IOC-Session - Revolution gegen das Imperium

IOC-Session in Buenos Aires

IOC-Session in Argentinien

IOC-Session - Revolution gegen das Imperium

Von Nick Butler und Hajo Seppelt

Athleten wehren sich dagegen, vom IOC nur als Marionetten behandelt zu werden. Den mächtigen Bossen Olympias schlägt eine neue Art des Widerstands entgegen: Immer mehr Athleten begehren gegen Gängelung und Ausbeutung auf. Sie wollen mehr als Alibi-Mitspracherechte. Und sie verdienen Unterstützung, findet Nick Butler.

Die Geschichte hat uns gelehrt, dass die Feuer der Revolutionen von Flammen entfacht wurden, von denen niemand glaubte, aus ihnen könnte ein Flächenbrand werden. 

In den USA war es ein Briefmarkengesetz, in Russland ein höchst einflussreicher Mönch, der von sich behauptete, heilende Kräfte zu besitzen. Der Arabische Frühling loderte auf, als ein unzufriedener Obstverkäufer aus Tunesien sich tatsächlich selbst anzündete.

Die Welt des Sports ist noch weit von einer Revolution entfernt. Doch sollte es letztlich zum Umbruch kommen, könnte im Nachhinein ein Treffen auf den Seychellen als der Funke in die Geschichte eingehen, der den Tatendrang der lange stillschweigenden Athleten und Athletinnen entzündete. 

Obwohl das Olympische Komitee von dem ehemaligen Fechter Thomas Bach geleitet wird, gilt die Stimme der Athleten und Athletinnen dort kaum mehr denn als Aushängeschild und zur Bestätigung des eigenen Blickwinkels. In der deutschen DOSB-Athletenkommission, ebenfalls unter Führung eines Fechters, Max Hartung, hat die Rebellion hingegen bereits begonnen: Die Sportler fordern etwa die Bezahlung aller Olympischen Athleten.

Athleten protestieren gegen IOC-Entscheidung

Nun sorgte die vom IOC forcierte Entscheidung der Welt-Anti-Doping-Agentur auf der paradiesischen Pazifikinsel vergangenen Monat, Russlands Suspendierung aufzuheben - obwohl zwei Bedingungen für die erneute Zulassung nicht erfüllt wurden - für beispiellosen Protest auf dem "Schlachtfeld" der sozialen Medien.

Die neue Athleten-Gruppe für sauberen Sport, ("Athletes for Clean Sport"), rief diese Woche zu einer Reform im Kampf gegen Doping auf - und dazu, sich endlich von Interessensvertretern aus Sport und Regierungen unabhängig zu machen. Die vom IOC angetriebene Erklärung über Rechte und Verantwortlichkeiten ("Rights and Responsibilities Declaration") für Athleten ist mehr Schein als Sein, eine weitere pure Alibi-Initiative. Sie wurde daher bereits von einer Koalition verschiedener Organisationen kritisiert.

Athleten weltweit scheinen nun bereit, die Stimmen zu übertönen, die sie zur stillschweigenden Anpassung auffordern. Und zu Recht wird die Forderung auf echtes Mitspracherecht auf Organisationsebene im Sport laut. Anstatt auf sie zu hören, müht sich das IOC, ihnen mit zwei Argumenten die Legitimation abzusprechen: Erstens stammten, so das IOC, die Kritiker hauptsächlich aus zehn bis 15 "angelsächsischen" und westeuropäischen Ländern, denen der Rest der Welt entgegenstehe. Zweitens werde die WADA-Athletenkommission, aus der die Kritik mehrheitlich kam, von oben bestimmt und sei daher weniger repräsentativ als die Athletenvereinigung des IOC - welche die Aufhebung der Suspendierung befürwortete.

Kritiker stammen hauptsächlich aus Westeuropa

Thomas Bach bei der IOC-Session in Buenos Aires

Thomas Bach bei der IOC-Session in Buenos Aires

Tatsächlich agieren Athleten aus Asien, Afrika und aus Lateinamerika in dieser Sache zurückhaltender, aber das heißt nicht zwangsläufig, dass sie die Bedenken nicht teilten. Häufig hängt ihr Schweigen mit kulturellen und politischen Aspekten zusammen. Nur wenige unterstützen tatsächlich die Position des IOC.

Ebenso sind in der Tat gewählte Vertretungen besser als ernannte, doch sind viele weitere Athletengremien, die das IOC unterstützt, selbst nicht gewählt und andere kritische Stimmen kommen von gewählten Vertretern und aus eigenen Gremien. Nur zwei Drittel der Mitglieder der IOC-Athletenkommission sind gewählt - und die gewählten kommen aus einem begrenzten Kandidatenpool, der durch die Nationalen Olympischen Komitees genehmigt wird. Die wiederum stehen allerdings unter dem enormen Einfluss des IOC. Das Argument basiert also eher auf politischer Bequemlichkeit als auf sachgestützten Bedenken.

Noch entscheidender ist die tatsächliche Wirksamkeit dieser Organe, sobald sie besetzt sind: Mitglieder der IOC-Athletenkommission leisten einen Loyalitätseid gegenüber dem IOC, nicht gegenüber den Athleten, und sie sind gelähmt durch das weltweite Abhängigkeitssystem im Sport.

Die US-amerikanische Eishockeyspielerin Angela Ruggiero, bis zu diesem Jahr Vorsitzende der Kommission, musste den Posten wegen ihrer Mitwirkung bei der Bewerbung von Los Angeles für die Olympischen Spiele und ihrem neu gegründeten eigenen Sport-Marktforschungs-Unternehmen in Einklang bringen. Sie konnte es sich schlicht nicht leisten, das IOC und potenzielle Kunden durch eine allzu kontroverse Positionierung zu verärgern. Ihrer Nachfolgerin, der Schwimmerin Kirsty Coventry aus Simbabwe, sind als Sportministerin ihres Landes ebenso die Hände gebunden. Jedem anderen ginge es genauso.

Echte Entscheidungen hinter verschlossenen Türen

Unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach reagiert das IOC zunehmend empfindlicher auf Kritik – Gegner werden blitzschnell rüde ausgegrenzt und Gleichgesinnte belohnt. Athleten sind dabei nur ein Teil des Systems. IOC-Sitzungen sind zu einem reinen abnickenden Politbüro geworden, denn die echten Entscheidungen werden hinter verschlossener Tür getroffen. Bekenntnisse zur "Transparenz" sind rein rhetorisch. Einige IOC-Funktionäre sind zwar insgeheim mit bestimmten Entscheidungen nicht einverstanden, doch sind wenige bereit, durch öffentliche Äußerungen ihren Status aufs Spiel zu setzen – ganz zu schweigen von ihrem luxuriösen Lifestyle mit Erste-Klasse-Flügen und Fünfsterne-Hotels.

Das IOC wich geringfügig von seiner Position ab, indem es die Gegenseite zu Statements bei der Olympism-in-Action-Konferenz in Buenos Aires vergangene Woche einlud, darunter Chris Dempsey, Leiter der erfolgreichen Kampagnengruppe "No Boston Olympics". Doch diskreditierte Bach Dempsey mit seiner Äußerung umgehend, der repräsentiere keine öffentliche Meinung und seine Sichtweisen seien dadurch beschränkt, dass er noch nie Olympische Spiele organisiert habe.

Heißt das, dass sich auch niemand von uns über die Olympischen Spiele äußern darf, der noch nie welche organisiert hat? Oder über Doping, es sei denn, man hat schon einmal gedopt?

Außenseiter finden selten Gehör bei Sportfunktionären

IOC-Session in Buenos Aires

IOC-Session in Buenos Aires

Das tiefere Problem liegt darin, dass Sportfunktionäre – inklusive die IOC-Athletenkommission, sobald sie gewählt bzw. ernannt ist – praktisch niemandem außer ihren Wählern, die ähnlicher Einflussnahme ausgesetzt sind, Rechenschaft schulden. Im Sport ist es verpönt, Außenseitern eine Stimme in Form von Bewerbungsreferenden um Olympia zuzubilligen. Und häufig wird auf das jüngst gegen Gegenspieler aus den Reihen der Sportler eingesetzte, von Arroganz triefende Argument zurückgegriffen, Kritiker seien schlicht "falsch informiert".

Meistens kommen die Funktionäre damit auch noch durch. Noch immer fließt viel Geld dank großzügiger Sponsorenverträge und Übertragungsrechte. Und allen Skandalen zum Trotz sind die Olympischen Spiele nach wie vor eine der beliebtesten Sportveranstaltungen überhaupt. Eine kritischere Athletenlobby kann dabei nur als positive Entwicklung im Kampf für einen sauberen und verantwortungsvoll geführten Sport gewertet werden.

Stand: 13.10.2018, 17:43

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