Geher protestieren vergeblich gegen Reformen

Frauen während des 50km Wettkampfs der IAAF Weltmeisterschaft im Gehen

IAAF-Beschluss zu kürzeren Distanzen

Geher protestieren vergeblich gegen Reformen

Von Chaled Nahar

Der Leichtathletik-Weltverband hat weitreichende Änderungen beim Gehen beschlossen, die wichtigste ist die Verkürzung der Distanzen. Viele Athleten protestieren dagegen.

Das Urteil von Brendan Boyce ist deutlich. "Die IAAF hat beschlossen, das Gehen zu zerstören", schreibt der Ire bei Twitter. Er bezieht sich auf die Änderungen, die das Council des Weltverbands bei seiner Sitzung am Montag (11.03.2019) in Doha beschloss.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Die lange Distanz über 50 Kilometer Gehen und wohl auch die kurze Distanz von 20 Kilometern sollen verkürzt werden. "Sie haben aus der Ausdauer-Distanz eine Zufalls-Distanz gemacht", klagt der Olympia-Teilnehmer von 2016. Die beiden neuen Distanzen werden aus den vier Möglichkeiten 10, 20, 30 oder maximal 35 Kilometer ausgewählt. Diese sollen ab 2022 gelten.

Geher protestieren online

Wie der Ire Boyce haben sich zahlreiche Geherinnen und Geher gegen die Reformen ausgesprochen. Auf der Website savetheracewalking.org und unter dem Hashtag #savetheracewalking in sozialen Medien haben sie versucht, die Stimmung gegen die Reformen zu drehen - vergeblich. Am Montag stimmte die IAAF den Änderungen zu.

Peter Marlow, ein britischer Olympiateilnehmer von 1972, verließ aus Protest gegen die Reformen das Geher-Komitee der IAAF. Die neuseeländische Geherin Alana Barber schrieb bei Instagram: "Das Wesen unserer Sportart ist Ausdauer!" Auch der Franzose Yohann Diniz, Weltmeister und Weltrekordhalter über 50 Kilometer, solidarisierte sich mit dem Protest. Die Liste der Unterstützer ist lang und prominent: Jared Tallent, Australiens Olympiasieger von 2012, ist genauso dabei wie der Slowake Matej Toth, Olympiasieger von 2016.

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Carl Dohmann aus Hannover, bei der EM in Berlin 2018 Fünfter über 50 Kilometer, sieht die Stimmungslage in Deutschland ähnlich. "Wir wollen die Strecken behalten, denn die 50 Kilometer sind als längste Strecke der Leichtathletik auch ein Alleinstellungsmerkmal des Gehens."

IAAF will Gehen medientauglich machen

Geher Carl Dohmann aus Deutschland freut sich im Ziel über den fünften Platz bei der Leichtathletik-EM

Geher Carl Dohmann aus Deutschland freut sich im Ziel über den fünften Platz bei der Leichtathletik-EM

Warum aber setzte die IAAF nun die Änderungen gegen den Willen so vieler Athleten durch? Maurizio Damilano aus Italien gewann 1980 olympisches Gold und war zwei Mal Weltmeister über 20 Kilometer. Er steht dem Geher-Komitee der IAAF vor und sagt, dass die Änderungen entscheidend für die Sportart seien. "Das Komitee ist stolz auf die Geschichte und die Tradition der Sportart, aber wir müssen die Zukunft nach Olympia 2020 in Tokio sichern", sagt Damilano. "Veränderungen fallen nicht immer leicht. Aber sie sind notwendig, um die Sportart für Fans und junge Athleten attraktiver zu machen."

Der Pole Robert Korzeniowski, dreifacher Olympiasieger über 50 Kilometer und ebenfalls Teil des Komitees, wird noch deutlicher: "Ich habe große Leidenschaft für die 50 Kilometer. Aber die Welt ändert sich rasant. Wir müssen relevant für Übertragungen und digitale Medien bleiben. Nur so sichern wir die Zukunft der Sportart bei großen Wettbewerben." Auch IAAF-Präsident Sebastian Coe gab sich bei der Pressekonferenz nach der Sitzung zustimmend: "Das ist wichtig, um die Sportart zu sichern und attraktiver zu machen."

Die Angst vor der Streichung aus dem olympischen Programm

Viele Sportarten und Disziplinen haben bereits ähnlich reagiert, um attraktiver zu werden: Beispiele sind die kürzeren Sätze im Tischtennis oder die Rallye-Punkte im Volleyball. Die Disziplin des Gehens ist ein Außenseiter - und muss stets die Streichung aus dem olympischen Programm fürchten.

Der deutsche Geher Cohmann hält es allerdings für einen Trugschluss, dass eine Verkürzung helfe. "Auch andere Sportarten und Veranstaltungen zeigen, dass lange Wettbewerbe begeistern können: Beispielsweise der Ironman, die Tour de France oder der Marathon." Seine Sportart entfalte erst durch eine Strategie und Führungswechsel über die lange Distanz ihre Faszination, sagt Cohmann.

Die Verkürzung der Distanzen soll ab der WM 2023 in Budapest gelten. Die Weltmeisterschaften im Herbst in Doha (Katar) und Eurgene (USA) 2021 sollen noch nach dem alten Prinzip durchgeführt werden. Auch die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio bleiben noch unberührt.

Weiterer Streitpunkt: Einlegesohlen mit Elektronik

Im Gehen ist es verboten, mit beiden Füßen den Bodenkontakt zu verlieren - denn dann ist es Laufen. In Zukunft sollen elektronische Einlegesohlen die Kampfrichter zuverlässig darüber informieren, wenn ein Regelverstoß vorliegt. Einige Athleten bemängeln aber, dass sie nicht informiert worden seien, wie das genau funktionieren soll.

Weder die Zuverlässigkeit sei gesichert noch die Frage geklärt, wer die Kosten trage. Zudem könne die elektronische Überwachung die Technik der geher verändern, die zurzeit nur nach Augenmaß bewertet werden und so zumindest für Sekundenbruchteile "fliegen" können.

Stand: 13.03.2019, 11:54

Darstellung: