Die Folgen der geklauten Medaillen

Markus Esser im Jahr 2017

Nachträgliche Ehrungen

Die Folgen der geklauten Medaillen

Von Chaled Nahar

Markus Esser hat 13 Jahre nach der WM 2005 seine Bronzemedaille im Hammerwerfen erhalten, nachdem der Sieger des Dopings überführt worden war. Ein normaler Vorgang - der aber zeigt, wie tief der Betrug mit Doping wirken kann.

Als Markus Esser am 8. August 2005 bei der Leichtathletik-WM in Helsinki antrat, war die Welt gefühlt noch eine ganz andere. Gerhard Schröder war Bundeskanzler und der 1. FC Kaiserslautern spielte in der 1. Fußball-Bundesliga, als Esser beim Hammerwurf-Finale im vierten Versuch auf 79,16 Meter kam. Zu wenig für das Podest - dachte Esser 13 Jahre lang.

"Das Gefühl des Betrugs überwiegt"

Am 21. Juli 2018, also knapp 13 Jahre später, erhielt Esser die Bronzemedaille. Er bekam sie nachträglich während der deutschen Meisterschaften in Nürnberg überreicht, denn der damals zum Sieger bestimmte Iwan Zichan aus Weißrussland wurde inzwischen des Dopings überführt. Fühlt er sich nun nachträglich belohnt oder immer noch betrogen? "Das Gefühl des Betrugs überwiegt deutlich", sagt Esser im Gespräch mit sportschau.de. "Es entschädigt nicht für das, was gewesen sein könnte."

Schon einmal hatte er eine Medaille nachträglich erhalten, vor drei Jahren gab es rückwirkend die Bronzemedaille der EM 2006, auch dort war Iwan Zichan als Sieger gedopt. "In zwei aufeinanderfolgenden Jahren, das tut schon weh", sagt Esser, der von 1991 bis 2015 für den TSV Bayer 04 Leverkusen startete. Beide Male gewann er mit Platz vier "Blech", wie Sportler den Rang hinter den Medaillen nennen.

Der Moment des Glücks bleibt gestohlen

Markus Esser 2015 mit der Bronzemedaille der EM 2006

Markus Esser 2015 mit der Bronzemedaille der EM 2006

Jubel ist spontan, er lässt sich nicht nachholen; nicht am Briefkasten und nicht bei Ehrungen 13 Jahre nach dem Ereignis. 25 Jahre alt war Esser, als er die Medaille eigentlich gewann, 38 ist er, als er sie bekommt. "Eine Medaille zu gewinnen, mit einer Fahne durchs Stadion zu laufen - diese Vorstellung, das sind die Emotionen, die mich immer angetrieben haben", sagt er. Dieser Moment des Glücks bleibt Esser gestohlen, selbst wenn sich ein Gefühl von Gerechtigkeit einstellen sollte. "Ich fühle vielleicht zehn Prozent Genugtuung, der Rest ist Resignation."

Medaillen nachträglich zu vergeben ist in der Leichtathletik bei Dopingfällen eine gängige Praxis. Die Kugelstoßerin Nadine Kleinert aus Magdeburg ist wohl der Extremfall, sie zählte 13 Hochstufungen. Medaillen erhielt sie teilweise vom Postboten, statt sie vor einem Publikum verliehen zu bekommen. Esser sagt, weit nach dem Ende seiner Karriere 2015: "Außer, dass ich mir die Medaille nun in den Schrank legen kann, habe ich nichts davon."

Esser nachträglich mit WM-Bronze: "Freude wäre unbeschreiblich gewesen"

Sportschau 28.07.2018 03:33 Min. ARD

Esser entging "ein großer Batzen Geld"

Die geklauten Emotionen sind aber nur ein Aspekt, denn hinzu kommen die finanziellen Folgen. Manche Karrieren hätten ganz anders verlaufen können. Denn Sponsorenverträge gibt es durch mediale Präsenz, und die entsteht, wenn Sportler bei Siegerehrungen mit Medaillen in die Kameras winken. "Ein Medienvertreter hat beim Dreh eines kurzen Films vor einem Wettbewerb zu mir gesagt: 'Esser, dich können wir da nicht gebrauchen, du wirst eh immer nur Vierter.' So ein Satz schmerzt im Rückblick dann noch mehr."

Er habe mit seiner Frau zusammengerechnet, was ihm an Sponsorengeld entgangen sei. Die kalkulierte Zahl wolle er nicht nennen, "aber es ist ein großer Batzen Geld". Und ein besonderer Termin sei nie zustande gekommen. "Mein Traum war es immer, im Aktuellen Sportstudio auf die Torwand zu schießen", sagt Esser. Doch ohne Medaillen sei er für eine Einladung wohl nie in Frage gekommen.

Stand: 24.07.2018, 11:56

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