Fall Mollaei: CAS verhandelt Sperre gegen Irans Judoverband

Saeid Mollaei

Judoka sagt vor Sportgerichtshof aus

Fall Mollaei: CAS verhandelt Sperre gegen Irans Judoverband

Von Bamdad Esmaili

Der iranische Judoka Saeid Mollaei verlor bei der WM 2019 nach Druck seines Verbandes das Halbfinale und musste damit nicht im Finale gegen eine Israeli antreten. Anschließend floh er nach Deutschland. Irans Judoverband wurde gesperrt. Jetzt muss der Internationale Sportgerichtshof CAS entscheiden.

Seit mehr als einem Jahr steht der ehemalige iranische Judoka und Weltmeister Saeid Mollaei unter mächtigem Druck. Nach eigener Aussage sollte der 28 Jahre alte Topsportler bei der Weltmeisterschaft in Tokio Ende August 2019 auf Anweisung der iranischen Regierung im Halbfinale gegen den Belgier Matthias Casse nicht antreten, um einem möglichen Finale gegen den Israeli Sagi Muki aus dem Weg zu gehen.

Islamischer Verhaltenskodex entscheidet über Sieg und Niederlage

Mollaei widersetzte sich jedoch dieser Anordnung, floh aus Angst vor Sanktionen zu seiner Lebensgefährtin nach Deutschland und beantragte hier politisches Asyl. Man habe ihm und seiner Familie gedroht. Der Judo-Weltverband IJF verhängte kurz darauf eine Sperre gegen den iranischen Judo-Verband wegen des Verstoßes gegen die olympische Charta und den Ethikcode. Dagegen legte der iranische Verband vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne Berufung ein. Dort wird der Fall nun am Mittwoch (16.09.2020) verhandelt.

Judoka Saeid Mollaei: Verlieren als Staatsräson sport inside 20.11.2019 10:02 Min. Verfügbar bis 20.11.2020 WDR

Dass iranische Sportler immer wieder angewiesen werden, absichtlich zu verlieren, um nicht gegen Israelis antreten zu müssen, ist nicht neu. Das passiert seit der Gründung der islamischen Republik 1979. Seitdem wird der israelische Staat vom Iran nicht anerkannt. Besonders betroffen sind Sportarten, in denen sich die Kontrahenten direkt gegenüberstehen -  wie Taekwon-Do, Judo, Ringen oder auch Schach. So entscheidet der islamische Verhaltenskodex über Sieg, Niederlage und die Zukunft iranischer Sportler.

Vier Mal Verletzungen vorgetäuscht

Die anti-israelische Richtlinie wird vom Religionsführer Ali Khamenei offen propagiert. Wer gegen diese Vorschrift Widerstand leistet, wird bestraft. Wer sie befolgt, wird belohnt. So wie Arash Miresmaeili: Bei den Olympischen Spielen 2004 war er Irans Fahnenträger und Favorit auf Gold im Judo-Halbleichtgewicht. Ihm wurde in der ersten Runde ein Israeli zugelost – Miresmaeili überschritt beim offiziellen Wiegen das Gewichtslimit und wurde disqualifiziert. Im Iran erhielt er dafür die gleiche Geldprämie wie ein Goldmedaillengewinner.

Mittlerweile ist Miresmaeili Präsident des iranischen Judoverbands und gehört zu denjenigen, die Mollaei bei der WM in Tokio zur Aufgabe drängten. Allein in den vergangenen zwei Jahren musste Mollaei vier Mal Verletzungen vortäuschen, um vorzeitig aus Wettbewerben auszuscheiden. So auch im Februar beim Judo-Grand-Slam in Paris. Mollaei hatte die Chance auf Bronze, ein Israeli hatte die Silbermedaille sicher.

Beide auf dem Podium – undenkbar, erzählt Mollaeis Trainer Mohammad Mansouri, der ebenfalls in Deutschland Asyl beantragt hat: "Wir haben jedes Mal eine neue Show abgezogen, wie im Film geschauspielert. Hier sah die Show so aus, dass Saeid sein Bein anfasst und sagt, dass er kaum stehen kann. So konnte er auch nicht aufs Podium." Und Mollaei ergänzt: "Sie haben mich ins Krankenhaus gebracht. Sogar mein Bein bandagiert. Die Medaille habe ich dort überreicht bekommen."

Irans Sportfunktionäre sind nervös

Erst nach den Vorfällen bei der WM in Tokio reagierte der Internationale Judoverband IJF und suspendierte den Iran. IJF-Präsident Marius Vizer sagte im vergangenen Jahr gegenüber der Sportschau: "Wir hätten sie früher suspendieren sollen. Aber zu der Zeit haben wir noch versucht, eine Lösung zu finden. Und immer gaben sie sich zuversichtlich und haben gesagt: 'Wir brauchen noch ein wenig Zeit'."

Der Fall von Mollaei hat nun zum ersten Mal dazu geführt, dass der Iran für internationale Judo-Turniere gesperrt wurde. Saeid Mollaei wird gemeinsam mit seinem Trainer bei der Anhörung in Lausanne gegen den iranischen Judoverband aussagen. Dies macht die  iranischen Sportfunktionäre schon im Vorfeld mächtig nervös. Der Präsident des iranischen Judoverbands Miresmaeili sagte gegenüber iranischen Medien: "Wir haben eine sehr schwierige Aufgabe vor uns. Dieser Fall ist so empfindlich, dass es jetzt nicht mehr nur um die Suspendierung der Judo-Föderation, sondern um den gesamten iranischen Sport geht."

Neue Freundschaft zwischen Mollaei und Muki

Saeid Mollaei hat seit Ende 2019 von der Mongolei die Staatsbürgerschaft erhalten, damit er weiterhin international konkurrieren und bei den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen kann. Er und sein Sport-Kontrahent, der Israeli Sagi Muki haben Freundschaft geschlossen und zeigen sich sogar gemeinsam in den sozialen Medien auf Fotos.

Stand: 16.09.2020, 08:06

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