Im Sumpf des Biathlons

Biathlon at Oberhof

Weltverband hofft auf Neuanfang

Im Sumpf des Biathlons

Von Hajo Seppelt, Wolfgang Bausch und Jörg Winterfeldt

Nach Razzien und Ermittlungen wegen Korruption und Dopingvertuschung hofft der Biathlon-Weltverband auf einen Neuanfang. Doch gleich gegen beide Präsidentschafts-Kandidaten bestehen vor der Wahl am Freitag (07.09.18) massive Vorbehalte.

Zumindest meteorologisch wähnt sich die Internationale Biathlon-Union (IBU) auf dem besten Wege: Sie sehnt sich nach sonnigen Aussichten. Dass dafür der Jahreskongress der Schneespezialisten im kroatischen Küstenstädtchen Porec angesetzt wurde, scheint nur schlüssig. Womöglich aber werden nur die klimatischen Voraussetzungen seine Ansprüche erfüllen, wenn der Weltverband eine Art Neubeginn versucht: An der Adria soll ein neuer Präsident und sein Vorstandsteam gewählt werden. Doch gleich beide Kandidaten, der Schwede Olle Dahlin sowie die Lettin Baiba Broka, sind umstritten.

Der vergleichsweise junge Verband, erst 1993 gegründet, befindet sich inmitten der schwersten Krise seiner Geschichte. Seit im Frühjahr ein vertrauliches Papier der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) publik wurde und Ermittler Razzien am Salzburger Verbands- wie am norwegischen Wohnsitz des damaligen Präsidenten Anders Besseberg durchführten, drohen die vom deutschen Fernsehpublikum umschwärmten Skijäger in einem Sumpf aus Korruption und Doping zu versinken.

Schwere Vorwürfe

Der von den WADA-Fahndern erhobene Vorwurf lautet: Top-Funktionäre sollen bis zu 300.000 Dollar Schmiergelder und gewisse weitere delikate Leistungen aus Russland empfangen haben, um bei Dopingfällen nur Gnade und kaum Recht ergehen zu lassen. Im Fokus: Der langjährige Präsident Anders Besseberg und seine Generalsekretärin Nicole Resch. Beide bestreiten die Vorwürfe und lassen seither ihre Ämter ruhen.

Sogar das sonst nicht gerade für seine ethische Prinzipientreue bekannte Internationale Olympische Komitee hat sich naserümpfend abgewendet: Bevor die IBU nicht zahlreiche Kriterien erfüllt, bleibt sie von der Teilhabe an den üppigen olympischen Geldtöpfen ausgeschlossen.

Insofern sollte gerade die Wahl am Freitag in Kroatien endlich die Trendwende des Biathlon-Verbandes einleiten. Doch schon das Vorgeplänkel offenbart, dass die Union sich schwertut, sich aus dem Sumpf zu befreien. Vor allem gegen Broka, 42, werden schwere Vorwürfe erhoben: Kontakte zum kriminellen Milieu, eine nationalistische, populistische Gesinnung. Die Lettin selbst beklagte gegenüber der heimischen Nachrichtenagentur LETA "schmutzige Methoden im Kampf um die Präsidentschaft".

Erfahrung versus Neuanfang

In der Tat wirbeln hinter den Kulissen gerade die Lobbyisten. Der Grund liegt auf der Hand: Viele der 56 Nationen sind noch in der Entscheidungsfindung, wem sie die Zukunft der IBU anvertrauen wollen. "Wir befinden uns noch im Abwägungsprozess", sagte der Chef des Deutschen Skiverbandes, Franz Steinle, der ARD-Dopingredaktion, "wir bemühen uns auch mit den anderen Kernländern der Alpen um einen Schulterschluss, um eine abgestimmte Position zu finden."

Swedish candidate with his application documents: Olle Dahlin

Swedish candidate with his application documents: Olle Dahlin

Aus guten Gründen. Der Schwede Dahlin gilt als Repräsentant der alten Besseberg-Ära. Er saß bereits vier Jahre lang im Vorstand und hat die Politik der IBU mitgetragen. "Für Dahlin spricht, dass er aus einer erfolgreichen Biathlonnation kommt, die ein gewisses Standing in der Biathlonwelt hat, und dass er gewisse Erfahrung im Vorstand gesammelt hat", sagt der Deutsche Steinle, "für Broka spricht, dass wir einen Neubeginn wollen und Vertrauen in der internationalen Familie zurückgewinnen möchten. Und zum Neuanfang gehört eventuell auch ein personeller Neubeginn."

Vorbehalte des Verfassungsschutzes

Doch die Lettin hat in der Heimat einen miserablen Ruf. Als Juristin hatte Broka relativ schnell Karriere gemacht. Auf dem Höhepunkt trat sie als Justizministerin 2014 in die Regierung ein, musste aber bald wieder auf großen Druck aus ihrem Amt zurücktreten. Aus nicht veröffentlichten Gründen hatte der Verfassungsschutz Lettlands ihr als Justizministerin die höchste Geheimhaltungsstufe verweigert. "Lettische Medien vermuten als Hintergrund, dass sie 2004 als Juristin eine ominöse Immobilienfirma beraten hat, die einen großen Hotelkomplex am Rigaer Strand privatisieren wollte", sagt Detlef Henning, Lettland-Experte an der Universität Hamburg, der ARD-Dopingredaktion, "und für die Beratungstätigkeit soll sie von einem Araber, der später von Interpol gesucht wurde, einen Kredit überlassen bekommen haben in Höhe von 100.000 Dollar."

Inwiefern die Anschuldigungen lettischer Medien gerechtfertigt sind, lässt sich nicht überprüfen. Broka dementiert jegliches Fehlverhalten. Sie weist daraufhin, dass sie später geholfen habe, die Rechtslage der Verfassungsschutzüberprüfung zu ändern und dass sie, wie viele andere Menschen, ihr Eigenheim über einen Kredit finanziert habe und den regelmäßig bediene.

Diskussion um IBU-Präsidentschaftskandidaten

Sportschau | 05.09.2018 | 02:25 Min.

Falsche Freunde

Dass sie allerdings sogar in der Heimat umstritten ist, liegt auch an ihren Kontakten und ihrer Gesinnung. "Sie soll persönliche Bekanntschaften, Freundschaften pflegen zu einem kriminellen Milieu in Riga, zu der sogenannten Insolvenzverwalter-Mafia, wird berichtet", sagt der Historiker Henning, "das sind Insolvenzverwalter, die Insolvenzen betrügerisch abwickeln. Und einer ihrer Freunde soll bis vor kurzem acht Monate in Untersuchungshaft gesessen, dann im Februar dieses Jahres freigekommen sein gegen eine Kaution von 500.000 Euro, die vermutlich aus russischen Quellen stammt." Broka teilt zu der Verdachtsberichterstattung lettischer Medien mit: "Diese Gerüchte werden von unseren politischen Konkurrenten vor jeder Wahl benutzt."

Vor allem hängt der Politikerin die führende Mitgliedschaft in der Nationalen Vereinigung "Alles für Lettland - Für Vaterland und Freiheit" an, einer nationalistischen Partei. In deren Videos wird sie vor Bildern im Hintergrund vorbeimarschierender Waffen-SS gezeigt, die in Lettland als Befreier von den Russen gefeiert werden, obwohl sie beim Genozid an den Juden maßgeblich mitwirkten. Broka verteidigt das nationale Gedenken an die lettischen SS-Truppen.

Russland-Plädoyer

Broka pflegt in Lettland freundschaftliche Kontakte zur Familie des Anführers einer Kreml-nahen Gruppierung, der durchaus zugetraut wird, in einigen Wochen stärkste Partei zu werden und auf einen Austritt des Landes aus der NATO zu drängen. Die Juristin Broka ("Ich trenne streng zwischen beruflichen und politischen Pflichten und meinen privaten Beziehungen") hat sich für ihre Verteidigung gewappnet: Die ARD-Dopingredaktion wurde von einer ihrer Lobbyistinnen kontaktiert, noch bevor eine Gesprächsanfrage möglich war. Ihrer Entgegnung stellt Broka dann als Präambel erstmal Auszüge aus der Olympischen Charta voran: mit Hinweisen auf Diskriminierungsverbote aufgrund der Gesinnung.

Daher befürchten einige Sportfunktionäre nicht zu Unrecht, Broka könne in der IBU prorussische Positionen im Stile des Amtsvorgängers durchsetzen wollen. Russland ist nach den Dopingskandalen derzeit nicht Vollmitglied in der IBU und drängt auf seine uneingeschränkte Wiedereinsetzung. Als vorige Woche die Fälle von vier neuen russischen Dopingbeschuldigten, darunter die Olympiasieger Jewgeni Ustjugow und Svetlana Slepzowa, publik wurden, beeilte sich Broka, öffentlich mitzuteilen, die Altfälle dürften Russlands Reintegration nicht hemmen. "Derzeit", betont hingegen der DSV-Boss Steinle, der sich in Porec zum Vizepräsidenten wählen lassen will, "ist noch nicht die Zeit für eine Vollmitgliedschaft."

Migrierender Russe

Die verfahrene Situation zeitigt in der skandalumwitterten IBU kuriose Weiterungen. So hat der Russe Alexander Tichonow angekündigt, beim Kongress einen Antrag stellen zu wollen, gleich beide Kandidaten abzulehnen, "weil keiner es verdient, Präsident der IBU zu werden", wie die russische Nachrichtenagentur Tass ihn zitierte. Der frühere Weltklasse-Biathlet Tichonow galt einst als Vizepräsident selbst als Anwärter auf den Posten – bis er in Russland als Hintermann eines Mordanschlags auf einen Gouverneur zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, vor der ihn nur eine Amnestie rettete.

Seine Teilnahme am Kongress hat der Delinquent mit Raffinesse gesichert: Er tritt als Repräsentant Georgiens auf. Im Zuge der Russland-Sanktionen hat unter den Biathlon-Funktionären ohnehin ein Migrationsverhalten eingesetzt wie es sonst eher in der Leichtathletik unter kenianischen Läufern üblich ist. Der bisherige russische Vizepräsident Viktor Maygurov darf auch ungehindert wieder zur Wahl eines Ersten IBU-Vizepräsidenten kandidieren: Er kandidiert für Weißrussland.

Thema in: Morgenmagazin, Das Erste, 6.9., ab 5.30 Uhr

Stand: 05.09.2018, 21:43

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