiele. Gesetze zur Urbanisierung des Viertels sind vor vielen Jahren verabschiedet worden, nur geschehen ist so gut wie nichts, insbesondere mit Blick auf die desaströse Infrastruktur.

Sportler leben wohlbehütet

Das Olympische Dorf aus Sicht des wenige Meter entfernten Armenviertels "Villa 20"

Das olympische Dorf aus Sicht des Armenviertels "Villa 20"

Zuletzt hat man sehr schnell eine ganze Reihe von Häusern errichtet, am äußeren Rand des Viertels, das hier hoffnungsvoll Papst Franziskus heißt, direkt an der mehrspurigen Schnellstraße. So sehen die Athleten aus aller Welt das Elend nicht. Sie wohnen kaum 500 Meter entfernt in den blitzblanken Neubauten des olympischen Dorfes, bunte Bettwäsche mit Jugendspiel-Logo inklusive.

Die Sportler haben die Flaggen ihrer Länder an die Balkone gehängt und vertreiben sich auf der stets penibel reingefegten Plaza die Zeit. Auch hier, im Mittelpunkt des Dorfes, wird Fußball in verschiedensten Varianten gespielt und unzählige Volunteers mühen sich, den Gästen das Leben so angenehm als möglich zu machen.

Kostenexplosion und Wirtschaftskrise

Sie wissen vermutlich weder um die "Villa 20", noch um die Kostenexplosion beim Bau des olympischen Dorfes, noch um die tiefgreifende Wirtschaftskrise, in der sich Argentinien momentan befindet. "Der Bau des olympischen Dorfes war zu einem gewissen Punkt mehr als anderthalb Mal so teuer, wie ursprünglich geplant", sagt der argentinische Journalist Ernesto Rodríguez III, der sich seit Jahren mit dem Thema Jugendspiele beschäftigt. Letztlich habe man schlicht auf den Bau einiger geplanten Wohnungen im Dorf verzichtet und zudem einen zusätzlichen Kredit über 160 Millionen US-Dollar aufgenommen.

20 Meter neben dem Olympischen Dorf hingen bis vor wenigen Tagen noch Protestbanner. Auf denen war etwa "Der Bau des Olympischen Dorfs = Zerstörung unseres Wohnraums" zu lesen. Kurz vor der Anreise von Athleten und Medien wurden diese entfernt

Kurz vor Turnierbeginn entfernte Protestbanner gegen das olympische Dorf

Die Wohnungen des Dorfes werden übrigens nach den Spielen verkauft, zu Preisen und Konditionen, die für die Bewohner des Elendsviertels völlig unerschwinglich sind. Auch hier war der Plan ursprünglich ein anderer, sollte doch ein Teil der Wohnungen genau an diese Menschen gehen. Der Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodríguez Larreta sagte am vergangenen Mittwoch im olympischen Dorf: "Was wir hier jetzt sehen, ist ein wahr gewordener Traum."

Stand: 06.10.2018, 11:14

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