Athletenvertreter Jonathan Koch: "Eine Verschiebung wäre vernünftig"

Jonathan Koch, Athletenvertreter im Sportausschuss des Bundestags.

Diskussionen über Olympische Spiele

Athletenvertreter Jonathan Koch: "Eine Verschiebung wäre vernünftig"

Das Internationale Olympische Komitee zögert, angesichts der Corona-Krise die Olympischen Spiele in Tokio abzusagen oder zu verschieben. Viele Athleten weltweit leben derzeit in Ungewissheit und verlieren mit dem IOC und dessen Präsidenten Thomas Bach allmählich die Geduld. Athletenvertreter, die bei einer Telefonkonferenz mit Bach und IOC-Experten dabei waren, berichten über schwer nachvollziehbare Details. Der ehemalige Ruderer Jonathan Koch, Mitglied des DOSB-Präsidiums, sprach im Interview mit der ARD-Dopingredaktion über "skurrile Gedankengänge" der IOC-Führung. Eine Verschiebung der Spiele hält er mittlerweile für "vernünftig".

Frage: "Herr Koch, Sie sind Athletenvertreter im Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes und haben in dieser Eigenschaft an einer Telefonkonferenz teilgenommen, in der IOC-Präsident Thomas Bach und Experten des Internationalen Olympischen Komitees mit 220 Athletenvertreten aus aller Welt über die Corona-Krise und die Folgen für die Olympischen Spiele in Tokio gesprochen haben. Wie würden Sie das Gespräch zusammenfassen?"

Jonathan Koch: "Es gab viele Worte, aber wenig neuen Inhalt."

Frage: "Auf der ganzen Welt werden auch große Sportveranstaltung im Minutentakt abgesagt, das IOC spielt hingegen auf Zeit. Sind Sie mittlerweile schlauer, was die Pläne des IOC angeht?"

Koch: "Nein. Den Fragen nach einem Plan B oder C wurde ausgewichen. An möglichen Alternativ-Szenarien, die es nach Aussage von Bach in einem Interview mit der New York Times ja sehr wohl gibt, wollten sie uns nicht teilhaben lassen. Sie haben uns gesagt, es gebe auch keine Deadline für eine Entscheidung, ob die Spiele nun stattfinden oder nicht."

Frage: "Das klingt nach einem Spiel auf Zeit."

Koch: "Ja. Wobei man betonen muss, dass dies schon eine schwierige Entscheidung für das IOC ist und man durchaus Verständnis dafür aufbringen muss, dass man die Entscheidung über eine Absage Olympischer Spiele gründlich überdenkt. Wie man diesen Denkprozess dann aber kommuniziert, steht auf einem anderen Blatt. Das IOC, auch und gerade sein Präsident, haben sich schon immer schwergetan, Entscheidungen von großer Tragweite in der Öffentlichkeit oder auch nur mit  Athletinnen und Athleten zu diskutieren. Bach wies in der Telko auf das ‚große Ganze‘ hin und auf die Gefahr von Spekulationen. Spekulative Aussagen von Donald Trump zu Olympia hätten bereits dafür gesorgt, dass der japanische Aktienindex abrupt an Wert verloren habe."

Frage: "Der Wirtschaftsanwalt Bach denkt also wirtschaftlich. Es ist eine der logischen Erklärungen dafür, warum das IOC so lange zögert…"

Koch: "Aber der Zeitdruck, der durch das Festhalten am Eröffnungstag 24. Juli entsteht, ist nicht gut. Weder für Athleten oder Verbände, noch für Regierungen. Alle geraten dadurch unter den Druck einer Sonderlösung für Training, Qualifikation und Wettkämpfe, obwohl es gerade nichts Wichtigeres gibt, als solidarisch zu sein und Ansteckungen zu verhindern."

Frage: "Wie war denn die Stimmung unter den Athleten in der Sitzung bezüglich Olympia in Tokio und was haben Sie darüber hinaus schon mitbekommen?"

Koch: "Es herrscht große Verunsicherung. Neben Fragen zum Qualifikations-Modus, der ja durch Corona bereits völlig aus den Fugen geraten ist, gab es nicht umsonst viele Fragen zu den Bedingungen, unter denen die Spiele überhaupt stattfinden könnten. Da wurde immer wieder auf die Task Force und die Führungsrolle der Weltgesundheitsorganisation WHO verwiesen, auf deren Expertise sich das IOC verlassen will."

IOC hält an Olympia-Planungen fest Morgenmagazin 19.03.2020 01:35 Min. Verfügbar bis 19.03.2021 Das Erste

Frage: "Gibt es nach Ihrem Eindruck überhaupt noch Athleten, die daran glauben, dass die Spiele wie geplant stattfinden können? Virologen und Epidemiologen gehen davon aus, dass zum vorgesehenen Zeitpunkt der Spiele Ende Juli, Anfang August die Corona-Pandemie weltweit ihren Höhepunkt erreicht haben wird..."

Koch: "Viele Athletinnen und Athleten sind zwiegespalten. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Mein Eindruck ist aber, dass ganz viele diese Spiele schon innerlich abgehakt haben. Wenn man sich die momentane Lage in der Welt anschaut, ist das nicht verwunderlich. Nach jetzigem Stand ist es schwer zu glauben, dass Olympische Spiele stattfinden, ohne dass dadurch Menschen massiv gefährdet werden."

Frage: "Wieso kommuniziert das IOC dann nicht defensiver und beharrt so vehement auf der planmäßigen Austragung der Spiele?"

Koch: "Wie gesagt: Für das IOC steht sehr viel auf dem Spiel. Eine Absage, aber auch eine logistisch unheimlich schwer zu vollziehende Verschiebung wäre für das IOC ein Worst-Case-Szenario. Das IOC sieht in der planmäßigen Austragung der Spiele aber auch eine Chance. Irgendwann wurde uns in der Telefonkonferenz sinngemäß erklärt, dass das IOC möchte, dass Tokio als Symbol der überwundenen Krise und das Olympische Feuer als Licht am Ende des Tunnels wahrzunehmen ist. Angesichts des Status quo halte ich solche Gedankengänge für skurril."

Frage: "Dennoch fordert das IOC Solidarität von den Athletinnen und Athleten und dass sie seiner Linie folgen. Ist das überhaupt möglich?"

Koch: "Die jetzige Lage ist für die Athleten in aller Welt kaum zumutbar. Eine Verschiebung der Spiele, so kompliziert dies auch sein mag, würde vermutlich jetzt schon von den meisten Athletinnen und Athleten begrüßt und auf sehr viel Verständnis stoßen. Eine Verschiebung wäre vernünftig. Das IOC könnte zumindest mal anfangen, das mit den Athletinnen und Athleten zu erörtern."

Frage: "Das kanadische IOC-Mitglied Hayley Wickenheiser, eine Athletenvertreterin, hatte die Marschroute des IOC als 'gefühllos und unverantwortlich' kritisiert und konnte – so hieß es zumindest – aus technischen Gründen nicht an der Telefonkonferenz mit dem IOC-Präsidenten teilnehmen. Wie haben Sie die Situation erlebt?"

Koch: "Unsere Information war, dass die Mitglieder der IOC-Athletenkommission, zu der auch Hayley gehört, wenn überhaupt dann nur passiv teilnehmen würden. Deshalb ist ihr Fehlen gar nicht weiter aufgefallen. Mich wundert es aber, dass so ein technisches Problem nicht per Mail bei einem zweistündigen Call überbrückt werden kann. Das nächste Mal kann sie uns auf jeden Fall gerne schreiben, wenn es wieder Probleme gibt."

Frage: "Es gab noch eine weitere merkwürdige Begebenheit in der Telefonkonferenz. Die deutsche Medizinerin Lenka Dienstbach-Wech, ehemalige Olympia-Ruderin und heute Mitglied in der medizinischen Kommission des IOC, verwies tatsächlich darauf, dass Covid 19 ‚keine tödliche Krankheit‘ sei. Der FAZ bestätigte sie diese Aussage und meinte, man dürfe die 'subjektive Gefahrenwahrnehmung nicht befeuern'. Sie wolle nichts herunterspielen, aber für einen Athleten sei eine Ansteckung ‚kein lebensbedrohlicher Zustand‘ …"

Koch: "Ihr Statement kam in der Telefonkonferenz in der Tat sehr unglücklich rüber. Ich kenne Lenka gut, sie hat das gesagt, um den Athleten die Sorge für den Fall eines Ausbruchs im Olympischen Dorf oder auf Wettkämpfen zu nehmen. Aber natürlich sind solche Aussagen fahrlässig und viel zu kurz gedacht. Es gibt auch Risikogruppen unter den Athleten, etwa Asthmatiker oder Diabetiker. Und wenn es Ansteckungen in Tokio gibt, wird dann das ganze Olympische Dorf unter Quarantäne gestellt? Oder fliegen alle einfach wieder nach Hause und verbreiten das Virus – möglicherweise erneut – in der ganzen Welt, haben Kontakt mit Alten, Schwachen und Kranken?"

Frage: "Ende April soll eine Präsidiumssitzung des DOSB stattfinden, in der es auch um eine mögliche deutsche Bewerbung um die Olympischen Spiele 2032 gehen soll. Wie aktuell ist das Thema angesichts der Corona-Krise?"

Koch: "Alles ist völlig offen, natürlich auch die Tagesordnung der Präsidiumssitzung. Derzeit ist sogar unklar, ob sie überhaupt stattfindet. Zum jetzigen Zeitpunkt über eine deutsche Bewerbung zu diskutieren, ergibt nur Sinn, wenn man die Lehren aus Tokio gezogen hat.  Derzeit ist das für mich daher sinnlos. Unsere Gesellschaft muss jetzt zusammenstehen, um eine Krise zu überwinden. Das ergibt Sinn. Was im Moment zählt, ist die Solidarität gegenüber allen, die mit dieser Krise derzeit wirklich zu kämpfen haben. Auch wenn einem das Sportlerherz da mal kurz sticht. Es gibt gerade einfach Wichtigeres als Sport."

Stand: 20.03.2020, 12:21

Darstellung: