Die Flucht nach vorne - Petros und der deutsche Marathonrekord

Marathonläufer Amanal Petros

Neuer Rekordhalter

Die Flucht nach vorne - Petros und der deutsche Marathonrekord

Von Niklas Eckert

Anfang Dezember hat Amanal Petros Geschichte geschrieben und den deutschen Marathonrekord von Arne Gabius um über eine Minute verbessert. Beim Marathon in Valencia kam der 25-Jährige nach 2:07:18 Stunden über die Ziellinie. Der Weg dorthin war aber noch viel länger, und er ist auch noch lange noch nicht zu Ende.

Im Theater ist eine schlechte Generalprobe ein gutes Omen für eine gelungene Premiere. Eine Premiere war es für Amanal Petros am 6. Dezember in Valencia zwar nicht, schließlich war es ja bereits sein zweiter Marathon, die Generalprobe hatte er aber trotzdem gründlich in den Sand gesetzt.

Mitte Oktober bei der Halbmarathon-Weltmeisterschaft in Polen stürzte Petros direkt nach dem ersten Kilometer und schleppte sich mit Schmerzen auf Platz 100 ins Ziel. Nach fünf Wochen Höhentrainingslager in der Schweiz sollte dann die Wiedergutmachung folgen, mit dem neuen deutschen Marathonrekord.

Amanal Petros - Rekordmann mit besonderer Geschichte Sportschau 15.12.2020 08:31 Min. Verfügbar bis 15.12.2021 Das Erste

Verwechslung hilft beim Rekord

Auf dem schnellen Kurs des Valencia-Marathons wurde schnell klar, dass für Petros an diesem Tag viel möglich war. Die Zwischenzeiten waren beeindruckend: 14;54 Minuten nach fünf Kilometern, 29:59 nach zehn und den Halbmarathon hatte der Deutsche schon nach 63:09 Minuten hinter sich. Mehr als zwei Minuten schneller als im Oktober bei der WM in Polen. Sein Trainer Tono Kirschbaum stand "kurz vor dem Herzstillstand", berichtete "leichathletik.de".

Geplant war dieses Tempo nämlich nicht. "Zum Glück hatte ich Probleme mit meiner GPS-Uhr und wusste nicht genau, wie schnell ich auf den ersten Kilometern war", erklärt Petros. In der Folge verwechselte er die Pacemaker, die ihm helfen sollten, sein anvisiertes Tempo zu laufen: "Ich bin dann sechs Kilometer mit dem falschen Pacemaker gelaufen und dann konnte ich auch nicht mehr umkehren."

Bürgerkrieg in der Heimat

Die Flucht nach vorne also – einfach durchziehen. Eine schwierige Aufgabe, an einem Tag, an dem es eine große Leistung für Amanal Petros war, sich überhaupt auf diesen Lauf zu konzentrieren: "Es ist eine sehr schwierige Zeit in der Heimat. Seit langer Zeit herrscht dort ein Bürgerkrieg." Petros kommt aus der Region Tigray in Äthiopien. Als er zwei Jahre alt war, ist seine Mutter mit ihm aus Eritrea dorthin geflüchtet.

Im Jahr 2012 die erneute Flucht vor dem Krieg, diesmal nach Deutschland. Seine Mutter und seine beiden Schwestern leben aber immer noch in der Region, in der mittlerweile alle Kommunikationswege gekappt sind. "Ich habe mittlerweile seit fünf Wochen keinen Kontakt. Ich bin daran gewöhnt meine Familie alle drei Tage zu erreichen.", erzählt Petros.

Corona warf die Pläne für Tokio um

Bei seiner Ankunft in Bielefeld 2012 war Petros 16 Jahre alt. Er machte seinen Realschulabschluss, wurde deutscher Staatsbürger und fand Anschluss durch den Sport: "Ich habe in Bielefeld angefangen, Fußball zu spielen, ein Jahr lang. Leider war der Trainer nicht so zufrieden. Der meinte, ich wäre zu viel gelaufen." Durch seine Freunde kam er dann zur Leichtathletik. Ein Glücksfall für alle Beteiligten, wie sich schnell herausstellen sollte.

Bereits 2014 holte er seinen ersten deutschen Meistertitel im Nachwuchsbereich. Damals noch über 3.000 m und im Crosslauf. Mittlerweile ist Petros zweifacher deutscher Meister über 10 Kilometer auf der Straße und Deutscher Vizemeister über 10.000 Meter auf der Bahn, die Strecke, über die Petros eigentlich bei den Olympischen Spielen in Tokio antreten wollte.

Tiefes "Corona-Loch" im Frühjahr

Doch Corona warf die Planungen um. Die Folge: eine verfrühte Abreise aus dem Trainingslager in Kenia und ein langes Motivationstief: "Von Februar bis Mai habe ich nichts gemacht, nur Alternativtraining. Keine Pläne, kein Laufen."

Nach schwächeren Leistungen auf der Bahn und den starken 2:07:18 beim Marathon in Valencia ist jetzt klar: Amanal Petros wird bei den Olympischen Spielen 2020 die Marathondistanz absolvieren. "In die Top 20 oder Top 15 zu kommen, das wäre für mich ein großes Highlight", beschreibt Petros seine Ziele. Und auch der Fahrplan bis zu den Olympischen Spielen steht bereits. Er wolle nach Kenia ins Trainingslager fliegen und dann am Halbmarathon in Ra’s al-Chaima in den Vereinigten Arabischen Emiraten teilnehmen. Das wird wohl die Generalprobe für den Marathon in Tokio werden. Da kann man ja fast nur hoffen, dass die wieder gründlich daneben geht.

Stand: 15.12.2020, 19:10

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